Hartmut Brick hat 39 Jahre lang bei der Unteren Naturschutzbehörde gearbeitet. Für die Veränderungen in der Natur hat er einen Blick. Was ihm – und vielen anderen sicher auch – in diesen regenreichen Wochen auffällt: Die Erosion nimmt zu. Immer häufiger wird wertvoller Boden abgetragen. Zum Ärger von Landwirten und Hausbesitzern.

Zwischen Mainbernheim und Iphofen war Brick vor etwa einer Woche mit seinem Rad unterwegs. Reste des abgespülten Schlamms waren noch auf der Fahrbahn, das meiste war bereits im Graben gelandet. Keine Seltenheit: In Hoheim klagten Bürger erst kürzlich über Wasser, das in den Kellern stand, und am neuen Friedhof in Kitzingen wurde ebenfalls ein Abtrag von wertvollem Boden beobachtet. Dann kam die Nacht zum 9. Juli, die vor allem den Bewohnern im östlichen Landkreis lange in Erinnerung bleiben dürfte. Geiselwind und seine Ortsteile, Wiesentheid und andere Gemeinden hatten mit Überschwemmungen zu kämpfen. Starke Niederschlagsereignisse werden laut Prognosen der Meteorologen immer häufiger, das Thema wird drängender „Der Boden ist unser aller Kapital“, sagt Brick. „Es sollte in unser aller Interesse sein, ihn zu erhalten.“

"Niemand will einen Bodenabtrag", meint Thomas Karl

Im Interesse der Landwirte ist es das auf jeden Fall. „Niemand will einen Bodenabtrag“, versichert Thomas Karl vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Kitzingen. „Aber ganz wird er sich nicht verhindern lassen.“

Je offener der Boden, desto anfälliger ist er für Erosionen. In Maiskulturen, die im Frühjahr angebaut werden, beispielsweise, oder auf Zuckerrübenfeldern. Der Anbau von so genannten Zwischenfrüchten kann helfen. Senf im Winter beispielsweise, oder Klee. „Die Wurzeln halten den Boden“, weiß Hartmut Brick. Ganz so einfach ist das Verfahren aber nicht.

Ist der Winter mild und die Zwischenfrüchte erfrieren nicht, steht der Landwirt vor einem Problem: Der Einsatz von chemischen Mitteln wäre jetzt das Beste – zumindest im Sinne des Erosionsschutzes. Die Wurzeln könnten im Erdreich verbleiben, das Erdreich halten. „Je mehr mechanische Bodenbearbeitung, desto größer ist die Gefahr einer Erosion“, sagt Thomas Karl. Ist die oberste Bodenschicht erst einmal gelockert, kann sie bei einem starken Regenguss leichter abgetragen werden. Vor allem auf Äckern mit Hangneigung, wie sie im Maintal und seinen Seitentälern überall zu finden sind, ist das der Fall. Dort helfen sich die Landwirte, in dem sie Mais und Rüben quer zum Hang anbauen. „Aber gänzlich wird sich Erosion nicht vermeiden lassen“, weiß Thomas Karl. Und manchmal sind ahnungslose Hausbesitzer die Opfer.

Schon 2016: Gärten sind überschwemmt, Schlamm liegt auf Terrassen, Keller sind vollgelaufen

Ende Mai 2016: Die Anlieger im Kitzinger Baugebiet Hammerstiel trauen ihren Augen nicht. Die relativ neu angelegten Gärten sind überschwemmt, der Schlamm hat sich auf die Terrassenmöbel gelegt, einige Keller laufen voll. Nach einem Starkregen ist der Schlamm vom oberhalb liegenden Maisfeld in die Siedlung gerollt. Die Mitarbeiter des Bauhofes haben Sandsäcke zur Verfügung gestellt, später ist eine Entwässerungsmulde angelegt worden. Die Erosion ist beileibe kein exklusives Thema für Landwirte.

Oliver Graumann ist sich der Problematik durchaus bewusst. „Die Natur braucht mehr Raum“, sagt der Leiter des Kitzinger Bauamtes. Jeder Grashalm sei mehr wert als ein Betonstein. Also schaut sich die Stadt Kitzingen genau an, wo sie neue Gewerbe- oder Baugebiete erschließt. Eine Versiegelung des Bodens soll möglichst vermieden werden. Die Konversionsflächen waren diesbezüglich hilfreich.

In den ehemaligen amerikanischen Siedlungen konnte man alte Strukturen nutzen. „Massenhafte Flächenausweisungen im Stadtgebiet waren seither nicht nötig“, sagt Graumann.

Bei extremen Wettereignissen sind Erosionen nicht zu verhindern

Dennoch: Oberhalb des Hammerstieles ist ein weiteres Baugebiet in Hanglage ausgewiesen worden, „Am Wilhelmsbühl“ ebenso. Ein so genanntes Muldenrigole-System soll dort helfen, Überschwemmungen zu verhindern. „Das funktioniert wie ein Graben, in dem sich das Wasser sofort sammelt und besser versickert“, erklärt Graumann. „Letztendlich wie eine Bremse.“

Sein Wunsch: In Zukunft müsse man noch sensibler mit Freiflächen umgehen, noch genauer analysieren, wo Flächen versiegelt werden und wo das Regenwasser abfließen kann. „Im Vorfeld lässt sich einiges tun“, sagt Graumann. „Aber bei extremen Wetterereignissen wie jüngst sind Erosionen einfach nicht zu verhindern.“