Hellert: Wir hatten beide viel Erfahrung in diesem Bereich, wollten aber auch die neuesten wissenschaftlichen Ergebnisse abbilden. Es hat Freude gemacht, das wissenschaftlich fundierte Konzept „Stressbewältigungskompetenz“ zu erstellen.
Sie lehren Stressmanagement. Für wen sind Ihre Kurse geeignet?
Milkau: Vorwiegend sind unsere „Train the Trainer“-Fortbildungen für Menschen gedacht, die sich in Betrieben für die Gesundheit der Mitarbeiter einsetzen. Es können auch Fachkräfte aus dem Bereich der psychosozialen Gesundheit, Ärzte, Psycho- und Physiotherapeuten oder Sportmediziner teilnehmen. In unserem fünftägigen Seminar erwerben sie fachliche, didaktisch-methodische und soziale Kompetenzen für eine selbstständige Kursleiter- und Beratertätigkeit.
Wo finden diese Seminare statt?
Hellert: Wir haben in Iphofen tolle Seminarräume gefunden. In dem idyllischen Winzerort mit seiner historischen Altstadt lässt es sich sehr gut abschalten, zur Ruhe kommen. Die perfekte Atmosphäre, um sich mit gesundem Arbeiten zu befassen.
Gibt es Berufsgruppen, die besonders gestresst sind?
Milkau: Im Grunde sind alle Berufsgruppen betroffen, weil sich die Arbeitswelt extrem schnell verändert. Besonders stressgefährdet sind Schichtarbeiter: Schlafmangel und gestörter Tag-/Nacht-Rhythmus sind gefährdende Faktoren. Aber auch in der IT-Branche ist die Belastung sehr hoch. Und schließlich sind alle betroffen, die „Emotionsarbeit“ leisten. Da hängt die Gesundheit oft an einem seidenen Faden.
Dann sind es gar nicht die großen Bosse, die am meisten leiden oder am ehesten einen Burn-out bekommen?
Milkau: Nein, am gefährdetsten sind tatsächlich Führungskräfte im mittleren Segment. Wer sich endlich bis ganz nach oben gearbeitet hat, kann aufgrund seiner Handlungs- und Entscheidungsspielräume ganz anders agieren. Die „Manager-Krankheit“ trifft heute ganz normale Arbeitnehmer. Unabhängig von der Branche leben wir aber in einer Zeit, in der es überall Arbeitsverdichtung gibt und der Termindruck steigt. Und in der ungewollte Arbeitsunterbrechungen einem das Leben erschweren – denken Sie nur an das ständige „Pling“ beim Eingang neuer Nachrichten. Dabei bräuchten wir unsere volle Konzentration eigentlich, denn die kognitiven Anforderungen – also wie wir Wissen und Informationen verarbeiten – steigen fast in allen Berufsfeldern.
Wie kommt man aus diesem Teufelskreis aus Anforderungen, Termindruck und ständiger Erreichbarkeit heraus?
Hellert: Wir empfehlen die 3-S-Methode: Stressanalyse, -bewertung, -bewältigung. Es gibt individuell anzupassende Strategien, wie man Belastungen reduziert oder sogar verhindert. Für jeden anwendbar ist der Satz: „Ob ich mich aufrege oder nicht, entscheide ich selbst!“ Manchmal hilft es, einen Schritt zurückzutreten und zu überlegen, ob es das wirklich wert ist, sich aufzuregen, oder ob man die umstrittene Tätigkeit nicht an andere delegieren oder verschieben kann. Oder einen Sachverhalt vielleicht akzeptieren kann, ohne dem Kampf- oder dem Fluchttrieb zu folgen – diese körpereigene Chemie ist noch immer in uns verankert. Es ist ein Automatismus, der uns wie in der Steinzeit zum Keulenschwingen bringt, statt zur nüchternen Analyse und Kopfarbeit, die eigentlich gefragt ist.
Manche Menschen brauchen aber doch auch ein bisschen Stress, oder? Sie empfinden mäßigen Stress als positiv.
Hellert: Es gibt keinen positiven Stress! Menschen, die mir von „positivem Stress“ erzählt haben, hatten nur noch einen kurzen Weg bis zum Burn-out. Gerade solche Menschen müssen dringend lernen, auch mal nein zu sagen. Es gibt zwar Workaholics und Menschentypen, die von ihrer genetischen Anlage her weniger stressanfällig sind als andere. Aber auch sie müssen das Thema Selbstfürsorge ernst nehmen: sich selbst wahrnehmen lernen, achtsam sein und ein Gespür entwickeln, wann es eben doch zu viel wird.
Was können Arbeitgeber und Vorgesetzte dafür tun?
Milkau: Eine vorausschauende Planung der anstehenden Arbeit beugt Stress vor. In der Ruhe liegt die Kraft! Betriebe brauchen eine Kultur, die akzeptiert, wenn eine Abteilung signalisiert: Mehr geht wirklich nicht. So was sollten Arbeitgeber ernst nehmen und nicht ihr wichtigstes Gut, die Menschen, verschleifen. Entspannungszeiten sind zu garantieren und ungestörter Urlaub. In Zeiten digitaler Medien ist es mittlerweile gang und gäbe, auch im Urlaub „mal schnell“ Mails abzurufen und zu beantworten. Das ist nicht gut, denn jeder Mensch braucht mal eine Auszeit, in der er komplett abschalten kann. BMW kann hier als Vorbild dienen: Das Unternehmen hat eine Nichterreichbarkeits-Verfügung für die Mitarbeiter ausgearbeitet.
Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Eine Krankenschwester muss immer wieder für Kollegen einspringen, in verschiedenen Schichten arbeiten, Überstunden machen. Wie kann sie sich davor schützen, ein Opfer des Systems zu werden?
Hellert: Ganz wichtig ist, dass sie auch für sich selbst gut sorgt. Ernährung und Schlaf sind hier die Stichworte. Längerfristig ist es sinnvoll, sich mit Kollegen zusammenzutun, mit der Mitarbeiter-Vertretung zu sprechen und die Unternehmensführung zu informieren, dass da etwas im Argen liegt. Es gibt Krankenhäuser, die für ihre Belegschaft zum Beispiel Gesundheitstage anbieten. Wenn sich allerdings trotz des Protestes gar nichts ändert, kann es auch sinnvoll sein, den Arbeitgeber zu wechseln.
INFO: Prof. Dr. phil. Ulrike Hellert ist Autorin, Wirtschaftswissenschaftlerin und promovierte Arbeitspsychologin. Sie lehrt an der FOM-Hochschule Nürnberg und ist dort wissenschaftliche Direktorin des Instituts für Arbeit & Personal. Sie lebt in Scheinfeld. Diplom-Psychologin Brigitte Milkau ist Arbeits- und Organisationspsychologin, Business- und Resilienz-Coach. Mit ihrer Firma Milkau Arbeitsschutzmanagement berät sie seit über 20 Jahren Unternehmen bei Veränderungsprozessen und gibt Kurse für psychische Gesundheit am Arbeitsplatz. Sie lebt in Bamberg. Infos: www.gesellschaft-fuer-gesundes-arbeiten.de