Er ist ein echter Künstler. Sein großes Vorbild ist aber ein Metzger. „Seine Art, die Bodenständigkeit, sein ganzes Leben haben mich inspiriert“, sagt Kurt Leykauff über Karl Ludwig Schweisfurt, den Wurstfabrikanten, der glückliche Schweine liebte. „Er hat mir gezeigt, dass man Prinzipien haben und dafür auch einstehen muss.“ Das hat sich Leykauff zur Maxime gemacht und manche Berg-, aber auch einige Talfahrten hinter sich gebracht. Die Corona-Zeit erlebt er als schwierige Phase, dabei wollte er doch in diesem Jahr ganz groß feiern: seit 150 Jahren hat seine Heimatstadt Marktsteft das Stadtrecht inne.

Kurt Leykauff verarbeitet die Krise auf seine Weise. Aus alten Eisenbahnschwellen, einer Rotkreuz-Transportbox und einer leuchtend roten Blumenvase hat er sein Corona-Kunstwerk gebastelt. Die Vase ist aus Murano-Glas gefertigt und stammt damit aus einer Region Italiens, in der Covid-19 zwar nicht allzu verheerend wütete. Venetien steht allerdings wie wenig andere für Kunst, für Schönheit und Kultur. Das alles bleibt in Zeiten von Reise- und Kontaktbeschränkungen quasi unbeachtet. Für Kurt Leykauff ein schlimmer Zustand.

Er ist Rentner, hätte jetzt Zeit, mit seiner Frau herumzureisen und sich Kunst und Kultur in aller Herren Länder anzuschauen. Schon in jungen Jahren trieb es ihn weg von der Heimat, fünf Jahre lebte er in Berlin. „Ich hatte keine Lust mehr auf meinen Job hier, auf die schlechte Bezahlung für die viele Arbeit“, erinnert sich der gelernte Betriebsschlosser. Also suchte er sich eine andere. Er ging in den Osten Deutschlands, arbeitete für Siemens. Und für den Lebensmittelhersteller Herta. Sein oberster Chef war Karl Ludwig Schweisfurt. „Das hat er uns aber nie merken lassen. Das hat mich sehr beeindruckt“, sagt Leykauff, der damals Ende 20 war. „Er kam einfach vorbei, mit seinem Schlapphut auf dem Kopf, und war nie überheblich, trotz seines Vermögens.“ Und: Er habe immer einen Sinn für das Schöne gehabt. Wie Leykauff selbst, der regelmäßig auf den Berliner Flohmärkten nach unentdeckten Schätzen suchte. Aufmerksam verfolgte der Marktstefter auch den weiteren Werdegang Schweisfurts, der in den 80er Jahren sein millionenschweres Unternehmen an die Konkurrenz verkaufte, um einer der ersten Bio-Tierhalter des Landes zu werden.

Für Kurt Leykauff rückte der gutbezahlte Job nach seiner Rückkehr in die Heimat ebenfalls in den Hintergrund. Er wurde Vater zweier Söhne, nahm sich viel Zeit für die Familie - und entdeckte die Geschichte der ehemaligen Markgrafen- und Handelsstadt Marktsteft für sich. Seine Leidenschaft verband er mit der Arbeit, wurde Stadtarbeiter und schließlich Leiter des Bauhofs. Unter dem Motto „Geschichte und Handwerk“ stellte er zum 800. Geburtstag Marktstefts eine Ausstellung in der Kirchenburg zusammen, zeigte den Besuchern hunderte Erinnerungsstücke, von der Bierflasche über Hammer und Amboss bis hin zu Lampenschirm, Reisekoffer oder Schmuckschatulle. Es ist nur ein Bruchteil von dem, was er in seiner Kunstscheune angesammelt hat. „Zigtausend Gegenstände“ seien dort verstaut. Das Anwesen, das direkt an sein Elternhaus angrenzt und in unmittelbarer Nähe zu seinem Wohnhaus im Alten Stift am Lindenplatz liegt, hat er vor einigen Jahren gekauft. Ursprünglich, um es mal für seine Jungs auszubauen. Weil die abwinkten, hat er es jetzt selbst in Beschlag genommen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Denn Kurt Leykauff hat dort nicht nur sein Corona-Kunstwerk zusammengeschmiedet, sondern auch viele weitere Unikate kreiert. Dafür verwendet er „Schrott“ und Naturprodukte, die er im nahegelegenen Maintal findet: Vom Biber angeknabberte Birken, vom Gewitter gezeichnete Pappeln, Muscheln, Steinwerk.

Nur zu gerne hätte Leykauff auch zum 2020 anstehenden Jubiläum eine Ausstellung organisiert. Zusammen mit dem Marktstefter Künstlerkollegen Marc Kraemer hatte er sich viele Gedanken gemacht, sogar schon ein Konzept erstellt – für eine Feier unter einem neuen Bürgermeister. Aus seinem Posten als Bauhofleiter schied er aus gesundheitlichen Gründen aus, die letzten Jahre habe es immer wieder Unstimmigkeiten mit dem neuen und alten Ortsoberhaupt Thomas Reichert gegeben. „Jetzt konzentriere ich mich auf das, was ich unabhängig von der Stadt anbieten kann“, sagt Leykauff. Marktsteft als Kunst- und Handwerkerstadt wolle er Zugezogenen und Gästen näher bringen. „Ich bin heute sehr glücklich“, sagte Leykauffs großes Vorbild Karl Ludwig Schweisfurt einmal. So weit würde der Stefter Künstler in diesen Krisenzeiten vielleicht nicht gehen – seine zweijährige Enkelin hat er während des Kontaktverbots schmerzhaft vermisst. Unabhängig davon tut er aber vor allem das, was ihn glücklich macht. Und bleibt dabei seinen Prinzipien treu.