Landkreis Kitzingen Die Kinder machen es vor: Der Griff zum Helm geschieht bei den jungen Radfahrern fast automatisch, bevor sie sich auf ihren Sattel schwingen. Ganz anders bei den Erwachsenen. Die laufen gerne mal am Regal vorbei, in denen ihr Fahrradhelm ein tristes Dasein fristet – falls er dort überhaupt vorhanden ist. Joachim Hupp wohnt im Landkreis Kitzingen und muss als Polizist immer wieder feststellen, dass vielen Radfahrern nicht bewusst ist, wie leichtsinnig sie die Unversehrtheit ihres Kopfes aufs Spiel setzen. Als zuständiger Polizeirat für strategische Verkehrssicherheitsarbeit beim Polizeipräsidium Unterfranken hat er deshalb mit seinem Team im Frühjahr die Initiative „KopfEntscheidung“ ins Leben gerufen.

Frage: Am 23. April dieses Jahres ist die Kampagne „KopfEntscheidung“ gestartet. Worauf wollte die Polizei mit der Aktion aufmerksam machen?

Joachim Hupp: Die Analyse der Unfallstatistik 2020 hat gezeigt, dass Unfälle mit Radfahrenden im Vergleich zum Vorjahr um 15 Prozent gestiegen sind. Neben dieser Tatsache war auffällig, dass die unfallbeteiligten Radfahrer nur in knapp der Hälfte der Fälle einen Fahrradhelm trugen. Mit der Präventionskampagne „KopfEntscheidung“ wollen wir die Fahrradfahrenden dazu animieren, einen Fahrradhelm zu tragen und sich damit bewusst für den Schutz ihres Kopfes entscheiden.

Und wie beziehungsweise mit welchen Aktionen sind Sie dabei vorgegangen?

Joachim Hupp: Insgesamt haben wir im Jahr 2021 in Unterfranken über 40 Kontrollaktionen zum Schutz der Radfahrer, aber auch Kontrollen der Zweiradfahrenden durchgeführt. Weiterhin haben wir in 31 Präventionsveranstaltungen im Zusammenhang mit der Kampagne „KopfEntscheidung“ versucht, die Menschen von der Gefahrenreduktion für schwere Kopfverletzungen durch das Tragen eines Fahrradhelmes zu überzeugen. Im Rahmen dieser Aktionen haben wir insgesamt 4000 Verkehrsteilnehmer persönlich erreicht.

Das erfolgte also alles in Präsenz?

Joachim Hupp: Nicht nur. Neben der Durchführung klassischer Präventionsveranstaltungen lag ein weiterer Schwerpunkt unseres Handelns in der Verkehrsprävention über unsere Social-Media-Kanäle. Mit unserem Präventionsvideo, bei dem uns regional bekannte Persönlichkeiten unterstützt haben, konnten wir die Reichweite in unseren Zielgruppen deutlich erhöhen. Besonders erfreulich ist in diesem Zusammenhang, dass unsere Aktion in einer Art Social-Media-Challenge durch alle zehn Bayerischen Landespolizeipräsidien fortgeführt wurde und wir allein auf diesem Weg über 600.000 Menschen direkt mit unserer Botschaft erreicht haben. Dabei wurden wir unter anderem von Herrn Ministerpräsidenten Dr. Markus Söder, Thomas Müller, Manuel Neuer, Walter Röhrl, Lothar Matthäus und vielen weiteren Persönlichkeiten unterstützt.

Haben Sie das Gefühl, mit der Kampagne etwas erreicht zu haben?

Joachim Hupp: Unabhängig davon, ob sich unsere Präventionsbemühungen in der Verkehrsunfallstatistik 2021 direkt in einer höheren Helmtragequote niederschlagen werden, sind wir definitiv davon überzeugt, auf diesem Feld etwas erreicht zu haben. Eines habe ich bei den Gesprächen übrigens regelmäßig festgestellt: Die Entscheidung, einen Fahrradhelm nicht zu tragen, wird oft unbewusst getroffen. Vor diesem Hintergrund war es oftmals nicht einmal notwendig, weitergehende Überzeugungsarbeit mit Sachargumenten zu leisten. Auf Nachfrage wurde nicht selten die Antwort „Ich weiß es doch eigentlich…“ formuliert.

Wie sehen denn die aktuellen Unfallzahlen in 2021 aus?

Joachim Hupp: Nach aktuellem Stand liegen die Verkehrsunfallzahlen mit Fahrrädern – inklusive Pedelecs – im Jahr 2021 niedriger als im Vorjahreszeitraum. Allerdings sind im Jahr 2021 in Unterfranken acht Fahrradfahrer bei Verkehrsunfällen getötet worden. Die Hälfte davon war ohne Fahrradhelm unterwegs.

Welche Personengruppe tut sich denn am schwersten mit dem Tragen eines Helms?

Joachim Hupp: Wenn man hier die Personengruppe hernimmt, die nach den absoluten Zahlen der verunfallten Radfahrer ohne Fahrradhelm am größten ist, dann ist das die Altersgruppe von 51 bis 64 Jahren.

Würden Sie persönlich eine Helmpflicht begrüßen?

Joachim Hupp: Eine gesetzliche Regelung ist nach meinem Dafürhalten immer dann notwendig, wenn weniger einschneidende Maßnahmen keine Wirkung mehr entfalten. Unser Ansatz ist aktuell, die Menschen von der Notwendigkeit des Tragens eines Fahrradhelms zu überzeugen. Sollte dies nicht gelingen, halte ich eine Helmpflicht zumindest für Pedelecs aus fachlichen Gesichtspunkten für einen gegebenenfalls notwendigen Schritt, um Leib und Leben der Radfahrer besser zu schützen.

Die Kampagne ist jetzt zu Ende. Sicher wird die Polizei die Aufklärungsarbeit in diese Richtung aber nicht einstellen?

Joachim Hupp: Natürlich werden wir unsere Anstrengungen in Bezug auf das Tragen eines Fahrradhelms auch im Jahr 2022 fortführen, da uns eine stetige und nachhaltige Entwicklung wichtig ist. Nachdem die Bedeutung des Fahrrades und insbesondere des Pedelecs als Fortbewegungsmittel weiterhin stark zunimmt, werden wir der polizeilichen Verkehrssicherheitsarbeit in diesem Kontext also auch weiterhin einen hohen Stellenwert einräumen.