Holger Meesmann hat viele, schöne Erinnerungen im Kopf, wenn er an seine zweite Heimat denkt: Seine Patentante Hannelore und ihren Mann Walter Ell, das gemeinsame Zelten – und den Karpfenweiher. „Als Zehnjähriger bin ich 1978 das erste Mal hineingeplumpst“, schmunzelt der 52-jährige Nürnberger. Inzwischen hat es ihn auch beruflich wieder in den Kitzinger Landkreis verschlagen: Der Architekt und Denkmalpfleger hat das ehemalige „Landhotel Neuses“ gekauft und daraus die „Alte Post Neuses“ gemacht.

„Das Angebot konnte ich nicht ablehnen“, erinnert sich Holger Meesmann an das Jahr 2017, als „Onkel“ Walters Erben auf ihn zukamen und das Hotel zum Kauf anboten. Er wollte und konnte sich weder der familiären Verpflichtung noch der interessanten Geschichte und der baulichen Gegebenheiten entziehen. „Die heute sichtbaren Gebäude stammen aus dem Jahr 1928, als die halbe Ortschaft, vermutlich nach einem Brandunglück, neu gebaut wurde“, erzählt er. Die alten Fundamente waren noch erhalten, ebenso wie ein historischer Weinkeller, der sein denkmalpflegerisches Herz höher schlagen ließ. „Die Wurzeln des Gasthofs sind bis etwa 1530 belegt.“

Schon seit 1696 war Neuses wegen seiner verkehrsgünstigen Lage zwischen Würzburg und Bamberg, Schweinfurt und Rothenburg ein wichtiger Knotenpunkt für Postritte und Reisegruppen. In einer Urkunde des Fürstenhauses Thurn und Taxis wird bescheinigt, dass die Posthalterei seit 1748 von einem gewissen Anton Seufferling betrieben wurde, dessen „Voreltern bereits seit langen Jahren mit Treu und Fleiß dem Kaiserlichen Reichspostdienst zu Neuses vorgestanden haben“. Einen Höhepunkt in der Geschichte markierte der Aufenthalt von Kaiser Napoleon mit seiner Frau Marie-Louise von Österreich am 9. Mai 1812. Ihm zu Ehren gibt es in der neuen Alten Post auch ein Kaiserzimmer. Der erste Telegraph wurde ab 1876 in der Post zu Neuses betrieben. Im Gasthof war bis 1989 die Postdienststelle untergebracht und er war als Zustellbezirk und Omnibus- und Eilwagen-Haltestelle im Einsatz. Bei der Renovierung nahm Holger Meesmann dieses Thema auf – und zieht es bis heute konsequent durch. „Ich wollte aber bewusst nicht die Postkutschenromantik in den Vordergrund stellen, denn in Neuses war man immer schon sehr innovativ“, erklärt der Architekt. Ein wandfüllendes Bild einer Postdienststelle und verschiedenste Telefonapparate aus längst vergangenen Jahrzehnten erinnern an die ersten Telegraphen und die wichtigen Funktionen, die das Gasthaus jahrelang erfüllt hat. Die Besucher von heute haben es weniger eilig. In den Gasträumen gibt es viel zu entdecken, die Kinder können, während sie auf ihr Briefträgerschnitzel warten, im Biergarten Kinderpost spielen.

Neuer Pächter, neuer Schwung

Überall weisen liebevolle Details auf das Thema hin: Von der Telefonzelle über das Postfahrrad und den restaurierten Volkswagen T2-Bus bis hin zum Eilbier in der Kühltheke und der „Schneckenpost“ auf dem Salatteller. Die Gästezimmer sind mit farbenfrohen Fototapeten von historischen Postmotiven ausgestattet und bilden so eine Verbindung zwischen modernem Raumdesign und der alten Bausubstanz mit malerischen Rundbögen und schweren Holzdecken.

Während die Neuseser Familie Lechner über Generationen hinweg den Gasthof mit Poststation betrieb, kümmert sich heute Hotelbetriebswirt Horst Hensel darum, dass es den Gästen an nichts fehlt. Als leidenschaftlicher Motorradfahrer war der Spessarter auf einer seiner Touren an der Alten Post hängen geblieben, Anfang des Jahres kam er als Pächter mit Holger Meesmann ins Geschäft und will jetzt richtig loslegen: Beim anstehenden Weinwochenende macht er mit dem benachbarten Winzerhof gemeinsame Sache, an der Kirchweih möchte er am liebsten das ganze Dorf in den Hof der Alten Post einladen.

Holger Meesmann sieht mit Genugtuung, dass in die Alte Post nach einer Durststrecke im letzten Jahr und der Corona-Pause wieder Leben einzieht. Für ihn als Besitzer und Investor ist das Ende der Fahnenstange jedenfalls noch lange nicht erreicht: Zum Anwesen gehört auch noch ein Wohnhaus, das seit 30 Jahren leer steht. Es ist zwar nicht denkmalgeschützt, hat aber schöne alte Fenster und transportiert das Flair vergangener Zeiten. „Viele raten zum Abbruch, denn das Gebäude ist schon recht brüchig. Ich habe aber schon schlimmeres gesehen und plane daher die Sanierung für 2021/2022 ein“, sagt der Architekt. Das Ambiente solle erhalten bleiben, das Gebäude ein Teil des Gasthofs werden, vielleicht mit einer Weinstube im Gewölbekeller. „Ich bin davon überzeugt, dass es Zeiten nach Corona gibt und dass Bedarf an gutbürgerlichen Gasthöfen in dieser wunderbaren Gegend herrscht.“

Holger Meesmann kann und will sich bis heute nicht dem Reiz seiner zweiten Heimat entziehen. Die Ländereien, die einst zur Alten Post gehörten, wurden nach dem Tod von „Onkel“ Walter Ell zum Naturschutzgebiet umgewandelt. Im Wald geht der Nürnberger Architekt trotzdem gerne noch spazieren. Immerhin kann er heute gut selber aufpassen, dass er nicht in einen der Karpfenweiher plumpst.