Fränkische Gaststätte muss schließen: Wirt spricht offen über Depressionen

4 Min
Fränkischer Hof in Marktbreit schließt: Wirt spricht über Depressionen
Die Gesundheit geht vor: Nach Jahren in der Gastronomie schließt Wirt Noah Weißenberger seine Gaststätte, den "Fränkischen Hof" in Marktbreit.
Fränkischer Hof in Marktbreit schließt: Wirt spricht über Depressionen
Fränkischer Hof Marktbreit
Fränkischer Hof in Marktbreit schließt: Wirt spricht über Depressionen
Die Gesundheit geht vor: Nach Jahren in der Gastronomie schließt Wirt Noah Weißenberger seine Gaststätte, den "Fränkischen Hof" in Marktbreit.
Fränkischer Hof in Marktbreit schließt: Wirt spricht über Depressionen
Fränkischer Hof Marktbreit
Fränkischer Hof in Marktbreit schließt: Wirt spricht über Depressionen
Die Gesundheit geht vor: Nach Jahren in der Gastronomie schließt Wirt Noah Weißenberger seine Gaststätte, den "Fränkischen Hof" in Marktbreit.
Depression als Grund: Wirt muss fränkische Gaststätte schließen
Fränkischer Hof Marktbreit

Lange kämpfte er weiter, obwohl er merkte, dass etwas nicht stimmt. Im Gespräch mit inFranken.de schildert der fränkische Wirt, warum er sein Lokal schließt und wie seine Zukunft aussieht.

Es gibt Momente im Leben, die einem vor Augen führen, dass es nicht mehr wie bisher weitergehen kann. Auch Noah Weißenberger (31) kam an diesen Punkt. Er habe gewollt, dass die Menschen es von ihm selbst erfahren, betont er im Gespräch mit inFranken.de. "Ich muss euch was mitteilen", schreibt er Ende Oktober auf Facebook. Der 31-jährige Familienvater betreibt in der Stadt Marktbreit (Landkreis Kitzingen) die Gaststätte "Fränkischer Hof". Nach knapp sechseinhalb Jahren in der Selbstständigkeit zieht er jetzt die Notbremse. Er wird das Lokal Ende des Jahres schließen. Der Grund: Depressionen. 

Laut aktuellen Angaben des wissenschaftlichen Instituts der AOK leiden 12,39 Prozent der Bevölkerung in Deutschland an Depressionen. Damit zählen sie zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im Land. Handelte es sich bei der Erkrankung früher noch um ein Tabuthema, geht die Gesellschaft heute weit offener damit um. Das sieht man auch an Beispielen wie denen von Noah Weißenberger. Er wagte den Schritt nach vorn. Über Social Media richtete er sich Ende Oktober in einem emotionalen Post an die Öffentlichkeit und gab bekannt, dass er den Fränkischen Hof aufgrund von Depressionen schließen wird. Allgemein gelten psychische Erkrankungen als einer der Hauptgründe, warum Menschen ihre Arbeit nicht ausüben können.

Fränkischer Hof in Marktbreit schließt: "Habe eigentlich zu lange festgehalten"

Oft fällt es Menschen nicht leicht, ihre eigene psychische Verfassung einzuordnen. So ging es auch dem 31‑jährigen Wirt. Bereits im Sommer 2025 merkte er, dass irgendwas nicht stimmt. Doch: "Ich habe es damals noch nicht kapiert", schildert Noah Weißenberger gegenüber inFranken.de rückblickend. Er selbst habe seinen Job als Lebensaufgabe verstanden, der ihm auch immer viel bedeutet habe.

Gerade die fünfjährige Zusammenarbeit mit seinem Vater, der bis vor eineinhalb Jahren als Küchenchef im Fränkischen Hof gearbeitet hat, bedeutete ihm viel. Als dieser in Rente ging, hat das Weißenberger emotional mitgenommen. Ein ehemaliger Arbeitskollege des 31-Jährigen übernahm den Posten. Gleichzeitig wurde das Konzept überarbeitet. "Wir sind ein paar Schritte weitergegangen", sagt der Wirt. Seitdem arbeiten sie handwerklicher und mit mehr Komponenten auf dem Teller, die Weinkarte wurde erweitert und noch mehr. Manch ein Wirtshaus in Franken ist älter als ganze Nationen.

Gleichzeitig wurde der Alltag immer mehr zu einer Belastung. Es hätte ihn mehr Energie gekostet, zu den Gästen zu gehen, hätte Bestellungen nicht geschafft oder teils nicht auf Nachrichten reagiert.

Wenn es nicht mehr geht: "Habe eigentlich viel zu lange festgehalten"

Der Höhepunkt war die Entwicklung eines "Fluchttriebs", wenn er es nicht mehr aushielt. Er sei nachts mit dem Auto oder dem Fahrrad einfach zwei, drei Stunden weggefahren. Anfangs habe er nicht Bescheid gegeben, was zu großen Sorgen bei Familie und Kollegen geführt habe. "Ich musste erst lernen, Bescheid zu sagen", meint er.

Die schlussendliche Entscheidung zur Schließung der Wirtschaft, ist ihm alles andere als leicht gefallen. "Wenn man ehrlich mit sich ist: Ich habe eigentlich zu lange festgehalten", sagt er. Der große Sommerurlaub im August 2026 änderte das. Ein beliebtes Kuchencafé schließt ebenfalls bald.

Weißenberger liebt die Stadt, in der er lebt – auch seine Wirtschaft und die Leute vor Ort. Aber als er mit seiner Frau und den zwei Kindern aus dem Urlaub zurückkehrte, merkte er: "Mir geht es hier schlechter". Das sei der Moment gewesen, in dem er wusste, dass etwas passieren muss. "Die Krankheit nimmt mir genau die Kraft, die man braucht, um Wirt, Gastgeber und Ausbilder zu sein", schreibt er auf Social Media. Er holte sich Hilfe und befindet sich nun seit knapp acht Wochen in Therapie.

Viel Unterstützung aus dem Umfeld: "Extrem dankbar"

Den ersten Menschen, denen er sich geöffnet hat, waren seine Frau und sein bester Freund. Sie hätte ihm mit am meisten geholfen und immer wieder eine Plattform gegeben. Gerade seiner Frau sei er "extrem dankbar", da sie sehr ehrlich und offen mit ihm gesprochen habe. "Meine Frau hat in der ganzen Zeit bisher sehr große Stärke bewiesen", sagt er. Die Reaktionen auf die Schließungsankündigung hätten ihn tief bewegt. Um die Nachricht in Ruhe verarbeiten zu können, habe er sein Handy zeitweise bewusst auf Flugmodus gestellt. Die zahlreichen Kommentare habe er nur nach und nach gelesen, obwohl sie durchweg positiv gewesen seien.

Besonders wichtig sei ihm gewesen, Familie, Freunde, Stammgäste und langjährige Wegbegleiter persönlich zu informieren. Allein am Wochenende vor der öffentlichen Bekanntgabe, hat er 126 Telefonate geführt. Manche Gespräche hätten nur wenige Minuten gedauert, andere deutlich länger.

Es sei ihm ein großes Anliegen gewesen, dass die Menschen die Nachricht direkt von ihm erfahren. Dabei habe es zahlreiche emotionale Momente gegeben. Manche Gesprächspartner seien am Telefon selbst sichtlich berührt gewesen und hätten ihn etwa zum Jagen, Angeln oder auf ein gemeinsames Bier eingeladen. Die große Anteilnahme hat ihm gezeigt, welche Rolle man im Leben anderer Menschen spielen kann, ohne sich dessen immer bewusst zu sein.

Fränkischer Hof in Marktbreit macht zu – so geht es jetzt weiter

Bis zur Schließung wolle er weiterhin Präsenz zeigen und für seine Gäste da sein. Viele würden aktuell noch einmal reservieren, um persönlich Abschied zu nehmen und Danke zu sagen. Gleiches gelte für ihn selbst. Deshalb wolle er die verbleibende Zeit bewusst nutzen.

Am 28. Dezember ist eine große Kehrausfeier geplant. Für die Zeit danach plant er zunächst eine Pause. Im Januar und Februar wolle er im Rahmen einer psychosomatischen Kur Abstand gewinnen und sich neu sortieren.

Nach vielen Jahren in der Gastronomie brauchte es zunächst etwas anderes, um wieder Kraft zu sammeln. Seine Frau, die als Lehrerin arbeitet, werde die Familie in dieser Zeit als Hauptverdienerin tragen.

Politik in der Verantwortung: "Jeder kann betroffen sein"

Trotz der schwierigen Situation gebe es Dinge, auf die er sich freue. In der Therapie habe er gelernt, sich kleine "Inseln" im Alltag zu schaffen. Dazu gehörten Musik und das Gitarrespielen. Vor allem aber seien es seine beiden Töchter, seine Frau sowie enge Freunde, die ihm Halt geben.

Eine besondere Herzensangelegenheit sei für ihn außerdem, die Zukunft seiner Auszubildenden zu sichern. Es sei ihm wahnsinnig wichtig, dass "alle gut unterkommen", sagt er. Anderen Menschen, die sich in einer ähnlichen Lage befinden, möchte er Mut machen. Auch wenn er selbst nach eigener Aussage noch nicht "am Licht" angekommen sei, könne man selbst in schwierigen Zeiten Momente der Freude finden. Wenn es nur fünf oder zwanzig gute Minuten am Tag sind, sollte man diese bewusst genießen.

Gleichzeitig appelliert er an Politik und Gesellschaft, das Thema psychische Gesundheit ernster zu nehmen. "Jeder kann betroffen sein, unabhängig davon, wie stark oder belastbar er nach außen wirkt", sagt Weißenberger. Besonders kritisch sieht er die Situation bei Therapieplätzen. Als gesetzlich Versicherter habe er selbst erlebt, wie schwierig es sei, Hilfe zu finden. Die langen Wartezeiten seien für Betroffene "eine Katastrophe". Zudem wünsche er sich deutlich mehr Unterstützung für Angehörige psychisch erkrankter Menschen.