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Schon im Kleinkindalter fiel das Mädchen durch seine permanente Unruhe auf. Durch ihr impulsives Wesen eckte sie an. Bereits im Kindergarten kam es zu Streit mit anderen Kindern.

"Ich habe geahnt, das könnte ADHS sein", sagt ihre Mutter, die von ihren zwei älteren Töchtern wusste, "wie sich Mädchen verhalten."

Außerdem beschäftigt sich die Pädagogin aus dem Landkreis Kitzingen beruflich schon seit 20 Jahren mit der Aufmerksamkeits-Defizit/Hyperaktivitäts-Störung (ADHS).
Weil es ihrer Jüngsten in der Schule nicht besser ging als im Kindergarten, wandte sich die dreifache Mutter an die Familienambulanz für ADHS an der Klinik für Psychiatrie der Universität Würzburg, dem Forschungsschwerpunkt in Deutschland. Dort bestätigte sich der Verdacht. Das Mädchen bekam Methylphenidat verschrieben, bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin.


Ritalin hat keinen guten Ruf. Es ist als Modedroge verschrien, als Wegbereiter schlechterer Schüler zum Gymnasium.

Für die Familie mit dem betroffenen Kind war das Medikament eine Riesenhilfe. Seit September nimmt die Viertklässlerin Ritalin. "Es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht, uns allen sind Steine vom Herzen gefallen", sagt die Mutter. Die Zehnjährige mache sich im Unterschied zu früher selbstständig an die Hausaufgaben, ihre Noten hätten sich um zwei Stufen gebessert. Ihr ganzes Wesen sei viel ausgeglichener.
Die betroffene Mutter weiß, dass viele Menschen Argwohn gegen die Diagnose ADHS hegen und die Gabe von Ritalin verteufeln. Natürlich müsse man eine kritische Einstellung dazu haben, sagt sie.

Das Medikament hat Nebenwirkungen. So haben viele Kinder keinen Appetit mehr, manche magern sogar ab, nicht wenige bekommen Schlafstörungen.

Es gibt immer mehr ADHS-Patienten. Dem Arztreport 2013 der Barmer GEK zufolge stieg die Zahl diagnostizierter Fälle zwischen 2006 und 2011 deutschlandweit von 2,92 auf 4,14 Prozent der unter 19-Jährigen. Besonders hohe Diagnoseraten sind zum Ende des Grundschulalters vor dem Übergang auf weiterführende Schulen zu verzeichnen, berichteten die Reportautoren Thomas G. Grobe und Friedrich W. Schwartz vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung (ISEG) in Hannover.
Besonders oft wird laut Bericht die Diagnose ADHS in Unterfranken beziehungsweise Würzburg gestellt und Ritalin als Medikament verordnet. Die Studie ergab, dass in Würzburg 18,8 Prozent aller zehn- bis zwölfjährigen Jungen und 8,8 Prozent aller gleichaltrigen Mädchen an ADHS leiden.

Liegt das daran, dass sich in diesem bayerischen Bezirk besonders viele Kinder- und Jugendpsychiater niedergelassen haben, vor allem in Würzburg? Darauf gibt es unterschiedliche Antworten.

"Das Angebot regelt die Nachfrage", sagt Diplom-Psychologe Andreas Laurien und deutet damit einen Zusammenhang zwischen Zahl der Praxen und der Patienten an. Der Leiter der Erziehungsberatungsstelle von Diakonie und Caritas in der Güterhallstraße 3 in Kitzingen sagt, 7,5 Prozent der Familien, die in die Beratungsstelle kommen, hätten ein ADHS-Kind. Anmeldungen aus diesem Anlass gingen aber zurück. Bei Betroffenen ziele die Beratung darauf ab, die Stärken des Kindes zu auszubauen. Laurien: "Es braucht einen Ort, wo es - so wie es ist - punkten kann."

Gegen die Gabe von Ritalin sperrt er sich nicht. Wenn soziale Probleme ausuferten, dann müsse rasch gehandelt werden, auch mit Hilfe von Medikamenten. Laurien empfiehlt Eltern eindringlich, sich über ADHS und Ritalin gut zu informieren, um dann richtige Entscheidungen treffen zu können.

Dass auch im Landkreis Kitzingen die Anzahl der Diagnosen zugenommen hat, bestätigt der Kitzinger Kinderarzt Dr. Stephan Küntzer.

Seine Begründung: "Das Problem bekommt mehr Aufmerksamkeit als früher. Das Krankheitsbild ist besser bekannt. " Früher habe man gesagt: Das Kind ist halt sehr lebhaft. Er gibt aber auch zu, dass Ärzte Druck von Eltern oder Schulen bekämen: Mit dem Kind müsse etwas passieren, es könne nicht so weitergehen.
Die Mutter der zehnjährigen ADHS-Patientin geht davon aus, dass die Nähe des Landkreises Kitzingen zum Forschungszentrum der Universität in Würzburg eine Bedeutung hat. Die Bevölkerung in der Region sei über das Syndrom aufgeklärter als anderswo. "Es spricht sich herum, dass hier geforscht wird und man auch Hilfe bekommt."
Kinderarzt Küntzer sagt, es müsse nicht immer ein Medikament sein, das dem betroffenen Schüler und seiner Familie helfen könne. Einen großen Schritt weiter komme eine Familie mit einer guten Tagesstruktur, Konsequenz und vielen Angeboten von Sport und Bewegung.

Hilfsangebot Die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Güterhallstraße 3, Kitzingen, bietet im Frühjahr wieder eine Elterngruppe an. Seit 1997 gibt es diese Gruppen, die letzte fand sich 2011 zusammen. An fünf Terminen geht es darum, wie Familien mit ADHS-Kindern ihren Alltag meistern können. Anmeldungen sind ab sofort unter Telefon 09321/ 7817 möglich.