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Borreliose: Es kann jeden treffen

Schon im Frühjahr wurde 2020 als besonders intensives Zeckenjahr angekündigt. Die Prognose hat sich bestätigt. Ohne Schutzmaßnahmen sollte niemand in den Wald.
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Trotz seiner Erfahrungen und Leidensgeschichte lässt sich Christopher Brandt die Freude an der Natur nicht nehmen und besucht mit Freunden und Verwandten auch mal Ziegen. Foto: Foto: Brandt
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Christopher Brandt kennt das Problem, er hat schon in jungen Jahren schmerzhafte Erfahrungen damit gemacht. Zeckenbisse können ein Leben verändern.

Brandt war 26 Jahre jung, hatte gerade sein Studium beendet, die Zukunft im Blick. Er hat den Zeckenbiss bemerkt, die Stelle hat sich schnell gerötet. Er ist zum Hausarzt, der hat ihm Antibiotika verschrieben. „Eigentlich alles richtig gemacht“, sagt er heute, sieben Jahre später. Doch die Beschwerden wollten nicht vorbei gehen. Rasende Kopfschmerzen, wie bei einer Sommergrippe, Gelenk- und Muskelbeschwerden. „Ich bin kaum noch die Treppe hochgekommen.“ Es gab Tage, da konnte er kaum etwas essen, selbst das Sitzen fiel ihm schwer. Hinzu kam eine neurologische Komponente. Gedächtnislücken, Sprachstörungen. Die Ärztetournee begann. „Die akute Phase hat fast zwei Jahre gedauert“, erinnert sich der Würzburger, der auch sieben Jahre später noch unter den Folgen des Bisses leidet. Die Diagnose lautete Borreliose. Eine laut Robert Koch Institut „weit verbreitete Krankheit, die ernst zu nehmen ist.“ Nach einem Zeckenstich wurde bei etwa 2,6 bis 5,6 Prozent der Betroffenen eine Borrelien-Infektion nachgewiesen, nur ein kleiner Teil der Infizierten erkrankt. Laut RKI ist bei 0,3 bis 1,4 Prozent der Zeckenstiche mit Krankheitssymptomen zu rechnen. Bei den allermeisten Erkrankungen handelt es sich um vergleichsweise milde Verläufe, die mit Antibiotika gut behandelbar sind und auch behandelt werden müssten, damit keine Komplikationen auftreten.

Wunderbares Jahr für Zecken

Ein relativ warmer Winter, ein relativ feuchtes Frühjahr: wunderbare Bedingungen für Zecken, wie Professor Jochen Krauss von der Universität in Würzburg bestätigt. „Für 2020 ist schon im Frühjahr ein zeckenreiches Jahr vorhergesagt worden“, erklärt er. Das liege an dem milden Winter und warmen Frühjahrstemperaturen, die zu einer geringen Wintermortalität der Zecken führt. „Da wir wegen dem Klimawandel zunehmend diese warmen Winter und Frühjahrsperioden haben, liegt dies also indirekt am Klimawandel“, so der Zoologe.

Ab einer Temperatur von zehn Grad Celsius werden Zecken in der Regel aktiv. Am aktivsten sind sie im Mai und Juni. Bei großer Hitze ziehen sie sich in schattige und feuchte Bodenbereiche zurück. Ansonsten sitzen sie auf Gräsern oder in Büschen, gelangen von dort auf die Haut von Spaziergängern und Wanderern. Die Vorstellung, dass sich Zecken von Bäumen fallen lassen, ist Unsinn.

Sind sie erst einmal auf der menschlichen Haut angelangt, suchen sie sich ein warmes und weiches Plätzchen, betäuben die Stelle und bohren sich dann in die Haut ein. „Bei Erwachsenen kann das die Kniekehle oder auch der Intimbereich sein“, erklärt Marcel Schöpf vom Roten Kreuz in Kitzingen. Bei Kindern ist es oft der Hals- und Kopfbereich betroffen. Schöpf ist bei BRK unter anderem für die Ausbildung zuständig, lehrt Erste-Hilfe. Seine Beobachtung: In den letzten Jahren sind immer mehr Menschen mit Zeckenbissen behandelt worden. „In diesem Jahr war es bislang extrem.“

Mitten im Hochrisikogebiet

Zecken können mehrere Krankheiten übertragen. FSME, die Frühsommer-Meningoenzephalitis, und Borreliose sind die schwerwiegendsten. FSME ist eine Gehirn-, Gehirnhaut- oder Rückenmarkentzündung, die durch Viren verursacht wird. „Wir liegen mitten im Hochrisikogebiet“, warnt Schöpf. Alle Landkreise rund um den Kitzinger sind derart eingestuft. Trotzdem gibt es eine gute Nachricht: Gegen FSME kann man sich impfen. Gegen Borreliose nicht.

Marcel Schöpf kennt eine Menge Leute, die mit Borreliose zu kämpfen hatten, die von Kreislaufzusammenbrüchen und langwierigen Komplikationen berichten. „Es kann jeden treffen“, warnt er. Ein entsprechender Schutz sei deshalb essenziell. „Gerade für Menschen, die sich oft in der Natur aufhalten.“ Lange Hosen und Ärmel, Strümpfe und feste Schuhen gehören dazu. Auch Zeckensprays können etwas bringen, versichert der BRKler. Der Schutz hält allerdings nur wenige Stunden an.

Am wichtigsten sei es, den Körper nach einem Aufenthalt im Wald gut nach Zecken abzusuchen. Hilfsmittel zum Herausziehen gibt es einige. Ob Zange, Zeckenkarte oder spitze Pinzette – wichtig sei es, den Körper des Tieres nicht zu quetschen. „Sonst presse ich die Zecke förmlich aus und das Infektionsrisiko steigt erst recht“, erklärt Schöpf. Deshalb sollte die Zecke auch nicht gedreht, sondern möglichst gerade herausgezogen werden. Zur Not geht das auch mit den Fingernägeln. Und danach zum Klo hinunterspülen? Keine gute Idee: Zecken sind äußerst robust, können sogar untergetaucht länger überlegen – weil sie ihre Atemöffnungen verschließen können. Besser ist es, die Zecke zwischen den Fingernägeln zu zerreiben und die Hände danach zu waschen.

Selbsthilfegruppe reaktiviert

Christopher Brandt hat all diese Vorsichtsmaßnahmen beherzigt und ist trotzdem schwer erkrankt. Bis heute ist er berufsunfähig. Leidensgenossen will er Mut machen und vor allem Aufklärung betreiben. Brandt reaktiviert deshalb die Würzburger Selbsthilfegruppe, die auch für Patienten aus dem Landkreis Kitzingen Ansprechpartner sein soll. „Wir wollen uns austauschen und Aufklärungsarbeit betreiben“, erklärt er. Schließlich sollen möglichst wenige Menschen die gleichen schmerzhaften Erfahrungen durchleben wie er.

Wissenswertes zu Zecken

Artenreichtum: Weltweit gibt es rund 900 Arten, in Deutschland etwa 30. Besonders artenreich sind sie in den Tropen. Dort sind Zecken auch für schwere Erkrankungen von Nutztieren verantwortlich.

Robust: Zecken sind durch ihren Körperbau perfekt an das Leben im Fell oder Gefieder ihrer Wirte angepasst. Sie können lange hungern und ertragen Frost.

Nachkommen: Ein Zeckenweibchen hat mehrere tausend Nachkommen.

Haustiere und Zecken: Bei Tieren hilft in der Regel ein Zeckenhalsband.

Natürliche Feinde: Von Vögeln über Wespenarten bis hin zu Mikroorganismen gibt es verschiedene Feinde.

FSME-Risikogebiete in Deutschland: 2020 gelten in Deutschland 164 Landkeise beziehungsweise Städte als FSME-Risiko-Gebiete. Das entspricht mehr als 40 Prozent aller deutschen Stadt- und Landkreise. Die meisten davon liegen in Baden-Württemberg und Bayern, wo letztes Jahr 83 Prozent der über 400 FSME-Erkrankungen gemeldet wurden.