Tatort: Eine Tankstelle in Ebelsbach. Tathergang: Eine "wunderschöne Fahrerin" eines weißen Autos, braune Haare, mit einer "hammer Ausstrahlung" verdrehte am Osterwochenende wohl ein paar Kerlen den Kopf. "Wir wollten dir sogar hinterher fahren...", schreiben die Suchenden noch in ihrer Botschaft, die mittlerweile öffentlich auf der Facebook-Seite "Spotted: Landkreis Haßberge" zu lesen ist, kommentiert werden kann - und im besten Fall von der jungen Frau selbst beanwortet wird.

Solche und andere konkrete Kontaktanzeigen landen im Postfach der Administratoren, die die sogenannten "Spotted"-Seiten im Sozialen Netzwerk betreiben. Um das Liebesglück der Bamberger kümmern sich zum Beispiel zwei, die gar nicht mehr in der Weltkul turerbestadt leben. Als zweite Flirt-Seite dieser Art in Deutschland - so die Initiatoren - ging "Spotted: University of Bamberg" vor über zwei Jahren ans Netz. Zwei junge Frauen, so viel darf verraten werden, sind die Betreiber. Eine davon heißt Julia. Ansonsten halten sie sich mit Beschreibungen zurück: "Uns war es immer wichtig, anonym zu bleiben", erklärt Julia. Sie fürchten, dass es "Spotter verschrecken könnte, wenn sie wüssten, wer wir sind". Deshalb wissen nicht einmal ihre Freunde von dem Kuppel-Hobby.

Spotter sind Menschen, die sich mit einer Suchanfrage an die Flirt-Seite wenden, in der Hoffnung, eine (zufällige) Bekanntschaft wiederzufinden. Das Kuppel-Konzept, das seit Anfang 2013 auch im Kreis Haßberge seine Spuren hinterlässt, ist nicht neu, und auch nicht deutsch. Die Idee schwappte aus dem angelsächsischen Raum hierher, mittlerweile hat eigentlich jede größere Stadt und jede Uni mindestens ein Portal im Sozialen Netzwerk. Und, "was an Unis möglich ist, sollten wir doch auch in unserem schönen Landkreis hinkriegen", schreiben die Haßberge-Betreiber in Facebook und treffen damit immerhin den Nerv von bisher 3309 Facebook-Nutzern, die der Seite ständig folgen.

Das Reizvolle hinter der digitalen Kuppelei erklärt Social-Media-Experte Florian Mayer so: "Spotted-Seiten sind für mich die moderne Form des Minnelieds im Schutz der Anonymität - oder: die höflichere und kreativere Form der ,Anmache', gerade für Schüchterne." Nutzer wenden sich in der Hoffnung an die Betreiber, Begegnungen aus ihrem wahren Alltag im Internet eine zweite Chance zu geben. "Bei Spotted-Seiten geht es nicht um klassische Kontaktanzeigen, bei denen man sich selbst darstellen muss, aber keine Ahnung hat, wer sich darauf meldet. Vielmehr sind es Kontaktanbahnungsanzeigen", sagt Mayer: "Man hat jemand in der Bibliothek oder im Café gesehen, sich vielleicht sogar zugelächelt - aber mehr ist nicht geschehen."

In Zeiten vor Facebook hätte man sein Herzblatt entweder direkt ansprechen müssen, oder "hätte sich einfach aus den Augen verloren", nun hat man "die Möglichkeit, die eine Person zu suchen und um sie zu werben - und gibt ihr gleichzeitig die Möglichkeit, dieses einfach zu ignorieren", erklärt Mayer einen Faktor, warum seiner Ansicht nach Spotted-Seiten funktionieren.

Angst vor einer Abfuhr

Julia und ihre Co-Administratorin bekommen für ihre Seite kein Geld, "wir haben auch keine Werbung über Facebook geschaltet", sagt sie. Anfangs war es viel Arbeit: Bis zu 30 Nachrichten am Tag mussten die jungen Frauen bearbeiten. Jetzt sind es zwischen drei und zehn in der Woche und damit sei der Aufwand vertretbar.
Jede Suchanzeige, die im Namen der Spotted-Betreiber veröffentlicht wird, wird vorher durchgelesen. "Unangemessene Posts, aber auch Posts, die nichts mit der Seite zu tun haben", sieben die beiden aus. Im Gegensatz zu anderen Dating-Seiten müssen sich die Frauen und Männer nicht in einem zusätzlichen Portal anmelden, Voraussetzung ist ein Facebook-Zugang. "Ansonsten achten wir darauf, dass keine beleidigenden oder diskriminierenden Gesuche veröffentlicht werden", erklärt einer der Haßberge-Betreiber die möglichen Ausschlusskriterien.

Schickt ein Spotter eine kurze Beschreibung des oder der Gesuchten als Nachricht an die Betreiber, wird diese anonymisiert aber öffentlich auf der jeweiligen Spotted-Seite geteilt. Ein Beispiel: "Ich suche einen bärtigen, tätowierten Mann, der am Mittwoch in der Bib am Kranen war und ganz vertieft in römische Geschichte war. Du hattest ein schwarzes T-Shirt an und hast ein Led Zeppelin Symbol, eine bunte Eule auf dem Arm. Würd' mich freuen, von dir zu hören."

Keine zwanzig Minuten später markiert ein Nutzer einen anderen Bekannten auf der Plattform in einem Kommentar auf diesen Beitrag hin. Wieder wenig später ist klar: Die Suche war wahrscheinlich erfolgreich, der Mann ist aber bereits vergeben. Ist der Post einmal veröffentlicht, kann es also ganz schnell gehen: Wer Hinweise hat oder sich wiedererkennt, schickt eine Nachricht an den Betreiber, hinterlässt einen öffentlichen Kommentar oder kann den Suchenden direkt via Soziales Netzwerk anschreiben.

Für Florian Mayer ist genau dieser "geschützte Raum der Anonymität" entscheidend: "Man muss nicht rot werden, wenn man beim ersten Ansprechen um Worte ringt, hat Zeit, ein kreatives Kompliment zu formulieren, und noch wichtiger: Man bekommt von der oder dem Angebeteten nicht vor versammelter Mannschaft eine Abfuhr", so der Soziologe.

Und - wie das Beispiel zeigt - auch die anderen Nutzer werden unterhalten, obwohl sie nicht direkt angeschrieben sind: "Durch die doppelte Anonymität - Wer hat's geschrieben? Wer wird gesucht? - ist da gleich Spannung in der ,Love Story' - man kann mitraten", erklärt der Experte.

Über den Erfolg der Kuppelei wissen die Betreiber relativ wenig: "Einmal hat sich einer bei uns per E-Mail bedankt, das war unglaublich schön", erinnert sich Julia. "Schön sind die Geschichten, bei denen man merkt, dass sich jemand Gedanken gemacht hat" - und davon landen immer noch weit mehr in ihrem Postfach, als Werbeanzeigen, Spott oder Beleidigungen.