Die Zahlen verstetigen sich. Die Umfragen sprechen mittlerweile eine klare Sprache. Was vor einem halben Jahr noch völlig undenkbar war, ist jetzt eingetroffen: Die SPD hat die Union überholt. Wie führende SPD-Politiker aus der Region auf diese Entwicklung reagieren.

Robert Finster71 Jahre, Fraktionsvorsitzender im Kreistag: „Jetzt rächt sich der größte Fehler der CDU und von Angela Merkel. Der Ausstieg aus der Atomenergie bis ins Jahr 2032 war schon unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer beschlossene Sache gewesen. Die CDU hat den Beschluss einkassiert, dann kam Fukushima und der Ausstieg wurde auf 2022 vorgeschoben. Allerdings hat niemand in der Union wirklich sagen können, wie diese Energiewende gelingen kann.

Hohe Glaubwürdigkeit

Natürlich habe ich vor einem Vierteljahr auch nicht gedacht, dass sich die Zahlen so entwickeln. Aber es ist absurd zu sagen, dass Olaf Scholz nur deshalb so gut dasteht, weil die anderen Kandidaten Schwächen zeigen. Scholz hat schon immer eine hohe Glaubwürdigkeit gehabt, auch jetzt verspricht er nicht zu viel, sondern bleibt Realist. Ich bin überzeugt davon, dass sich diese Sachlichkeit auch am Wahltag durchsetzen wird. Die Herausforderungen dieser Zeit sind die Klimapolitik, die Finanz- und Sozialpolitik. Und da sind wir meines Erachtens besser aufgestellt als die Union.

Olaf Scholz hat die Flügel innerhalb der SPD befriedet – und das wird auch nach der Wahl so bleiben. Am liebsten wäre mir natürlich eine Koalition von Rot-Grün unter Führung der SPD. Die „Rote-Socken-Kampagne“ der Union wird jedenfalls nicht verfangen. Scholz hat klar gemacht, dass er nicht mit den Linken koalieren wird, wenn sie sich nicht klar zur Bundeswehr und zur NATO bekennen.“

Volkmar Halbleib57 Jahre, Landtagsabgeordneter: „In den letzten Jahren hatten wir innerhalb der SPD immer wieder Auseinandersetzungen, die uns Stimmen gekostet haben. Aus diesen Fehlern haben wir gelernt. Wir haben nicht nur inhaltlich viel gearbeitet, sondern geben jetzt auch ein Bild der Geschlossenheit nach außen ab. Ohne große Diskussionen haben wir uns frühzeitig auf Olaf Scholz als Kandidaten geeinigt, bei Union und Grünen schwelt dagegen bis heute die Frage, ob ein anderer Kandidat nicht der bessere gewesen wäre. Und: Die SPD hat in der Großen Koalition einige Themen zu Ende gebracht, gerade im sozialen Bereich. Denken Sie an die Grundrente oder das Kurzarbeitergeld.

Vertrauen schaffen

Jetzt haben wir eine gute Ausgangslage für die kommenden drei Wochen, aber natürlich weiß ich auch, dass in dieser Zeit viel passieren kann. Die Frage wird sein, wer seine Wähler – und die bislang Unentschlossenen – am besten mobilisiert. Die Regierungsbildung wird dieses Mal sicher eine spannende Herausforderung, ich gehe von einer Dreier-Konstellation aus, Jamaika oder eine Ampel. Die Zeiten von zwei ganz großen Parteien sind vorbei, die Gesellschaft wird immer pluraler und ausdifferenzierter. Zum Glück kann Olaf Scholz Koalitionsverhandlungen leiten, er kann Vertrauen schaffen.

Maurice Then, 24 Jahre, stellvertretender Kreisvorstand: „Ich freue mich über die guten Umfragewerte, es wurde aber auch langsam mal wieder Zeit. Ich bin mit 18 Jahren in die SPD eingetreten, habe also die SPD immer als Juniorpartner in einer GroKo erlebt. Die gute Arbeit der letzten vier Jahre wird jetzt anscheinend belohnt, die SPD hat Spuren hinterlassen. Jetzt ist es Zeit für eine Veränderung und die scheint nicht mehr unmöglich. Für so etwas wie Euphorie ist es aber zu früh. Im Wahlkampf kann immer etwas passieren. Ich erinnere an den so genannten Schulz-Zug. Der hat 2017 zwar den Bahnhof verlassen. Das Ziel hat er aber nie erreicht.“

Eva-Maria Weimann, 34 Jahre, stellvertretende Kreisvorsitzende: „Die Stimmung an der Basis ist total gut, ich suhle mich gerade ein wenig darin (lacht). Wir haben ja auch andere Zeiten erlebt. Ich bin seit 2009 in der SPD, seither ging es irgendwie immer bergab. Es wird mal wieder Zeit, dass die soziale Gerechtigkeit eine Wahl entscheidend beeinflusst. Der Wahlkampf macht jedenfalls richtig Spaß. Früher ist man als Genosse an den Infoständen auch mal hart angegangen worden, jetzt treffe ich fast an jedem Tag mindestens eine Person, die sagt, dass sie noch nie SPD gewählt hat – heuer schon. Das sind vor allem Ältere oder ganz junge Wähler.

Wahlkampf macht wieder Spaß

Ich denke, die Beständigkeit und Souveränität von Olaf Scholz zahlt sich jetzt aus und die Geschlossenheit innerhalb der Partei. Wir haben sehr früh ein sehr gutes Programm vorgelegt, an dem alle Genossen mitarbeiten konnten und in dem sie sich auch wiederfinden. Dennoch: Wir sollten uns jetzt nicht auf die Umfrageergebnisse verlassen, sondern weiter Wahlkampf betreiben. Die Welle rollt – und wir sollten sie bis zum Ende surfen.