Es ist eine alte Gesellschaft, hier im Landkreis Kitzingen. Und sie wird in den nächsten Jahren noch sehr viel älter. Bis zum Jahr 2035 könnte die Zahl der Menschen, die älter als 65 sind, auf 25 900 anwachsen – das sind 40 Prozent mehr als noch im Jahr 2017. „Wenn die Rentner-Generation nicht stärker berücksichtigt wird, droht vielerorts schon in einigen Jahren eine graue Wohnungsnot“, sagt Michael Groha, Bezirksvorsitzender der Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) Mainfranken und beruft sich auf eine Demografie-Prognose des CIMA Instituts für Regionalwirtschaft.

„Wenn die Rentner-Generation nicht stärker berücksichtigt wird, droht eine graue Wohnungsnot.“
Michael Groha, IG BAU Mainfranken

Viele, freie Wohnungen im Landkreis und in der Stadt Kitzingen seien für die rasant wachsende Generation Ü65 nicht geeignet. Und nun?

Rebecca Hick kennt das Problem. Als Geschäftsführerin der Kitzinger Baugesellschaft mbH bekommt sie immer wieder Wohnungsgesuche von Senioren auf den Tisch – unterbringen kann sie nur einen kleinen Teil. „Wenn Erdgeschosswohnungen frei werden schauen wir schon, dass wir sie an die ältere Bevölkerung vergeben.“ Allerdings wurden viele der Häuser, die in Besitz der Baugesellschaft mbH sind, in den 50er, 60er Jahren gebaut, als es schick war, mit Hochparterre, kleinen Stufen und Treppen zu wohnen. Der Bestand in der Stadt Kitzingen gibt also nicht allzu viel her für Senioren.

Anders sieht es dort aus, wo neu gebaut wird. In der Breslauer Straße entstehen 59 Sozialwohnungen, in die zum Beispiel keine Badewannen mehr eingebaut werden und die man mit Aufzügen erreichen können wird. Dass hier irgendwann auch der ein oder andere Senior einziehen wird, ist für Rebecca Hick klar. Den Wohnberechtigungsschein, der für einen Einzug dort vorausgesetzt wird, können die meisten Rentner problemlos beantragen. „Die Renten fallen ja oft nicht allzu üppig aus“, weiß Rebecca Hick und sieht sich hier in der Verantwortung, an die älteren Menschen wirklich nur Wohnungen abzugeben, die sie sich auch leisten können.

Darin sieht auch Carsten Vetter das größte Problem: in der finanziellen Leistungsfähigkeit. Als Bezirksvorsitzender des VdK setzt er sich dafür ein, dass bezahlbarer Wohnraum für Senioren entsteht. Das Hauptaugenmerk des größten, deutschen Sozialverbandes liegt zwar nicht unbedingt auf dem Wohnrecht, er fordert aber laut Vetter schon seit Längerem, dass sich vor allem auch gesetzlich etwas tut in diesem Bereich. „Es wird zwar viel gebaut in Kitzingen, aber es handelt sich dabei eher um hochpreisige Objekte.“ Günstigere Immobilien seien als Sozialwohnungen gefördert worden, inzwischen aber zu hochpreisigen umgebaut. Und die seien mit einem Rentnerbudget nicht zu bezahlen. In Kitzingen erhielten Männer im Rentenalter im Jahr 2018 durchschnittlich rund 1140 Euro, Frauen 590 Euro. Dem gegenüber stehen Mieten, die sich wegen der Nähe zur Stadt Würzburg auch den dortigen anpassen. „Die meisten Senioren haben den Wunsch, möglichst lange in den eigenen vier Wänden zu leben und auch zu sterben“, sagt Carsten Vetter. „Aber wie will man sich das leisten?“

Den Wunsch, so lange wie möglich zu Hause zu wohnen, hört auch Herbert Köhl immer wieder. Der Seniorenbeauftragte am Landratsamt Kitzingen stellt allerdings fest, dass in den letzten zehn Jahren durchaus einige Bauprojekte für seniorengerechtes Wohnen im Landkreis geplant und umgesetzt wurden. VdK-Bezirksvorsitzender Vetter kritisiert in diesem Zuge, dass mancher Investor sich das Paket „Betreutes Wohnen“ teuer bezahlen lasse. „Wenn dann nicht nur die Wohnung barrierefrei ist, sondern auch verbunden mit caritativen und Serviceleistungen, dann lässt sie sich teuer verkaufen.“ Teilweise auch zu teuer, findet der VdK.

Am Landratsamt kann man den Preis natürlich nicht beeinflussen, um das Angebot sind die Verantwortlichen grundsätzlich froh.

Trotzdem sei zu erwarten, „dass vor allem aufgrund des demographischen Wandels auf längere Sicht geeigneter und vor allem bezahlbarer Wohnraum für Senioren (...) knapp sein wird.“ Nachdem 2020 im Rahmen des sogenannten seniorenpolitischen Gesamtkonzeptes (SPGK) eine Bestands- und Bedarfsermittlung im Bereich der Pflegeeinrichtungen durchgeführt wurde, soll eine solche – nach 2010 zum zweiten Mal – auch für den privaten Wohnbereich erfolgen.

Ziel sei es, neue Handlungsempfehlungen zu formulieren, „um den Bestand an den ermittelten Bedarf anzugleichen“.

Darüber hinaus unterstütze das Landratsamt Senioren und ihre Angehörigen darin, Häuser und Wohnungen barrierefrei zu machen. Zur staatlichen Förderung, dem „Leistungsfreien Baudarlehen im Bayerischen Wohnungsbauprogramm“, das für die Anpassung von Wohnraum an die Belange Älterer und Menschen mit Behinderung eingesetzt wird, bietet Herbert Köhl zusammen mit den entsprechenden Experten regelmäßig Beratungstage an. Michael Groha von der IG BAU Mainfranken geht das Förderangebot nicht weit genug. Die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) biete zwar Zuschüsse und Kredite, das Fördervolumen von 150 Millionen Euro reiche aber nicht aus. Der Bund müsse die Förderung mindestens verdoppeln, um das Senioren-Wohnen voranzubringen. Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus: Laut Haushaltsplan stehen für die altersgerechten Sanierung im nächsten Jahr nur noch 130 Millionen Euro zur Verfügung. Am Ende stehe die Lebensqualität Tausender Menschen im Kreis Kitzingen auf dem Spiel.

„Es ist eine Grundvoraussetzung, dass die Mieter mit ihren Wohnungen alt werden können.“
Rebecca Hick, Kitzinger Baugesellschaft mbH

„Es kann nicht sein, dass ein Rentner (...) ins (...) Pflegeheim muss, weil eine ambulante Betreuung an der seniorengerechten Ausstattung der eigenen Wohnung scheitert“, macht Groha deutlich. Das Problem werde aktuell durch Corona verschärft, weil gerade auch ältere Menschen einen Großteil ihrer Zeit zu Hause verbringen. Und so wird die Wohnungssuche – nicht nur, aber auch für Senioren – im Moment noch zusätzlich erschwert. Die Kitzinger Baugesellschaft mbH hat zwar aktuell einige Wohnungen frei, kann aber wegen des Lockdown keine Besichtigungstermine anbieten. So oder so kommen auf eine freie Wohnung rund 20 Bewerber, weiß Rebecca Hick. Dann müsse die Größe passen, das Einkommen ausreichen. Auf dem Weg zu altersgerechten Wohnung warten also auch in Stadt und Landkreis Kitzingen viele Hürden, die es zu nehmen gilt. „Wir möchten natürlich, dass die Mieter einziehen und lange bleiben können“, sagt die Geschäftsführerin. „Es ist eine Grundvoraussetzung, dass die Mieter ohne Probleme mit ihren Wohnungen alt werden können.“ Eine Voraussetzung, die ein großer Teil des Wohnraums in Stadt und Landkreis Kitzingen schlicht und einfach nicht erfüllt.