Anfang September übergab sie an Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) den Abschlussbericht des "Euro-Hawk"-Untersuchungsausschusses - 1531 Seiten, eine Fleißarbeit nach annähernd 60-stündiger Zeugenvernehmung und dem Durchforsten von etwa 1500 Aktenordnern. Fleiß und Kompetenz bestimmten auch die letzte bedeutende Amtshandlung von Susanne Kastner als Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Bundestag.

Die SPD-Abgeordnete aus Maroldsweisach und aus dem Wahlkreis Bad Kissingen, die 24 Jahre lang in Bonn und Berlin in der Bundespolitik mitgemischt hatte, trat am Sonntag nicht mehr zur Bundestagswahl an. Damit verlässt eine Grande Dame der Sozialdemokratie die große politische Bühne.

An der Spitze des Verteidigungsausschusses, dem letzten Akt ihrer beachtlichen Karriere, die sie ab 2002 für sieben Jahre zur Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags gemacht hatte, musste sie beispielsweise dem früheren Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg (CSU) wegen der "Kunduz-Affäre" auf den Zahn fühlen oder zuletzt dessen Nachfolger Thomas de Maizière (CDU) wegen der "Drohnen-Affäre".


Streitkräfte im Blickpunkt

Als Erzieherin, studierte evangelische Religionspädagogin sowie Frau eines Pfarrers hätte sich Kastner vermutlich nie erwartet, dass die Streitkräfte einmal solch große Bedeutung in ihrem politischen Leben einnehmen würden, denn im Verteidigungsausschuss hatte sie sich gleich nach dem Einzug in den Bundestag engagiert, und mit ihm hatte sie auch die ersten Auslandseinsätze der Bundeswehr mitverantwortet. Dieses Engagement rührt nicht zuletzt daher, dass es in ihrem Wahlkreis damals vier Standorte der Bundeswehr gab.

Kastner hatte immer ein offenes Ohr und ein Gefühl für die Bedürfnisse der Menschen und Kommunen in ihrem Wahlkreis. So verwickelte auch der Versuch, die Bundeswehrstandorte zu verteidigen, die "rote Susanne" in manche sieglose Schlacht. Das Kämpferische gehört auch im übertragenen Sinn unbedingt zur politischen Vita einer Frau, die für ihre Hartnäckigkeit, Streitbarkeit und ihren Pragmatismus bekannt und über Parteigrenzen hinweg geachtet ist.


Spannende Aufgabe

Diese Charakteristika haben sie in den Jahren 1998 bis 2002 zu einer starken Geschäftsführerin ihrer Fraktion gemacht, und so war es am Ende nur konsequent, dass die SPD die Abgeordnete aus Maroldsweisach im Jahr 2002 als Bundestagsvizepräsidentin in eines der höchsten Ämter im Staate hievte. Die Paragrafen der Geschäftsordnung hatte sie intus, und so fiel es ihr leicht, bei den Sitzungen die Fäden zu ziehen. Einer der bewegendsten Auftritte in diesem Amt war ihr Nachruf für die Opfer des Amoklaufs von Winnenden. In der Rückschau bezeichnet Kastner diese Aufgabe als die "spannendste in ihrem politischen Leben." Umso mehr mag es sie enttäuscht haben, als sie diesen Posten im Jahr 2009 in einer Kampfabstimmung gegen Wolfgang Thierse verlor.

Mit Kastners Stimme hatte die Rot-Grüne Regierung einst die Rente mit 67 beschlossen, und so passt es, dass sie selbst nun mit 67 in den politischen Ruhestand geht. Sie tue dies "ohne Wehmut", gibt die Politikerin zu Protokoll, die sich von ihrem Krebsleiden vor zwei Jahren weitgehend erholt präsentiert. Sie wird ihre Wohnung in Berlin auflösen und komplett in die Haßberge zurückkehren. Dort will sie weiter politisch tätig sein und als Ortsvorsitzende die SPD in Maroldsweisach im kommenden Jahr in den Kommunalwahlkampf führen. Und dort wird sie mehr Zeit für ihren Mann Helmut, die drei Kinder und die sieben Enkel haben.

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