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Dettelbach
Corona-Krise

"Unser Gasthaus stirbt": Hotel- und Gaststättenverband sieht Ende der Gastronomie-Branche kommen

Lässt der Staat die Gastronomie in der Corona-Krise im Stich? Der stellvertretende Bezirksvorsitzende des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes macht der Politik Vorwürfe: „All die Versprechen können Sie vergessen.“
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"Vergessen Sie es. Es wird keine Biergärten mehr geben." Thomas Dauenhauer mit Tochter Laura-Sofie Dauenhauer-Fritz und Frau Eva-Maria Dauenhauer. Foto: Dauenhauer
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Deutscher Hotel- und Gaststättenverband mit heftiger Kritik: Corona-Hilfen für die Gastronomie kommen offenbar nicht an - "das ist alles gelogen."

Landkreis Kitzingen: Wir erwischen Thomas Dauenhauer zwischen zwei Gesprächen am Telefon. Der Besitzer von zwei Hotels mit Gaststätte und einem Café in Dettelbach ist stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) in Unterfranken und hörbar frustriert. Mehr noch: Er macht sich kaum noch Hoffnungen für die gesamte Branche. „Die Gastronomie ist am Ende“, sagt er.

Wie haben Sie und Ihre Kollegen die Corona-Krise bislang überstanden?

Dauenhauer: Ich kann unsere Zukunftsaussichten gar nicht düster genug beschreiben. Falls Sie glauben, dass irgendjemand in diesem Sommer oder Herbst noch in einem Biergarten sitzen wird: Vergessen Sie es. Es wird keine Biergärten mehr geben.

Aber der Staat hat doch Hilfen versprochen.

Dauenhauer. Von denen nichts ankommt. Null. All die Versprechen der Politik können Sie vergessen. Das ist alles gelogen.

Das Kurzarbeitergeld sollte doch schon lange fließen.

Dauenhauer: Schön wäre es. Ich habe etwa 40 Mitarbeiter und gleich am Anfang der Krise Kurzarbeit beantragt. Geflossen ist noch nichts. Auf Nachfrage heißt es, dass die Anträge vielleicht im Mai oder Juni bearbeitet werden. Das Monatsende April ist in Sicht. Fragen Sie mich mal, wie ich die Löhne ausbezahlen soll.

Keine Chance?

Dauenhauer: Überhaupt keine. Wir kommen alle aus dem Wintergeschäft. Da ist in Franken nicht viel Geld zu verdienen. Im Frühjahr läuft die Hauptsaison wieder an. Aber im Frühjahr kam Corona. Wir hatten schon Vorräte gekauft und Mitarbeiter eingestellt.

Was machen Ihre Mitarbeiter zurzeit?

Dauenhauer: Sie haben nichts zu tun, aber dürfen nicht heim. Wir haben Mitarbeiter aus 15 Nationen hier. Von Polen bis Marokko. Die versorgt unsere Tochter noch zusätzlich mit Essen. Wir können sie ja nicht verhungern lassen.

Seit sechs Wochen sind Hotels und Gaststätten geschlossen. Mit wie viel Verlust rechnen Sie?

Dauenhauer: Das kann ich Ihnen ganz genau sagen. Ende April werden uns mehr als 200.000 Euro Umsatz fehlen. Wir haben alle Rücklagen längst aufgebraucht. Sogar das Sparbuch der Oma ist leer. Wir stehen an der Wand. Und so geht es fast allen Kollegen, mit denen ich gesprochen habe.

Was ist mit den versprochenen Soforthilfen?

Dauenhauer: Die werden nach Betriebsgröße gestaffelt. Vom Land Bayern habe ich 15.000 Euro erhalten. Bei Umsatzverlusten von rund 200.000 Euro können Sie sich ausrechnen, was mir das bringt.

Und vom Bund?

Dauenhauer: Vom Bund? Da ist noch gar nichts angekommen. Auf Nachfrage heißt es bloß, die Mitarbeiter seien alle überlastet.

Aber es gibt doch Darlehen, die man beanspruchen kann.

Dauenhauer: Ja, aber da gibt es so viele Hindernisse, dass sie kaum ein Betrieb wirklich beantragen kann.

Welche Hindernisse?

Dauenhauer: Zum Beispiel muss man in den letzten drei oder vier Jahren rückwirkend einen Gewinn angeben können oder ein gutes Ergebnis im Dezember vorweisen oder, oder, oder...

Es hieß immer, dass die Hilfen unbürokratisch zu erlangen sind.

Dauenhauer: Von wegen. Die Politik hat uns sogar von hinten ins Kreuz getreten.

Das müssen Sie erklären.

Dauenhauer: Wir haben vor rund 20 Jahren eine Versicherung abgeschlossen. 18.000 Euro Prämie pro Jahr haben wir bezahlt. Die würde jetzt greifen. In den ersten zwei Wochen wurde uns auch pauschal von der Versicherung die Hälfte der vertraglich vereinbarten 3.900 Euro ausbezahlt. Dann kam unser Wirtschaftsminister Herr Aiwanger und meinte, dass die Rechtslage zu unterschiedlich sei. Dass er lieber eine pauschale Lösung für alle Betriebe wolle.

Die Konsequenz?

Dauenhauer: Statt 3.900 Euro sollten wir jetzt zehn Prozent, also 390 Euro, erhalten. Und dann hat uns die Versicherung das Messer auf die Brust gesetzt. Wir sollen diesem Bayerischen Kompromiss zustimmen und für alle Zukunft auf Leistungen in Zusammenhang mit Corona verzichten. Jetzt stehen wir als Almosen-Bettler da. Eine absolute Katastrophe.

Markus Söder hat angedeutet, dass die Mehrwertsteuer auf sieben Prozent gesenkt wird.

Dauenhauer: Was wir schon seit Jahren fordern. Warum zahle ich für eine Bratwurst in der Gaststätte 19 Prozent und an der Imbissbude sieben Prozent? Das war noch nie einleuchtend. In der Vergangenheit hätte uns das etwas gebracht.

Jetzt nicht mehr?

Dauenhauer: Ich sehe keine Zukunft für die Gastronomie. Viele Kollegen werden schließen müssen. Kaum jemand hat Rücklagen gebildet. Wie auch?

Sehen Sie gar keine Lösung?

Dauenhauer: Wir müssten ganz schnell wieder in die normale Geschäftstätigkeit zurückkehren. Und das Kurzarbeitergeld und die Soforthilfen müssten jetzt bezahlt werden. Jetzt heißt: in dieser Woche. Das gilt auch für Kredite. Die müssen sofort zur Verfügung gestellt werden. Und zudem müsste ein Hilfsfond für die Gastronomie zur Verfügung gestellt werden, der echt Hilfe bringt. Vielleicht kommen dann doch noch einige Betriebe über den Sommer.