• Zell im Fichtelgebirge: 7-Tage-Dorfladen mit Café eröffnet - ohne Personal
  • "Waldsteinlädla" sei kein Supermarkt im klassischen Sinne - sondern ein "ganzes Dorfzentrum"
  • "Man hatte keine Chance": Idee bei abendlicher Suche nach Einkaufsmöglichkeit entstanden 
  • Besondere App zeigt alle vorhandenen Produkte an - und kann noch mehr

In Zell im Fichtelgebirge (Kreis Hof) hat seit Samstag (2. April 2022) ein besonderer Dorfladen mit integriertem Café eröffnet. Wie die Gründer Pascal Timmel und Leonard König gegenüber inFranken.de berichten, habe das "Waldsteinlädla" keinerlei Verkaufspersonal. Anders als die Mini-Stores, die wie in Pettstadt (Kreis Bamberg) gerade für heftige Kritik am Ladenschlussgesetz sorgen, handle es sich in Zell aber um eine Mischung aus regionaler Einkaufsmöglichkeit, Gastronomie und E-Tankstelle, so die beiden Männer. 

Dorfladen im Fichtelgebirge entstand aus Ärger über Ladenschluss - "hatten keine Chance"

"Wir haben die Genehmigung erhalten, dass wir sonn- und feiertags öffnen dürfen", erklärt Timmel inFranken.de. Der Grund: "Wir sind kein digitaler Kleinstsupermarkt, bei uns spielt die Fläche gewerblich keine Rolle. Es kommt nämlich immer auch auf den Standort an. Wir haben Camping-Stellplätze ganz in der Nähe, viele Touristen und viel Durchreiseverkehr. Gleichzeitig bieten wir ein gastronomisches Angebot und haben eine Ladesäule für E-Autos", sagt Timmel. Sein Geschäftspartner König spricht von "einem ganzen Dorfzentrum". 

Verständnis für die bayerischen Ladenschluss-Regelungen habe er trotzdem wenig und spricht von einem "Fehler im System". So sei auch die Idee zum "Waldsteinlädla" entstanden. "Wir kommen beide aus einem kleinen Dorf neben Zell", so Timmel. "Der Einkauf stirbt hier einfach weg. Wir sind dann irgendwann abends spät heimgekommen und wollten gerne noch etwas Gesundes kochen. Wir hatten einfach nicht schon wieder Lust auf Fast-Food. Doch wir hatten keine Chance", sagt der 25-Jährige.

Es gebe ja technische Möglichkeiten, das Dilemma zu lösen, ohne dass länger gearbeitet werden müsse, habe man sich gedacht, erzählt König. "Es muss ja nicht sein, dass der Edeka um acht zumacht." Nach vielen Überlegungen hätten sich die beiden Freunde entschlossen, Container- und Automatenlösungen zu verwerfen und ein richtiges Gebäude zu nutzen. "Wir haben mit vielen Lieferanten aus der Region Verträge geschlossen und uns besonders auf regionale Produkte konzentriert", so Timmel. 

Besondere Laden-App zeigt alle Produkte im "Waldsteinlädla" an

Das Konzept: Online, über klassische Antragsformulare in Rathäusern und öffentlichen Stellen sowie über eine eigene App kann eine Mitgliedskarte beantragt werden. Die werde dann per Post zugeschickt - und biete 24 Stunden an sieben Tagen die Woche Eintritt in den Dorfladen. "Restaurants und Hotels haben Mitgliederkarten für ihre Gäste ausliegen, künftig spielen wir auch mit dem Gedanken, die Karten nach schneller Verifikation über Automaten vor Ort auszugeben", sagt Timmel. Mit der Karte werde der Einkauf auch bezahlt. 

Insgesamt gebe es 1000 bis 1200 Produkte im "Waldsteinlädla" - auf einer Verkaufsfläche von rund 80 Quadratmetern. 20 Quadratmeter nehme der Café-Bereich mit Selbstbedienung ein. "Künftig wollen wir auch Backwaren aus der Region dort anbieten, zurzeit haben wir verschiedene Kaffeesorten aus dem Vollautomaten", erzählt Timmel.

Das Besondere: "Man kann digital mit unserer App durch den Laden stöbern und sich den genauen Warenbestand ansehen. Dann kann man sich daraus eine eigene Einkaufsliste hinzufügen." Später sei auch ein Online-Shop mit Lieferdienst denkbar, so der 25-Jährige. 

Seniorin kauft nachts Kopfsalat - "viele ältere Menschen kommen nach 20 Uhr"

Die Reaktionen seit der Eröffnung seien "Wahnsinn". "Die Leute sind froh, endlich was zum Einkaufen zu haben. Es hätte dem Ort auch ein normaler Supermarkt geholfen, aber es kommen tatsächlich auch viele ältere Menschen nach 20 Uhr."

So habe eine Seniorin "in der Nacht von Samstag auf Sonntag ganz glücklich einen Kopfsalat gekauft, am Sonntag kommen gerne Familien zum Eisessen und Entspannen", erzählt der Dorfladen-Betreiber Timmel.

Sein Geschäftspartner und er sehen noch "viel Potenzial, aus verschiedensten bayerischen Landkreisen und auch aus NRW haben wir Anfragen bekommen". Für König liegt das vor allem an einer Sache im Dorfladen in Zell: "Man kann bei uns seinen kompletten Einkauf machen - wir sind keine Tankstelle mit Wucherpreisen."