„Ich musste selbst zuerst an grüne Aktien denken“, erinnert sich Jörg Fuchs an den Moment zurück, als er das erste Mal von der Würzburger Biobank gehört hat. Nun führt er zusammen mit seinem Kollegen Jörg Geiger durch die futuristische Anlage der „ibdw“, der interdisziplinären Biomaterial- und Datenbank des Universitätsklinikums und der Universität Würzburg. Die Zwei arbeiten mit rund einem Dutzend Kollegen an der Biobank. Eine wichtige Aufgabe, denn Jörg Fuchs ist sich sicher: „Biobanken werden die medizinische Forschung revolutionieren.“

Von außen ist es ein einfacher Flachbau – innen jedoch vollgepackt mit modernster Technologie. „Möglichst viele Arbeitsschritte sind automatisiert, um die Gefahr der Kontamination zu minimieren“, erklärt Geiger. Und um die Mitarbeiter zu schützen: Schließlich können die Proben hochansteckende Erreger enthalten. Deshalb füllen Roboterarme Blut und andere Körperflüssigkeiten in kleine Proberöhrchen – 0,3 Milliliter pro Stück. Die Computer werden über Touchpad bedient. Denn: „Tastaturen und Mäuse sind absolute Keimschleudern“, sagt Geiger.

Dann führt er in das Herz der Anlage, zwei große Kühlschränke, Minus 80 Grad Celsius. In zwei gesonderten Tanks werden sogar Minus 165 Grad erreicht. „Einer der kältesten Orte in Franken“, sagt Fuchs schmunzelnd. Es ist laut, die Kühlanlagen brummen. Auf einem Bildschirm kann man in das Innere der Schränke blicken: eisige Landschaften, mit Platz für 1,2 Millionen Röhrchen.

Was soll das alles? Geiger erklärt: Wissenschaft und Forschung leben von Experimenten. Von überprüfbaren Aussagen. Doch der menschliche Körper ist komplex. Das macht es schwierig für die Mediziner. So wurden beispielsweise sogenannte „Biomarker“ entwickelt. Sie sollten und sollen auf bestimmte Krankheiten hinweisen – ein Früherkennungssystem sozusagen. „Bei vielen Biomarkern hat sich leider herausgestellt, dass sie ungeeignet sind“, sagt Geiger. Die schlechte Qualität der Proben habe die Ergebnisse verfälscht.

Blut, Urin und Hirnwasser

Hier setzt die Biobank an: „Wir sammeln Proben zentral und kontrollieren ihre Qualität", sagt Geiger. „Das ist unser Ziel.“ Die Biobank ist also eine Datenbank – eine Bibliothek. Körperflüssigkeiten wie Blut, Serum, Urin oder Hirnwasser, aber auch Gewebeproben von tausenden Menschen sollen hier gelagert werden. Forscher können sich dann aus diesem Vorrat bedienen und ihre Tests durchführen. Beispielsweise auch bei seltenen Krankheiten. „Wenn ich pro Jahr vielleicht ein oder zwei Fälle habe in Deutschland, dann kann ich ohne so eine zentrale Biobank gar nicht vernünftig forschen“, sagt Geiger.

Dabei war Deutschland im Bereich der Biomaterialsammlung lange Zeit Entwicklungsland. In Deutschland wurden fünf „Leuchtturmprojekte“ gefördert – eines davon in Würzburg. „Das einzige in Bayern“, wie Geiger mit Blick auf die Kollegen in München lächelnd erwähnt.

2011 begann der Bau. Es folgten mehrere Jahre Testbetrieb. Erst im vergangenen Herbst ging es richtig los. Deshalb sind bisher auch nur einige tausend Proben gelagert. „Wir sind noch im Aufbau“, sagt Geiger. Und man habe noch mit Problemen zu kämpfen – mit technischen und rechtlichen.

Einerseits stellen die extremen Temperaturen enorme Herausforderungen an die Materialien. Bei Temperaturunterschieden von 100 Grad können sich die Probenröhrchen zusammenziehen – und dehnen sich dann wieder aus. „Wenn man Pech hat, gehen die Röhrchen am Ende nicht mehr aus den Halterungen“, erklärt Geiger. Damit die Probenhalter und die Motoren nicht festfrieren, werden sie regelmäßig bewegt. Und schließlich gibt es noch ganz profane Probleme: „Üblicherweise werde Etikette auf die Röhrchen geklebt – doch welcher Kleber funktioniert noch bei solchen Temperaturen?“

Rechtlich hat man vor allem mit dem Datenschutz zu tun. Die Patienten müssen vor der Probenentnahme zustimmen. Jeder wird im persönlichen Gespräch über das Programm informiert. Doch: „Viele Patienten sind gerade in einer Stresssituation – haben beispielsweise eine schlimme Diagnose erhalten“, erklärt Fuchs. Da müsse man sensibel mit dem Thema umgehen.

Wichtiger Datenschutz

Die Proben werden anonymisiert gelagert. Es wird einiges unternommen, um zu verhindern, dass man unbefugt von der Probe auf eine reale Person zurückschließen kann. „Wenn man einmal Daten sammelt, dann haben daran immer viele Leute Interesse“, sagt Geiger. Das solle unbedingt verhindert werden. Schließlich besitze der medizinische Datenschutz in Deutschland hohe Relevanz.

Problematisch wird es dann, wenn sich bei Untersuchungen Hinweise auf eine Erkrankung ergeben, die bisher nicht diagnostiziert wurde. Für diesen Fall gibt es eine Möglichkeit, den Patienten zu informieren. Aber: „Was macht man, wenn ein Patient laut Test eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit hat, irgendwann an Alzheimer zu erkranken? Nützt diese Information irgendwem?“, fragt Geiger. Auch hier ist Sensibilität gefragt.

Bei allen normalen Startschwierigkeiten, Geiger und Fuchs sind sich sicher, dass das ibdw einen wichtigen Beitrag zur Forschung leisten wird. Spätestens dann werden sicherlich mehr Menschen wissen, dass es sich bei der Biobank nicht um ein Kreditinstitut, sondern um den kältesten Ort Frankens handelt.