Die gute Nachricht: Dem Coronavirus konnte in zwei betroffenen Seniorenheimen Einhalt geboten werden. Die schlechte Nachricht: Der Impfstart im Landkreis Kitzingen ist holprig – auch wenn sich die Beteiligten nach Kräften anstrengen. Doch: wo wenig Impfstoff, da kaum Impfung. Dafür gibt es eine Menge Mehrarbeit.

„Wir hätten uns viel Arbeit sparen können“, sagt Helmut Witt und seufzt. In seinem „Haus der Pflege“ in Sickershausen sollte eigentlich am 27. Dezember geimpft werden. Alles war vorbereitet, die Mitarbeiter hatten die Angehörigen angerufen, bis für zwei Bewohner waren alle Zustimmungen da. Kurz vor Heiligabend kam die Anweisung aus vom Robert-Koch-Institut, die über das Ministerium weitergeleitet wurde: ein neues Formblatt sei notwendig.

Auf dem alten fehlten Hinweise auf mögliche Nebenwirkungen, die aufgrund der neuen Corona-Mutation aus England denkbar sind. Der 27. Dezember ließ sich als Termin nicht mehr halten, die Angehörigen mussten über die Feiertage erneut kontaktiert werden. Montag, der 4. Januar wurde als neuer Termin bestimmt. Am Freitag, dem 1. Januar, kam die Meldung, dass es nicht genug Impfstoff gebe. Jetzt ist der kommende Montag anvisiert.

Zwischendurch erhielt Witt ein Schreiben vom BRK: Achtung! Blutverdünner könnten gefährlich sein. Sie sollten vorsorglich abgesetzt werden. „Das ist gar nicht so einfach“, betont Witt. Ohne ärztliche Bestätigung wollte er die Anweisung nicht umsetzen. Also haben seine Mitarbeiter alle betroffenen Hausärzte angerufen – und erhielten unterschiedliche Aussagen. „Letztendlich haben wir uns entschieden, die Blutverdünner bei allen betroffenen Bewohnern aus den täglichen Medikamentengaben rauszuklauben.“ Wenig später kam die Meldung: Blutverdünner sind doch kein Problem. Also wieder rein in die jeweiligen Medikamenten-Abgaben. „Wir werden mit Infos zugeschüttet und haben eine Menge Mehrarbeit“, bedauert Witt, der sich aber vor allem freut, das Coronavirus nicht im Haus zu haben. Eine Mitarbeiterin wurde kurz vor Weihnachten positiv getestet – alle Reihentestungen fielen negativ aus.

„Mit Verstorbenen aufgrund der Pandemie ist in unserem Hause zum jetzigen Stand nicht zu rechnen.“
Ludger Schuhmann, Leiter „Haus der Senioren“

Ludger Schuhmann sieht den Arbeitsaufwand ähnlich. Der Leiter des „Hauses der Senioren“ in Marktbreit tagt mit seinem Krisenstab fast rund um die Uhr. Am 22. Dezember ist bekannt geworden, dass eine Mitarbeiterin positiv auf Corona getestet wurde. Sofort fing die Maschinerie zu Laufen an. Alle Bewohner und Mitarbeiter – rund 250 Personen – wurden einem Reihentest unterzogen, die Einrichtung engmaschig kontrolliert. Für die Mitarbeiter von BRK, Gesundheitsamt und des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) hat Schuhmann ein dickes Lob parat. Für seine eigenen Mitarbeiter sowieso. „Blitzschnell“ sei ein eigener Pandemiebereich mit Isolierstation eingerichtet worden, mit zwei Schleusen und separatem Eingang für die Mitarbeiter. Die dürfen keinen Kontakt mit ihren Kolleginnen außerhalb des Pandemiebereichs haben, müssen nach jedem Besuch in einem der Zimmer ihre Schutzkleidung wechseln und verfügen über eine eigens eingerichtete, separierte Umkleide.

Der Aufwand hat sich gelohnt. Zur Zeit befinden sich vier Mitarbeiter in häuslicher Quarantäne. Sieben Bewohner sind im Haus selbst in Quarantäne. Zudem gibt es zwei Bewohner, die sich als Kontaktpersonen 1 in einem Zimmer befinden. Nur ein Wohnbereich ist betroffen. „Die anderen sind komplett clean“, freut sich Schuhmann und betont die wichtigste Erkenntnis: „Mit Verstorbenen aufgrund der Pandemie ist in unserem Hause zum jetzigen Stand nicht zu rechnen.“

Natürlich ist auch der Marktbreiter Einrichtungsleiter an einer schnellen und komplikationslosen Impfung interessiert. So leicht ist es leider nicht. Am 27. Dezember sollte die Impfung stattfinden, am 23. kam die veränderte Betreuer-Vereinbarung. Auch in Marktbreit wurde über die Feiertage versucht, Kontakt mit den Angehörigen aufzunehmen. 30 Dosen wurden schließlich für den 27. Dezember avisiert, tatsächlich trafen 45 ein. 43 Mitarbeiter ließen sich impfen, darunter Schuhmann selbst. „Und zwei Bewohner, die selbst unterschreiben konnten.“ Am 31. Dezember sollte die nächste Impfung stattfinden. Am Abend vorher war von 110 Dosen die Rede. Tatsächlich kam morgens nur die Hälfte. Am Nachmittag traf ein zweites Impfteam des BRK ein. Bis zum 7. Januar waren 75 Mitarbeiter und 33 Bewohner geimpft. Ab Freitag, 8. Januar, sind die nächsten Impfungen vorgesehen. Schuhmann hofft auf verlässlichere Ansagen. „Bis jetzt kamen diesbezüglich keine weiteren Informationen“, informierte er am Donnerstagnachmittag. „Man muss die Bewohner und die Mitarbeiter ja immer wieder auf den Punkt aktivieren.“

„Es gibt nichts, was man nicht besser machen kann.“
Barbara Becker, Landtagsabgeordnete

Angesprochen auf die Probleme sagt Landtagsabgeordnete Barbara Becker (CSU): „Es gibt nichts, was man nicht besser machen kann.“ Das Landesparlament sei ständig einbezogen in die Corona-Entwicklungen. Die Informationen würden an die zuständigen Landratsämter zeitnah weitergegeben. Deshalb müsste es vor Ort auch bekannt sein, wie viel Impfstoff tatsächlich vorhanden ist. „Die Zahlen waren immer bekannt“, betont Becker. In der ersten Charge waren es bayernweit beispielsweise 210.000 Dosen – die gleichmäßig auf die Landkreise verteilt wurden. Oft würden kurzfristige Änderungen, wie das neue Betreuungsformular, vom Bund angestoßen und über die Landesregierung lediglich an die Kommunen weitergeleitet.

Landrätin Tamara Bischof hatte jüngst in dieser Zeitung von „Hau-Ruck-Aktionen“ gesprochen und als Beispiel die Anschreiben an die über 80-Jährigen genannt, die nicht in einem Seniorenheim leben. Die müssen informiert werden, wann und wo sie impfberechtigt sind. Kurz vor Weihnachten habe das Gesundheitsministerium erklärt, entsprechende Anschreiben selbst direkt an die Senioren verschicken zu wollen. Nach den Feiertagen delegierte München die Aufgabe dann aber doch an die Kreisverwaltungsbehörden.

Becker hat eine andere Sicht auf die Dinge. Es sei unlogisch, dass diese Schreiben vom Ministerium aus versendet werden sollten. „Das Gesundheitsministerium hat gar nicht die Adressen und auch nicht die Manpower.“ Die liege bei den Gesundheitsämtern vor Ort. Die seien – dank der finanziellen Hilfe aus München – ums Vierfache aufgestockt worden. Becker kann sich denn auch vorstellen, dass die zweite Gruppe der zu Impfenden – über 70-Jährige, medizinisches Personal und Menschen mit Vorerkrankungen – über die Landratsämter oder die Fachärzte angeschrieben werden. Spätestens im zweiten Quartal sollte für die ersten beiden Impfgruppen genug Impfstoff vorhanden sein.

Insgesamt laufe der Impfstart trotz aller Schwierigkeiten „passabel.“ Eine Einschätzung, die nicht jeder teilt. Ministerpräsident Markus Söder hat Gesundheitsministerin Melanie Huml am Dienstag entlassen. Sicher nicht grundlos.