Nicht einmal fünf Minuten hat es gedauert. In der Nacht vom 29. auf den 30. Mai stieg das Wasser im Fasanenbach bedrohlich an. Elke und Holger Reuß standen am Fenster und beobachteten die Lage angespannt. Und das an ihrem Hochzeitstag.

Schon am 3. Juni 2013 hatten sich die Fluten ihren Weg bis in ihr Haus gebahnt. „Wir liegen besonders tief in Geesdorf“, erklärt Elke Reuß. Damals habe sie früh die Feuerwehr alarmiert – doch der Feuerwehrmann habe ihr erklärt, sie könnten erst ausrücken, wenn das Wasser tatsächlich im Haus stünde. „Ich hab' dann zehn Minuten später noch einmal angerufen: 'Ihr könnt jetzt kommen, das Wasser ist da.“

Für den Fall der Fälle hat die Familie seit damals Sandsäcke bereitstehen. „Aber so schnell konnten wir am Sonntag gar nicht reagieren.“ Eben noch schaut Holger draußen nach dem Rechten, will sich eilig Gummistiefel anziehen. Da hört er Elke schreien: „Das Wasser steht schon im Keller!“

Dass es immer wieder zu Hochwassern kommen kann, ist den beiden klar. „Aber doch nicht über die Felder“, sagt Holger Reuß. Denn es war nicht etwa der Fasanenbach, der letztlich überlief. Von der Ostseite, von den höher gelegenen Äckern am Fuße des Steigerwaldes, habe sich eine Schlammlawine ins Haus ergossen. Auf den Feldern angebauter Mais konnte dem Wasser keinen Widerstand leisten, Entwässerungsgräben fehlten. Elke Reuß ist enttäuscht: Trotz der Erfahrungen von 2013 sei zu wenig passiert.

Gemeinsames Konzept

Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite steht das „Rückhaltekonzept“, das von acht der neun Dorfschätze-Gemeinden in Auftrag gegeben wurde. Zwei Tage nach dem Hochwasser 2013 hatten sich die Bürgermeister der Gemeinden getroffen. „Hier war Land unter – überall“, erzählt Inge Thomaier von der Arbeitsgruppe Dorfschätze. „Es war schnell klar, dass was gemacht werden muss.“

Man entschied sich, ein gemeinsames Hochwasserkonzept zu entwickeln. Bis auf Großlangheim liegen alle Dorfschätze-Gemeinden an einem Wassersystem: Vom Steigerwald transportieren Sambach, Altbach, Fasanenbach, Castellbach und Co. die Wassermassen Richtung Schwarzach.

In der Politikwissenschaft nennt man eine solche Situation Oberlieger-Unterlieger-Problem: Gerade die Gemeinden, die am „Unterlauf“ liegen, sind an einer gemeinsamen Lösung interessiert. Denn sollten die Gemeinden am „Oberlauf“, wie beispielsweise Abtswind oder Castell, einseitig versuchen, das Wasser schnellstmöglich abzuleiten, würde das die Situation in Schwarzach massiv verschärfen. Zusammenarbeit ist für eine tragbare Lösung deshalb alternativlos. Man sitzt eben im selben Boot.

Vermessung dauerte lange

Leicht ist das nicht, erklärt Inge Thomaier. Zunächst sah es noch nach einem schnellen Erfolg aus. In Rekordzeit wurden Anträge ausgefüllt, das Wasserwirtschaftsamt Aschaffenburg ins Boot geholt und das Projekt ausgeschrieben.

Doch bei der Vermessung fingen die Probleme an. Nach dem ersten Plan sollte die bereits Anfang 2015 abgeschlossen sein. Letztendlich wurde es April 2016. Der Grund? Der Aufwand sei vorher nicht absehbar gewesen. Insgesamt 931 sogenannte Profile mussten vermessen werden. Als Profil gilt jede Änderung des Wasserlaufs – sei es eine Biegung, eine Brücke oder ein Durchlauf. Ein Projekt dieser Dimension war für alle Beteiligten Neuland. „Wir sind die ersten in Unterfranken, die ein so umfangreiches Hochwasserschutzkonzept erstellen lassen“, sagt Thomaier. Frühere Erfahrungswerte, auf die man hätte zurückgreifen können, gab es einfach nicht.

Mittlerweile zeigt sich aber Land am Horizont: „Die Planung soll Ende des Jahres abgeschlossen sein“, bestätigt Thomaier. Verschiedene Maßnahmen sind denkbar. Rückhaltebecken sind dabei wohl eher am Unterlauf sinnvoll. Renaturierungen der Bachläufe sollen die Fließgeschwindigkeit verringern und das Wasser länger in der Fläche halten. Im bebauten Gebiet müsse laut dem verantwortlichen Planungsbüro BGS wohl vor allem auf technische Lösungen zurückgegriffen werden. Hier ist beispielsweise an größere Durchlässe zu denken. Ein weitere Möglichkeit sei auch, in bestimmten Gebieten die Flächennutzung zu regulieren. Gerade großflächiger Maisanbau könne die Gefahr von Überflutungen erhöhen.

Einige Dinge ließen sich sicher schnell umsetzen, andere könnten erst in einigen Jahren Thema werden. Inge Thomaier nennt ein Beispiel: „Wir können ja keine gerade neu gebaute Brücke abreißen und umbauen.“

Großzügige Förderung

Was zu der Frage führt, warum die Gemeinden nicht schon mit der Umsetzung begonnen haben. Schließlich ist nicht nur Elke Reuß unzufrieden mit der momentanen Lage. In Gemeinderatssitzungen ist der Hochwasserschutz immer wieder Thema. „Und die Bürgermeister scharren schon mit den Hufen“, erzählt Inge Thomaier.

Doch das würde bares Geld kosten: Bei der Umsetzung der gemeinsamen Schutzmaßnahmen werden die Gemeinden vom Wasserwirtschaftsamt gefördert. „Großzügig“, wie Thomaier betont. Dies würde die Gemeinden deutlich entlasten. Denn auch wenn das Rückhaltekonzept „nur“ um die 100 000 Euro kostet – die Kosten für die Umsetzung aller vorgeschlagenen Maßnahmen könne leicht ausufern und Millionen verschlingen. Gefördert werden aber nur solche Maßnahmen, die im Planungskonzept enthalten sind. Abweichende Einzelmaßnahmen hingegen muss die Gemeinde selbst finanzieren.

Es kann also noch einiges Wasser die Schwarzach hinunter fließen, bis der Hochwasserschutz in den acht Gemeinden wirklich auf Vordermann gebracht ist. Und selbst dann sind Überschwemmungen nicht ausgeschlossen, betont das Planungsbüro.

Wichtig sei deshalb auch die Vorsorge der Bevölkerung: Vorsicht bei Baumaßnahmen, Vorhalten von Sandsäcken und die Bereitschaft zur schnellen Hilfe. Die hat auch die Familie Reuß erlebt: Genau eine Woche nachdem das Wasser bei ihnen im Keller stand, kündigte sich neues Unheil an. Diesmal gelang es ihnen jedoch mit der Hilfe der Nachbarn die Fluten abzuwehren. Denn bei Hochwasser sitzen letztlich alle im selben Boot.