Pettstadt
Meinung

Sollen wir künftig auch Automaten am Sonntag absperren? Bayerns Ladenschluss ist nur noch peinlich - ein Kommentar

Ein Artikel von Daniel Krüger
Das Sonntagsöffnungsverbot eines Supermarkts ohne Personal in Pettstadt (Kreis Bamberg) ist nicht nur peinlich. Es zeigt auch, dass der bayerische Ladenschluss nicht den Beschäftigten dient, sondern ideologisch motiviert ist. Sollen wir künftig etwa auch Automaten absperren? Ein Kommentar.
Pettstadt: Bayerns Ladenschluss ist nur noch peinlich - sollen wir sonntags künftig auch Automaten absperren?
In Bayern dürfen Geschäfte mit Personal auch 2022 nur werktags bis 20 Uhr öffnen. Selbst für sogenannte Kleinstsupermärkte ohne Personal gilt ein Sonntagsöffnungsverbot. Foto: Rewe; Collage: inFranken.de

Beinahe großzügig klangen im letzten Sommer so manche Schlagzeilen. "Ladenschluss ade! Bayern erlaubt Einkauf rund um die Uhr", titelte etwa die Münchner Abendzeitung. Anderswo war von "Servus Ladenschluss" die Rede. 

Der Hintergrund: Das bayerische Kabinett hatte am 27. Juli 2021 beschlossen, dass bestimmte Supermärkte im Freistaat künftig rund um die Uhr geöffnet haben dürfen. In einem Bundesland, in dem ein strengeres Ladenschlussrecht gilt als nahezu auf der gesamten Welt - und das ist keine Übertreibung - beim ersten Hinsehen wahrlich ein kleiner Paukenschlag

Angebliche Lockerung der Öffnungszeiten in Bayern - Einschränkungen für "Mini Stores" völlig absurd

Doch auf den zweiten Blick las sich die Entscheidung doch ein wenig anders. Denn es gibt jede Menge Einschränkungen. Öffnen dürfen nur "digitale Kleinstsupermärkte" von bis zu 100 Quadratmetern Fläche, in denen es keinerlei Verkaufspersonal gibt. Der Arbeitnehmerschutz in Bayern wird stets als Hauptargument gegen eine zeitgemäße Anpassung der Öffnungszeiten genutzt. Denn auch Beschäftigte in Supermärkten hätten schließlich Familien und einen Anspruch auf Erholung und Freizeit am Wochenende und in den Abendstunden. 

Folgt man dieser Logik, macht die Beschränkung auf 100 Quadratmeter allerdings wenig Sinn. Zur Erinnerung: Es gibt in den digitalen Supermärkten keinerlei Verkaufspersonal. Nur die Ware wird regelmäßig nachgefüllt, meist von den Filialleitungen selbst. Und noch eine weitere Beschränkung macht hellhörig: Sie klang wohl auch für die Supermarktkette Rewe und die Gemeinde Pettstadt, die neuesten "Opfer" des bayerischen Ladenschluss-Wahns, im Vorfeld zu absurd, um diese Option überhaupt prüfen zu lassen. 

"Ein Verkauf an Sonn- oder Feiertagen ist aufgrund der Vorgaben des Gesetzes über den Schutz der Sonn- und Feiertage nicht zulässig. Denn es entstehen rund um den digitalen Kleinstsupermarkt An- und Abfahrtsverkehr und somit unzulässige öffentlich bemerkbare Arbeiten, die geeignet sind, die Sonn- und Feiertagsruhe zu beeinträchtigen", hieß es vom bayerischen Arbeitsministerium nach dem Kabinettsbeschluss. 

Ladenschluss: Es geht nicht darum, Beschäftigte zu schützen - Angst vor Verlust der "Gemütlichkeit"

Sätze, bei denen man sich nur verwundert die Augen reiben kann. Ja, sollen wir künftig an Sonn- und Feiertagen alle Biergärten und Restaurants zusperren, weil sie von Autofahrern angefahren werden - und so Lärm entsteht? (Zigaretten-)Automaten verriegeln, den Zugverkehr einstellen, Tankstellen dichtmachen und Gottesdienste samt Kirchenglocken verbieten? Die Liste ließe sich ins Unendliche weiterführen. Stattdessen entlarvt der Beschluss des Kabinetts das bayerische Pochen auf den Ladenschluss als das, was er ist: reine Ideologie.

Es geht vor allem der CSU nicht darum, Beschäftigte zu schützen. Geschäften entgegen jeglicher Vernunft die Öffnung zu verbieten, ist Teil einer zutiefst rückständigen Überzeugung. "Brave Familienväter wie ich besorgen ihr Gebäck am Sonntag zwischen 8 und 11 Uhr", äußerte sich etwa der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) einst in einem Interview zu möglichen Lockerungen der Sonntagsruhe. Im Klartext heißt das: Wer liberale Ladenöffnungszeiten fordert, der will Unruhe in die bayerische Gemütlichkeit bringen.

Anständige Bürger und Bürgerinnen verweigern sich den Anfängen der Anarchie an der (Selbstzahl-)Supermarktkasse. Auch wenn sie in Krankenhäusern, Hotels oder Polizeistationen an Wochenenden anstrengende Schichten schieben, sonntags gerne spontan mit der Familie backen oder - wie in jeder größeren nicht-bayerischen Stadt erwerbbar - nach 20 Uhr Lust auf ein sommerliches Abendbier im Park verspüren. Dass man damit konsequent die Realität "flexibler Arbeitszeiten" verleugnet, Millionen von Menschen bevormundet und sich nebenbei noch vor Touristen und Unternehmen aus aller Herren Ländern bis auf die Knochen blamiert: Geschenkt. Ein Prosit auf die Gemütlichkeit. Aber bitte nur in der Kneipe. Und nicht zu laut.