Unterschätzter Krankmacher: Das ist Bayerns größter Krankenstand-Treiber

Psychische Leiden führen in Bayern zu den meisten Fehltagen. Langzeiterkrankungen nehmen deutlich zu und belasten Unternehmen wie Beschäftigte.

Der Krankenstand in Bayern hat sich 2025 je nach Krankenkasse leicht rückläufig entwickelt. Langzeiterkrankungen verursachen dennoch einen überproportionalen Anteil der Fehltage. Besonders deutlich ist der Anstieg bei psychischen Erkrankungen mit langer Ausfalldauer: Die dadurch verursachten AU-Tage stiegen zwischen 2016 und 2025 um fast 50 Prozent.

Zugleich hat die schwarz-rote Koalition eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag und das Ende der telefonischen Krankschreibung angekündigt. Stand 15. Oktober 2026 ist diese geplante Änderung noch nicht in Kraft. Hausärzte kritisieren die Pläne scharf; Krankenkassen-Daten weisen vor allem auf die Bedeutung lang andauernder Erkrankungen hin.

Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag: Was derzeit gilt

Schnupfen, Halsweh, ein paar Tage flach – dieses Bild haben viele vor Augen, wenn sie an den Krankenstand denken. Am 2. Juli 2026 verständigte sich der Koalitionsausschuss von CDU, CSU und SPD politisch darauf, die Attestpflicht auf den ersten Krankheitstag vorzuziehen und die telefonische Krankschreibung abzuschaffen. Das Beschlusspapier ist jedoch noch kein geltendes Gesetz.

Bis zu einer Gesetzesänderung gilt weiterhin die gesetzliche Grundregel: Dauert eine Arbeitsunfähigkeit länger als drei Kalendertage, muss eine ärztliche Bescheinigung spätestens am darauffolgenden Arbeitstag vorliegen. Arbeitgeber können sie aber schon früher verlangen. Auch die telefonische Krankschreibung bleibt nach den geltenden Vorgaben weiterhin möglich. Friedrich Merz hatte angekündigt, das Gesetzgebungsverfahren bis Ende 2026 abzuschließen. Nach den bislang veröffentlichten Plänen müssen Beschäftigte nicht zwingend am ersten Krankheitstag eine Arztpraxis aufsuchen. Wie die Regelung im Einzelnen ausgestaltet werden soll, etwa bei Rückdatierungen oder Videosprechstunden, war in den vorliegenden Angaben noch offen.

Der Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, Markus Blumenthal-Beier, nannte die Beschlüsse gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt eine "absolute Katastrophe" und warnte vor einer Überlastung der Praxen. Experten befürchten zudem einen paradoxen Effekt: Wer ohnehin einen Arzttermin benötigt, könnte sich gleich für mehrere Tage krankschreiben lassen. Dadurch könnte aus einem kurzen Ausfall ein längerer werden. Die Krankenkassen-Daten zeigen jedoch, dass lange Ausfälle einen besonders großen Anteil der Fehltage verursachen.

Auch aus Bayern kam Kritik. Gesundheitsministerin Judith Gerlach (CSU) bezeichnete die geplante Abschaffung der telefonischen Krankschreibung als zusätzliche Bürokratie und verwies darauf, dass nur rund ein Prozent der Krankschreibungen telefonisch erfolge. Die Stadt München kündigte an, eine mögliche Ausnahme zu nutzen, falls die Neuregelung Abweichungen zulässt. Weitere Informationen dazu bietet der Bericht zur Kritik aus München und Bayern.

Krankenstand in Bayern 2025: BKK und TK melden Rückgänge

Laut dem Betriebskrankenkassen-Dachverband für Bayern (BKK Landesverband Bayern) waren BKK-versicherte Erwerbstätige im Freistaat 2025 durchschnittlich an 19,2 Kalendertagen arbeitsunfähig. Das waren rund drei Tage weniger als der Bundesschnitt von 22,1 Tagen und etwas weniger als 2024, als der Wert bei 19,5 Tagen lag. Bayern belegte damit nach Baden-Württemberg einen der vorderen Plätze beim niedrigen Krankenstand. Die BKK-Auswertung für 2025 weist zugleich auf große regionale Unterschiede hin.

Auch die Techniker Krankenkasse (TK) meldete für ihre Versicherten in Bayern einen Rückgang: 2025 lag der Krankenstand bei 4,3 Prozent, rechnerisch entsprach das 15,7 Fehltagen je versicherter Erwerbsperson. Die Werte von BKK, TK und AOK beziehen sich auf unterschiedliche Versichertengruppen und Auswertungen und sind deshalb nicht direkt miteinander gleichzusetzen.

Bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse Bayern (AOK Bayern) lag der Krankenstand 2025 bei 5,8 Prozent beziehungsweise durchschnittlich 21,1 Fehltagen je versicherter beschäftigter Person. Die AOK bezeichnete den Wert trotz eines leichten Rückgangs gegenüber 2024 weiterhin als hoch. Die AOK-Auswertung für 2025 zeigt außerdem: Langzeiterkrankungen von mehr als sechs Wochen machten etwas über drei Prozent der AU-Fälle aus, verursachten aber rund 40 Prozent der AU-Tage.

Wie groß der Unterschied zwischen der Zahl kurzer Krankmeldungen und ihrem Anteil an den Fehltagen sein kann, zeigt eine AOK-Auswertung für 2024: 72,9 Prozent der Krankmeldungen endeten nach spätestens einer Woche, machten aber nur 24,1 Prozent der AU-Tage aus. Die AOK-Daten zu kurzen und langen Krankmeldungen beziehen sich auf dieses Jahr und sollten nicht als allgemeiner Wert für alle Kassen oder alle Folgejahre verstanden werden.

Die AOK-Auswertung für 2025 zeigt zudem, dass die AU-Tage durch psychische Erkrankungen mit einer Dauer von mehr als sechs Wochen zwischen 2016 und 2025 um fast 50 Prozent stiegen. Psychische Erkrankungen dauerten im AOK-Datensatz durchschnittlich 28 AU-Tage je Fall. Diese Werte beziehen sich auf AOK-versicherte Beschäftigte; andere Kassen können abweichende Fallzahlen und Durchschnittsdauern ausweisen.

Eine weitere DAK-Auswertung berichtet für Deutschland von einem leichten Rückgang im ersten Halbjahr 2026: Der Krankenstand sank demnach von 5,4 auf 5,3 Prozent. Die Zahlen beziehen sich nicht speziell auf Bayern. Mehr dazu fasst der Bericht zur DAK-Auswertung im ersten Halbjahr 2026 zusammen.

Vier Diagnosegruppen verursachen den Großteil der Fehltage

In der BKK-Auswertung für 2025 entfielen rund 69 Prozent aller AU-Tage auf vier Diagnosegruppen. Die Anteile zeigen, dass nicht nur häufige, sondern auch lang andauernde Erkrankungen den Krankenstand prägen:

  • Atemwegserkrankungen: Sie gehörten 2025 bei der AOK Bayern zu den häufigsten Gründen für eine Krankmeldung. In der BKK-Auswertung machten sie 19 Prozent der AU-Tage aus. Eine ältere BKK-Auswertung für 2024 bezifferte die durchschnittliche Dauer eines Atemwegsfalls auf 5,7 Tage.
  • Muskel-Skelett-Erkrankungen: Beschwerden wie Rückenschmerzen und Gelenkerkrankungen standen in der BKK-Auswertung 2025 mit 22 Prozent an erster Stelle beim Anteil an den AU-Tagen.
  • Psychische Erkrankungen: Sie machten 17 Prozent der AU-Tage in der BKK-Auswertung 2025 aus. Eine psychische Erkrankung dauerte dort im Schnitt 38 Tage je Krankheitsfall.
  • Verletzungen und Vergiftungen: Diese Diagnosegruppe verursachte 11 Prozent der AU-Tage in der BKK-Auswertung 2025.

Bei den TK-versicherten Erwerbspersonen in Bayern entfielen 2025 durchschnittlich 3,4 Fehltage je Person auf Atemwegsdiagnosen, nach 3,8 Tagen im Vorjahr. Auch bei Muskel-Skelett-Erkrankungen gingen die Ausfälle leicht zurück, von 2,3 auf 2,2 Tage. Anders entwickelte sich die Zahl psychischer Diagnosen: Sie verursachten 3,1 Fehltage je TK-versicherter Erwerbsperson, 0,4 Tage mehr als 2022. Die TK-Auswertung für Bayern weist damit auf unterschiedliche Entwicklungen je nach Diagnosegruppe hin.

Psychische Erkrankungen und regionale Unterschiede in Bayern

Die Krankenkassen-Auswertungen fassen verschiedene psychische Diagnosen zusammen. Dazu gehören auch Depressionen; aus den genannten Gesamtzahlen lässt sich jedoch nicht ableiten, welcher Anteil des Anstiegs allein auf Depressionen entfällt. In der BKK-Auswertung für 2025 dauerten psychische Erkrankungen im Schnitt 38 Tage je Fall. Zum Vergleich: Bei Krebserkrankungen waren es im selben Datensatz durchschnittlich 31 Tage.

Auch regional gibt es deutliche Unterschiede. Die BKK-Zahlen für 2025 zeigen ein Gefälle zwischen den Regionen mit den niedrigsten und höchsten Fehltagen:

  • Niedrigster Krankenstand: Landkreis München (14,8 Tage), Stadt München (rund 15 Tage) und Starnberg (15,2 Tage)
  • Höchster Krankenstand: Stadt Hof (26,7 Tage), Kronach (25,6 Tage) und Weiden in der Oberpfalz (25,1 Tage)

Die AOK-Auswertung für 2025 fand keinen Zusammenhang zwischen telefonischer Krankschreibung und hohem Krankenstand. "Alle Untersuchungen dazu sehen keinen Zusammenhang zwischen telefonischer Krankschreibung und hohem Krankenstand – diese gefühlte Wahrheit können wir nicht bestätigen", erklärt AOK-Bayern-Vorstandsvorsitzende Dr. Irmgard Stippler. Diese Aussage bezieht sich auf die telefonische Krankschreibung; zu Behauptungen über Krankmeldungen an Brückentagen treffen die hier genannten Zahlen keine eigene Aussage.

Rainer Blasutto, Landeschef der DAK-Gesundheit in Bayern, betont: "Schnellschüsse wie die Forderung nach einer Abschaffung der telefonischen Krankschreibung helfen den Betroffenen und den Betrieben nicht weiter." Als mögliche strukturelle Einflussfaktoren werden eine alternde Erwerbsbevölkerung und Arbeitsdruck diskutiert. Zudem hat die seit 2022 geltende elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung die Erfassung von Fehlzeiten vollständiger gemacht.

Betriebliches Gesundheitsmanagement und Eingliederung nach längerer Krankheit

Sind Beschäftigte innerhalb eines Jahres länger als sechs Wochen ununterbrochen oder wiederholt arbeitsunfähig, muss der Arbeitgeber ein betriebliches Eingliederungsmanagement anbieten. Die betroffene Person wird an der Klärung möglicher Hilfen beteiligt; ihre Zustimmung ist erforderlich. Psychische Belastungen bei der Arbeit müssen zudem in der Gefährdungsbeurteilung berücksichtigt werden. Krankenkassen können Unternehmen bei Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung unterstützen. Weitere Informationen dazu enthalten § 167 SGB IX, § 5 ArbSchG und § 20b SGB V.

Ergonomische Arbeitsplätze, regelmäßige Pausen und eine offene Führungskultur können die Gesundheit von Beschäftigten unterstützen. Solche Maßnahmen sollten jedoch nicht als Garantie für weniger Fehltage dargestellt werden. Ein früher Austausch über Belastungen kann dazu beitragen, passende Unterstützung zu finden, bevor sich gesundheitliche Probleme verfestigen.

Vorschaubild: © Sina Schuldt/dpa