An großen Arbeitskampf erinnert das Grüppchen von rund 40 Delegierten auf dem Kitzinger Marktplatz am Mittwochnachnachmittag nicht zwingend. Keine Trillerpfeifen sind zu hören. Nur einmal quäkt ganz kurz und fast schüchtern eine Tröte. Wären die Plakate, das am Brunnen stehende Pavillonzelt, das mitgebrachte Transparent und selbst der Mund-Nasen-Schutz vieler Anwesenden nicht im Signalrot der IG Metall gehalten – der Aktionstag der Gewerkschaft könnte leicht im Regengrau untergehen.

Dabei stehen die Delegierten der Betriebsräte nicht nur für 4500 Arbeitnehmer in der Metall- und Elektroindustrie in Stadt und Landkreis Kitzingen, wie Norbert Zirnsak, Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Würzburg eingangs klar macht. Es geht dem Gewerkschafter zufolge an diesem Tag um nicht mehr oder weniger als um den Industriestandort Kitzingen, mit dem das Leben in Stadt und Landkreis stehe oder falle. Ob das gewählte Szenario vom drohenden Untergang etwas hoch gehängt ist oder nicht: Klar ist, dass hier ernsthafte Sorgen mitschwingen, die Sorgen um den Bestand von vielen Arbeitsplätzen und um das damit verbundene Schicksal vieler Menschen in und um Kitzingen.

Gewerkschaft verschickt Forderungen an Politiker und Unternehmen

Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise vergrößern die Sorgen aktuell – sind aber nicht der Anfang des Unbehagens, den Arbeitnehmervertreter in diesen Tagen vielerorts in der Region auf die Straßen treibt. Erst am Dienstag waren es 3000 Metaller in Schweinfurt.  Die Unternehmen befinden sich in einem Prozess des industriellen Wandels, wie es in einem Appell heißt, den die IG Metall im Zusammenhang mit ihrem Aktionstag in Kitzingen verfasst und am Mittwoch an Bürgermeister, Landrätin Tamara Bischof, Abgeordnete aus der Region, aber auch an Unternehmer verschickt hat. Die darin enthaltenen Kernforderungen der Gewerkschaft lauten: Sorgt für sichere, tarifgebundene Arbeitsplätze in den Industriebetrieben, statt zu entlassen. Kümmert euch um die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter. Und lasst die Mitarbeiter mitbestimmen und mitreden, wie es in den Betrieben weitergehen soll.

Zu Wort kommen auf dem Kitzinger Marktplatz in Kurzinterviews mit IG-Metall-Bevollmächtigten Zirnsak auch Vertreter der anwesenden Betriebsrat-Delegationen. Sie schildern, wie es um ihre Betriebe steht, wie diese bislang durch die Corona-Krise gekommen sind. Heinz Rammig, der als Betriebsratsvorsitzender von Leoni für rund 1000 Beschäftigte am Standort Kitzingen steht, spricht von einem "Existenzkampf", in dem sich das Unternehmen befinde. Probleme habe es schon vor Corona gegeben, Stellen wurden schon vergangenes Jahr gestrichen. Hoffnung mache, dass die Produkte von Leoni auch für Elektrofahrzeuge benötigt werden und als systemrelevant gelten.

Ähnlich bei Fehrer, ebenfalls Automobilzulieferer. Betriebsratsvorsitzender Kurt Wexlberger berichtet, dass die Produktion wieder normal laufe, Kurzarbeit aber vorerst fortbestehe. Diese habe Entlassungen verhindert, lobt Wexlberger dieses Instrument. Allerdings fehle derzeit Personalkapazität in der Produktion. Auch Wolfgang Leibold, Betriebsratsmitglied von Bosch-Rexroth in Volkach, berichtet von Kurzarbeit, bereits im vergangenen Jahr. Seit Mai seien davon alle Bereiche des Betriebs betroffen. Er pocht auf Mitbestimmungsrechte der Beschäftigten, um Arbeitgebern notfalls "auf die Füße zu treten" und den Abbau von Arbeitsplätzen zu verhindern.

Die Weiterqualifizierung von Mitarbeitern hilft, deren Arbeitsplätze zu sichern, erklärt Erich Mirnig, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender von Franken Guss in Kitzingen.

Corona erfordert Sicherheitsmaßnahmen in den Betrieben 

Auch die Sicherheit am Arbeitsplatz spielt in Corona-Zeiten eine große Rolle: Homeoffice und Sicherheitsabstände zwischen den Arbeitsplätzen im Betrieb sollen bei Baumüller in Kitzingen die Ausbreitung des Virus unter der Belegschaft verhindern, schildert der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Stefan Belik. Von im Ausland festsitzenden Kollegen und Fragen zu Quarantäne-Regeln berichtet Roland Golm, Betriebsratsvorsitzender bei GEA in Kitzingen.

Konzerne nutzten die Corona-Krise "schamlos aus", um durch Sparmaßnahmen Profite zu sichern, lautet der Vorwurf von Viktor Grauberger, dem für den Landkreis Kitzingen zuständigen Regionssekretär des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Er fordert, "die Reichen" im Land an den Kosten der Krisenbewältigung stärker zu beteiligen.

IG-Metaller Zirnsak kündigt gegenüber dieser Redaktion weitere Aktionen der Gewerkschaft zum Beginn der nächsten Tarifrunde Anfang 2021 an. Derweil fordert er schon mal die Arbeitgeberverbände auf, "verbal abzurüsten". Es schwingt also doch ein Hauch Arbeitskampf mit, an diesem grauen Nachmittag auf dem Kitzinger Marktplatz.