Der Bus rollt an die erste Haltstelle in Knetzgau. Etwa 15 Kinder drängeln sich zu einer Traube am Straßenrand. Die Schüler sind bepackt mit Schultaschen und Sportbeuteln. Der Blick ist starr auf den Bus gerichtet. Dann hält die Fahrerin an, öffnet die vordere Tür und kneift die Augen zusammen. Geschrei, Gedrängel, Schubserei.

Die ersten Schulkinder quetschen sich durch die Tür, und hoffen, noch einen der wenigen Sitzplätze zu ergattern. Die Fahrerin schreitet ein. "Einer nach dem anderen. In den anderen Ortschaften hat es doch auch geklappt", ruft sie gereizt der Menge zu. Die Stimmung im Bus ist angespannt. Der Zeitplan ist straff. Der Bus hat schon fünf Minuten Verspätung. Während sich die Kinder im Gang stauen und dicht aneinander drängen, um noch mitfahren zu können, schaut Felix dem Treiben zu.

Er sitzt. Und das schon lange. Bereits um 6.48 Uhr fuhr der 17-Jährige in Fabrikschleichach los. Nun ist er schon 24 Minuten unterwegs. "Ich verstehe das nicht. Jeden Morgen das Gleiche. Wieso drängeln die immer so?", fragt Felix, der in Haßfurt das Gymnasium besucht. Er schüttelt seinen Kopf. Die Temperatur im Bus steigt. Ein Gemisch aus Deo, Parfüm und Schweiß schwallt durch das Fahrzeug. Es wird immer stickiger. Luftzufuhr gibt es nur bei den Stopps an den Haltestellen.

Geschrei und Temperaturen


Drei gibt es in Knetzgau, in der Hauptstraße, am Kriegerdenkmal und am Schützenhaus. 13 Haltestellen sind es von Fabrikschleichach bis zum Schulzentrum in Haßfurt. Der Gymnasiast ist genervt. "Jedes Mal, wenn sich die Tür öffnet, pfeift der Wind hinein. Brauchen die Kinder dann lange, bis sie einsteigen, wird es im Herbst und Winter richtig kalt im Bus. "Das ist unangenehm", beschreibt der Elftklässler. Das kennt auch Lara. Die Elfjährige ist sechs Minuten nach Felix eingestiegen, in Fatschenbrunn.

Lara dagegen kann das Busfahren im Sommer nicht leiden. "Da macht es noch weniger Spaß. Während ich noch im Bus sitze, können die anderen schon das Wetter genießen", sagt die Sechstklässlerin, die ihre blonden Haare zu einem Zopf gebunden hat. Ihr Augen verraten, dass sie sehr müde ist. Sie ist ein wenig neidisch auf ihre Mitschüler, die nur eine kurze Strecke zur Schule zurücklegen müssen. Umziehen möchte sie aber nicht. Auch Felix fühlt sich wohl im Steigerwald. Wäre da nicht das Busfahren...

Eng geht's zu im Bus


Neben ihm im Gang pressen sich die Knetzgauer Kinder an die Sitze. Ein Mädchen bekommt immer wieder die Ecke einer Tasche in den Bauch gerammt. "Kannst du deine Büchertasche bitte runter nehmen, du zerquetscht meinen Bauch", sagt es und lächelt gequält. Der Junge, viel jünger, entgegnet schüchtern, dass es nicht geht. Tatsächlich hängt er zwischen Sitz und Mädchen und kann sich keinen Zentimeter mehr nach vorne bewegen.
Über 3540 Kinder sind seit diesem Jahr im Landkreis Haßberge mit Bus oder Bahn zu den weiterführenden Schulen unterwegs. Der Landkreis Haßberge ist großflächig. Die Schülerbeförderung ist daher sehr aufwendig. Schließlich soll jedes Kind pünktlich zur Schule kommen und nach dem Unterricht wieder nach Hause gebracht werden. Doch die Kinder gehen auf verschiedene Schulen und haben teilweise andere Unterrichtszeiten. Den weitesten Weg haben Schüler aus Maroldsweisach zur Haßfurter Berufsschule und Schüler aus Fabrikschleichach und Fatschenbrunn.

Wenn Felix und Lara in den Bus steigen, ist es noch dunkel. Felix fährt morgens 47 Minuten zur Schule. Bis es draußen heller wird, schlängelt sich der Bus bergauf, bergab durch den Steigerwald. Felix schaut aus dem Fenster, auf die Baumwipfel und düsteren Feldwege. "Es ist immer das Gleiche", murmelt er.
Seit einem Jahr legt er die Strecke nach Haßfurt mit dem Bus zurück. "Anfangs verging die Zeit nicht, mittlerweile habe ich mich an die Langeweile gewöhnt", sagt er.

Kurven machen Lernen schwer


Langeweile haben die pendelnden Schüler aus dem Steigerwald oft am Tag, von der Freizeit bleibt eher wenig. Lara findet das sehr schade. Gerade mittags stört sich das Busfahren. "Da bin ich fertig von der Schule und will einfach nur schnell heim", sagt sie. Doch ausgerechnet am Nachmittag fährt der Bus nur drei Mal in den Steigerwald. Das bedeutet für Felix und Lara lange Wartezeiten in Haßfurt.

Auch morgens müssen sie fast eine halbe Stunde am Schulzentrum warten, bis der Unterricht beginnt. Felix quatscht mit seinen Kumpels, spielt Mau-Mau oder liest sich noch etwas für die Schulstunden durch. Im Bus kann er nicht lernen, denn bei den ständigen Kurven und dem Lärm kann er sich nicht konzentrieren. "Im Bus wackelt es mir zu sehr."

Hoffnung auf den Roller


Morgens nimmt Felix auf einem der vorderen Sitze Platz. Nachmittags verzieht er sich lieber in den hinteren Teil des Busses. Da sei es ruhiger. Die Pendler haben ihre Rituale. Lara unterhält sich mit ihrer Freundin, Felix guckt aus dem Fenster.

Die Kinder haben keine Alternativen. Ihre Eltern können sie nicht ständig die 20 Kilometer bis zur Schule fahren. Felix macht deshalb gerade seinen Roller-Führerschein. Die Vorteile dieser Freiheit zählt er auf. "Ich bin schneller da, es ist nicht so viel Lärm, ich könnte einen Freund mitnehmen und morgens länger schlafen."

Der Bus erreicht das Schulzentrum in Haßfurt. Ein Schülerlotse mit orangefarbenem Umhang gähnt dem Bus entgegen. Es ist kurz nach halb acht Uhr. Der Bus hält, die Tür springt auf. Die ersten Kinder drängeln aus dem Bus. Felix und Lara warten noch einen Augenblick. Der Bus hat sich fast geleert, als sie aussteigen. Nach fast einer Stunde Busfahrt haben es Felix und Lara plötzlich ganz eilig. Mit schnellem Schritt laufen sie aufs Gymnasium zu. Schließlich warten ihre Freunde schon. Lara und Felix wollen die wenige freie Zeit genießen.