Die Angst vor der Kalten Sophie

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Erfroren und trocken: So sah es in den Weinbergen, besonders in den tieferen Lagen, nach dem 4. Mai 2011 aus, als eine plötzliche Frostnacht vor den Eisheiligen die fränkischen Winzer eiskalt ...
Foto: Hochholzer

Buchstäblich kalt hatte die Nacht vom 3. auf den 4. Mai 2011 die fränkischen Winzer und Obstbauern erwischt. Der Frost kam plötzlich, er war bitter und lehrreich, auch wenn man noch relativ gut weg gekommen ist. Die Eisheiligen beginnen im traditionellen Bauernkalender mit dem heiligen Mamertus am 11. Mai und enden am 15., der so genannten Kalten Sophie.

Buchstäblich kalt hatte die Nacht vom 3. auf den 4. Mai 2011 die fränkischen Winzer und Obstbauern erwischt. Der Frost kam plötzlich, er war bitter und lehrreich, auch wenn man noch relativ gut weg gekommen ist.

Die Eisheiligen beginnen im traditionellen Bauernkalender mit dem heiligen Mamertus am 11. Mai und enden am 15., der so genannten Kalten Sophie.

Aber Kälteeinbrüche im Frühjahr lassen sich nicht eingrenzen, das zeigt ein Blick auf die vergangenen 100 Jahre mit der Tendenz: Die gefürchteten Eisheiligen schlagen weniger häufig zu, dafür aber kommen sie meist früher.

Bis zum Jahr 2011 waren die Weinbauern 25 Jahre lang von den Mai-Frösten verschont geblieben. Die meisten konnten sich kaum mehr an die frostigen und verheerenden Nächte vom 27./ 28. April und noch am 4. Mai 1985 erinnern. Es waren wie 2011 die Tage vor den Eisheiligen. Ein Jahr danach, 1986, schwankten vom 8. bis 13. April die Temperaturen zwischen null und 5,5 Grad.

Eisheilige zeichnen sich häufiger durch warme Tage aus

Ist diese Tendenz typisch? Laut Übersicht des Deutschen Wetterdienstes zeigte der statistisch regelmäßige Kälteeinbruch im Mai, der als so genannte „Singularität“ gilt wie auch Schafskälte und Altweibersommer, oft genau das Gegenteil dessen, was der Name erwarten ließ: In den vergangenen drei Jahrzehnten zeichneten sich die Eisheiligen häufiger durch warme Tage aus, als durch kalte. Und massive Kälteeinbrüche im Laufe des Mais sind eher selten, denn geht man Wetteraufzeichnungen durch, dann brachten in den letzten fünf Jahrzehnten eher bestimmte April-Tage Gefahren als kalte Maiennächte ab dem 11. Mai.

So zeigte vom 2. bis 6. April 2003 das Thermometer null bis minus sieben Grad an. Auch in den vorangegangen Jahren wurden in fast jedem April Minusgrade gemessen. Von heftigen Aprilfrösten berichtet auch Bernhard Weisensee, der große fränkische Weinexperte, in seinem Büchlein „Winzers Freud – Winzers Leid“. Zwei Tage überzog vom 20. bis 22. April 1960 Frost die Flur, allerdings ohne Folgen. Im Gegenteil: Die Weinernte war die stärkste seit 1880, nämlich 65 Hektoliter pro Hektar.

Fast zu den gleichen Tagen (19. bis 22. April) herrschten 1959 frostige Temperaturen. Der 1959er Wein war aber trotz zusätzlicher Trockenschäden „qualitativ ein ganz großer Jahrgang“ mit einem Mostgewicht von durchschnittlich 93,2 Grad Öchsle. Die Winzer konnten aufatmen.

Denn gerade in der Aufbauphase nach Ende des Zweiten Weltkrieges hatten sie schwer an den Folgen der „Katastrophenjahre“ von 1955 bis 1957 zu tragen. Hier lagen die durchschnittlichen Erträge nur bei 2,7 bis 8,4 Hektoliter pro Hektar. Das lag zum einen an den Spätfrösten tatsächlich während der Eisheiligenzeit vom 11./12. Mai in den Jahren 1955 und 1957 und zum anderen am unbarmherzigen Winter von 1956.

Bitterer Winter 1956: Schäden von 90 bis 100 Prozent am einjährigen Holz

Ab 28. Januar brachte anhaltender Bodenfrost Schäden von 90 bis 100 Prozent am einjährigen Holz. Die Silvanerstämmchen waren alle erfroren. „Die strengen Fröste im Februar dieses Jahres verursachten in sämtlichen Rebanlagen große Schäden“, notiert Bernhard Weisensee. Sie wirkten im folgenden Jahr 1957 noch nach, als während eines Kälterückschlags anfangs Mai „in den meisten Rebanlagen die Augen und Jungtriebe erfroren sind“. Die Folge: einzelne Weinberge wurden vernachlässigt, aufgegeben oder gerodet. „Ein beträchtlicher Teil der Rebanlagen ist völlig ertraglos. Oft ist die geringe Weinmosternte ausschließlich zur Bereitung eines Haustrunks bestimmt“, hält Weisensee fest.

Anders der Jahrgang 1953, der ebenfalls unter den Frösten vom 9. bis 16. Mai gelitten hatte. Zwar brachte er nur 25 Hektoliter pro Hektar ein, dafür aber glänzte er mit einem durchschnittlichen Mostgewicht von 92,5 Grad Öchsle als „großer Jahrgang“.

Besonders schlimm schlugen die Eisheiligen Mamertus und Servatius am 11. und 12. Mai 1928 mit bis zu minus vier Grad zu. Die nicht beschädigten Rebstöcke ergaben einen „geringen Herbst“, dafür aber einen „schönen Wein“. Im gleichen Jahr wurden erstmals „Räucherwehren“ für die frostgefährdeten Lagen eingerichtet. Der Erfolg blieb nicht aus, denn die Schäden beliefen sich in den Folgejahren nur noch auf zehn bis 20 Prozent im Schnitt. Dieses umweltschädliche Räucherverfahren, wobei man einen schützenden Rußnebel erzeugte, wurde bis zum Jahr 1980 beibehalten.

Tatsächlich sind verheerende Maifröste eher selten

Tatsächlich sind seither verheerende Maifröste eher selten, was von Klimastatistiken bestätigt wird. Diese Situation könnte am Klimawandel liegen, wird spekuliert. Die „Kalte Sophie“ aber ist eher ein Mythos: in den vergangenen 60 Jahren hat sie nur zwei Mal (1955 und 1957) ihre Frostkrallen gezeigt. Gefährlicher waren die anderen Eisheiligen und vor allem die „verfrühten“ Maifröste neben strengen Kälteperioden im Winter. Im Jahr 2011 war es die Nacht vom 16. auf den 17. April, ohne Schäden anzurichten, weil die Triebe noch in der „Wolle“ waren – und dies lässt nach Bauernregeln einen guten Wein erwarten.

Genau vor 100 Jahren sind in der Nacht zum 1. Mai 1912 die jungen Triebe in den Tallagen größtenteils erfroren. Dann setzten laut Weisensee im Mai mehrere „Kälterückfälle“ den Pflanzen erneut zu. Und als am 6. Oktober bei minus 6 bis 7 Grad die Blätter restlos erfroren waren, mussten sich die Winzer mit einer „winzig kleinen Ernte und völlig unreifem Most“ begnügen. Nach allen Prognosen dürfen heuer aber die Winzer zuversichtlicher nach vorne blicken – zumindest was die Eisheiligen angeht.