Vor 70 Jahren hat in Ebern die Geschichte der "Industrie-Gesellschaft Steigerwald Haßberge" begonnen, aus der das spätere Kugelfischerwerk und die heutige Firma FTE hervorgegangen sind. Das "Dritte Reich" hat der Stadt zu ihrem größten Arbeitgeber verholfen.

"Vater" dieser Entwicklung war Dr. Otto Hellmuth. Der Zahnmediziner war strammer Anhänger der NSDAP und machte im Hitler-Regime steile Karriere. Mit 38 Jahren war er Gauleiter, SA-Standartenführer und Obergruppenführer im Kraftfahrkorps NSKK sowie Regierungspräsident von Mainfranken. Als Chef der Landesplanungsgemeinschaft Bayern, Bezirksstelle Würzburg, entwickelte er den "Dr.-Hellmuth-Plan", um die wirtschaftliche Entwicklung im Gau Mainfranken neu zu ordnen. Der Plan sollte die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse auf dem Lande strukturell verbessern.


"Wohlstand statt Notstand"

Die Rüstung bescherte in den 1930er Jahren manchen Regionen, etwa dem Raum Schweinfurt, einen fulminanten Aufschwung. Die Produktion lief auf Hochtouren, doch die Arbeitskräfte wurden knapp. Das flache Land dagegen, wo arme Bauernfamilien zuhause waren, blieb von der "industriellen "Mobilmachung" unberührt. So hat Hellmuth den Spessart, die Rhön, aber auch Haßberge und Steigerwald zu Notstandsgebieten erklärt. Sie seien "der räumlichen Struktur nach wieder einer, auf völkischer Grundlage aufbauenden, gesunden wirtschaftlichen Entwicklung zuzuführen". Speziell heißt es: "So soll die wirtschaftliche Notlage in den Haßbergen in erster Linie dadurch beseitigt werden, dass die Bewohner dieses Notstandsgebietes in einer in Ebern anzusiedelnden Industrie Beschäftigung finden." Hellmuths Leitwort: "Aus Notstandsgebieten Wohlstandsgebiete gestalten".

Dazu kam, dass Georg Schäfer, Chef der großen Kugellagerfirma in Schweinfurt, schon vor dem Krieg nach neuen Standorten suchte. Werke entstanden in Kist bei Würzburg, Forchheim, Erlangen und Schwarzenbach, Hirschaid und Kirchheim. Auch in Eltmann und Ebern. Die Stadt an der Baunach erschien besonders geeignet, weil dort die Anbindung an Eisenbahn und Fernstraßen, "wie an keiner anderen Stelle in den Haßbergen günstig seien." So zumindest argumentierte Bürgermeister Josef Wappes, der sich für seine Stadt mächtig ins Zeug warf. Auch habe Ebern Wasserstraßenanschluss, womit er den Main-Werra-Weser-Kanal ansprach, ein Wasserstraßenprojekt, das nie verwirklicht wurde.

Sägewerk umgebaut

Wappes Engagement zahlte sich aus, er vermittelte den Kauf von Äckern und Wiesen am vorderen Steinberg in Ebern, einem Teil des Geländes um den "Wermuthsgarten", auf dem sich bis heute FTE erstreckt. Der Rüstungsbetrieb wurde auf einer etwa zehn Hektar großen Fläche am Vorderen Steinberg aufgebaut, die vorwiegend der Familie Rotenhan gehörte. Die Rotenhans, die kurzerhand enteignet wurden, besaßen dorthin sogar einen privaten Gleisanschluss. Ideal für die Firma. Zum Areal der neuen Kugelfischer-Tochter "Industriegesellschaft Steigerwald und Haßberge" gehörte ein stillgelegtes Sägewerk. Es wurde Keimzelle der späteren Weltfirma.

Der Abriss der Bretteranbauten sowie der Um- und Ausbau erfolgten im Frühjahr 1941, und im Juli ging es los. Karl Brand, später langjähriger Leiter des Kugelfischer-Werkes Ebern, berichtet in seiner Chronik 1981, dass die Genauigkeitskugelauslese mit Zwischenmagazin nach Ebern verlegt worden sei. 36 Personen, vor allem Frauen, arbeiteten bis Mitte 1943 in der Halle des einstigen Sägewerks.

"Der Kinderschreck"

Der 77-jährige Edmund Popp, der die Jahre zuvor als Einsiedler in einem Fachwerkanbau am Sägewerk gelebt hatte, wurde Hausmeister. Karl Brand: "Mit seinem langen weißen Bart war er der Kinderschreck", denn für die war der hinter dem Sägewerk gelegene Schießanger ein beliebter Spielplatz. Zudem habe Popp mit all seinen Katzen die Rattenplage in Grenzen gehalten.

Im Frühjahr 1943 begann der Neubau eines etwa 160 Quadratmeter großen Backsteingebäudes für Büros und sanitäre Anlagen. Nach Norden hin prangte der Schriftzug "Industriegesellschaft Steigerwald und Haßberge" an der Werkshalle. Inzwischen war klar, dass Schleifscheiben gefertigt werden sollten. Weitere Gebäude waren nötig .

Das wellige Areal und die Hanglage am vorderen Steinberg entpuppte sich für größere Fabrikgebäude als problematisch. Das wurde geändert: 300 Fremdarbeiter aus Italien, die "Bardoglio-Italiener", haben laut Karl Brand vor 70 Jahren in Ebern gearbeitet. Untergebracht in Baracken entlang des Wegs zum Judenfriedhof.

Sie trugen das Gelände ab und transportierten das Material mit einer Lorenbahn, für die Schmalspur verlegt wurde, zum Gelände des TV-Sportplatzes (heute Wohnmobilstellplatz).

Die Fremdarbeiter mussten schwer schuften, erinnert sich Heinrich Weisel. Im Ruhestand betätigt sich der gebürtige Eberner, der seit 52 Jahren in Zeil lebt, als Heimatforscher. Der 78-Jährige kann sich genau an die Anstrengung der Männer erinnern, von denen etliche Alpinhüte mit Feder trugen. Er hat die mit Kohlen befeuerte, kleine Dampflok mit ihren drei Achsen vor Augen, die bis zu sieben Anhänger über die Anhöhe zog und schob. Dort, wo heute die Realschule steht, wurden die Kipploren von der Feldbahn abkoppelt und mussten von Hand durch die Unterführung und zum Sportplatzgelände gezogen werden. Damals ein "einziges, riesiges sumpfiges Loch", sagt Weisel. Mit Schaufel und Pickel, wurde das Erdreich dort verteilt.

Weisel weiß auch noch, wie ältere Buben das Bähnchen als Spielgerät nutzten. Karl Brand formuliert: "Als Eldorado für zukünftige Lokomotivführer wurde die Lorenbahn von der Eberner Jugend genutzt."

In mühevoller Handarbeit

Die Arbeiten müssen schleppend vorangegangen sein, denn immer wieder habe es Schwierigkeiten mit den Kriegsgefangenen gegeben, berichtet Brand: schlechte Ernährung, Mangel an Aufsichtspersonal.

Nach dem Luftangriff auf die Schweinfurter Rüstungsfirmen am 12. August 1943 wurde der Ausbau in Ebern forciert. Die Kugelauslese wurde nach Eltmann verlagert, in Ebern konzentrierte sich die Kugelproduktion. Als zusätzliche Lager nutzte man Tanzböden in umliegenden Dörfern, aber auch Raum in der günstig an der Bahnlinie gelegenen Muna in Breitengüßbach und der Ziegelei in Baunach. Kugelfischer nutzte auch Gasthäuser in Ebern, Eyrichshof sowie Nebengebäude von Schloss Eyrichshof. Im Schloss hatte die Disposition ihre Büros.
Im Sommer 1944 wurden drei neue Hallen bezogen, zwei weitere blieben bis zum Kriegsende Rohbauten. Dazu kamen Lager für Kugelstahl sowie Versandgebäude, ein Betonbunker und Baracken für die italienischen Gefangenen und die deutschen Arbeiter. Ganze Abteilungen wurden nach Ebern verlagert.

Am 21. Juli 1944 trafen Fliegerbomben das Werk in Eltmann; die Gebäude wurden fast komplett zerstört. Die Maschinen blieben intakt und wurden nach Ebern gebracht. Die Produktion lief auf Hochtouren weiter mit etwa 150 Arbeitern aus Ebern und Umgebung - Personal, das man aus Eltmann und Schweinfurt rekrutierte. Auch Russlanddeutsche und Kriegsgefangene aus verschiedenen Ländern mussten mitarbeiten.

Gewaltiger Warenumschlag

Über die Landstraße verkehrten ungezählte Transporte. Über die Bahn durch den Baunachgrund müssen Unmengen von Rohmaterialien und Wälzlagern transportiert worden sein. Immer öfter starteten die alliierten Fliegerangriffe.

Bei Alarm flohen die italienischen Zwangsarbeiter in Schützengräben im Wald beim Judenfriedhof. Weitere Zufluchtsorte waren das Lager Fierst, in dem ausländische Frauen untergebracht waren, der Luftschutzbunker direkt im Werk und die Schutzkeller in Ebern.

Am 17. Februar 1945 starben bei einem Luftangriff auf einen Zug im Bahnhof Treinfeld zwei Frauen. Die Bahnstrecke war danach bis lange nach Kriegsende stillgelegt. Nennenswerte Zerstörungen aus der Luft blieben der Stadt und dem Industriebetrieb erspart.

Es kam der friedliche Einmarsch der Amerikaner, die Produktion stand still und niemand durfte das Werk betreten. Ausgenommen waren die bisherigen Kriegsgefangenen, denen die Amerikaner laut Bericht von Karl Brand in den ersten Tagen nach Kriegsende freie Hand für Plünderungen ließen.

Bereits im Mai durften Teile der Produktion wieder anlaufen, doch noch 1945 verbot ein alliiertes Gesetz, dass in Deutschland Wälzlager hergestellt werden. Kugelfischer wurde zum Demontage-Betrieb bestimmt. Je die Hälfte der Maschinen und Einrichtungsgegenstände sollte an die Russen und die Westmächte gehen - Hochbetrieb auf der Bahnlinie. Erst ab 1950 begann der Wiederaufbau.

Die Firma FTE heute:

Kerngeschäft Entwicklung und Produktion von Anwendungen im Antriebsstrang und Bremssystem.

Personal etwa 3600 Mitarbeiter weltweit, davon 1700 im Stammhaus in Ebern und 450 im Zweigwerk Fischbach.

Produktionsnetzwerk Elf Produktionsstandorte (samt Joint-Ventures) und zahlreiche technische Support-Offices weltweit.

Eigner Der US-Investor Bain Capital hat seit Mai 2013 bei FTE das sagen. Zuvor war die Firma in amerikanischer, britischer und französischer Hand

Umsatz Für 2013 werden 440 Millionen Euro erwartet.