Max Spitlbauer hat das Bild noch genau vor Augen. Eine Szene, die sich ihm als Kind eingebrannt hat: "Ich hab' beobachtet, wie sich eine Frau auf dem Fahrrad auf den blanken Felgen den Stadtberg hoch quälte." Es war eine von fast 2000 Vertriebenen und Evakuierten, die in Folge der Kriegswirren in Ebern landeten. Für die meisten war das Lager Fierst die erste Anlaufstation. Um die Umstände von Vertreibung und Flucht aufzuzeigen und für die Nachwelt festzuhalten, plant der Bürgerverein für 2017 eine Ausstellung und sammelt derzeit Bilder und Aussagen von Zeitzeugen.

"Damals haben die Eberner so viele Vertriebene aufgenommen wie Stadt Einwohner hatte", berichtete Bürgermeister Jürgen Hennemann dieser Tage vor zwei Gruppen von Austauschschülern. Darunter auch Jugendliche aus dem polnischen Zordy, im einstigen Sudetenland gelegen.


Mit 814 stellten Sudetendeutsche auch die stärkste Landsmannschaft unter den 1850 Vertriebenen, die in Fierst registriert waren. "Wie war denn das? Sind die alle mit Zügen angekommen und wie kamen sie dann nach Fierst?", wollte Bürgervereinsvorsitzender Ingo Hafenecker bei einer (kleinen) Gesprächsrunde wissen.

Ihm wurde bestätigt, was er vermutet hatte: "Sie waren bestimmt nicht alle herzlich willkommen", zog Hafenecker eine Parallele zu aktuellen Ereignissen, wobei Nachkommen der Flüchtlinge auf Unterschiede hinwiesen: "Wir bzw. unsere Leute mussten weg."

Dass die Vertriebenen nicht mit offenen Armen empfangen wurden, weil die Leute hier selbst nichts hatten, bestätigten einige der Zeitzeugen in der Gesprächsrunde. "Wir haben die Hölle erlebt", lautete die Beschreibung über die Aufnahme in einem Dorf, das jetzt im Landkreis Bamberg liegt, wo der Pfarrer von der Kanzel gepredigt haben soll, dass"die Flüchtlinge und die Kartoffelkäfer uns kaputt machen".

Den Zeitgeist von damals vermittelte die Schilderung, wie "wir uns auf dem Dorfplatz in Reih' und Glied aufstellen mussten und sich die Bauern die Leute ihrer Wahl herauspickten, die dann auf ihren Feldern arbeiten mussten und auf Stroh und alten Decken schlafen mussten" (wie in einem Dorf, das jetzt zur Marktgemeinde Burgpreppach gehört, geschehen) oder dass der damalige Landrat sich Arbeiter aus dem Fierster Lager herausholte, damit sie ihm sein Haus in Altenstein bauten.


Unter Polizeischutz

Heinz Gall erinnerte sich, dass die meisten Vertriebenen mit dem Zug nach Ebern kamen und mit Lastern aus Schweinfurt nach Fierst gebracht wurden. "Dort mussten sie eine bestimmte Zeit lange bleiben. Dann wurden sie mit ihrem bissla Zeuch auf die Dörfer verteilt. Sie wurden auf die Dorfplätze gestellt und der Bürgermeister musste dafür sorgen, dass sie unterkommen."

In so manchem Dorf (die Namen sind bekannt, bleiben aber bewusst unerwähnt) ging das nie ohne Polizeieinsatz ab.

Das Lagerleben war bestimmt kein Zuckerschlecken: "Unsere Leute haben oft über die Führung geschimpft, die am Trog saß, während die andere nichts zu beißen bekamen."

Max Spitlbauer erinnert sich als Eberner noch genau: "Die hatten ja gar nix mehr ghabt und Zigaretten aus Zeitungspapier und Kastanienblättern geraucht."

Helga Pokoj-Müller und weitere Teilnehmer wussten aus Erzählungen der Iglauer Landsmannschaft, wie die Vertreibung ihrer Vorfahren vonstatten ging: "Da kam ein Russe und zwei Tschechen mit Gewehren und aufgepflanztem Bajonett und gaben ihnen zehn Minuten, um ihr Haus zu räumen. Sie durften nur 50 Kilo mitnehmen und die neuen Hausbesitzer standen schon bereit. Alle Deutschstämmigen mussten ein N für Nemec (tschechisch für Deutscher) tragen und wurden so wie vorher mit dem Judenstern stigmatisiert." Binnen weniger Minuten galt es zu entscheiden, welche Puppe nehme ich mit, wer füttert nochmals das Vieh?


Bei Rotenhans satt geworden

Vom Kind bis zum Greis seien sie in Viehwaggons gepfercht und über Prag, Fürth nach Schweinfurt gebracht worden, um letztlich in Fierst zu landen. "Während des Transports gab's nur ab und zu gebratene Kartoffelschalen zu essen."

Helga Pokoj-Müller weiß von ihren Eltern, dass "sie sich bei den Rotenhans in Rentweinsdorf zu ersten Mal wieder satt essen konnten".

In der Folgezeit seien sie in den umliegenden Dörfern betteln gegangen. In den Jahren 1949/1950 hätten die Heubacher Bauern Arbeiter gesucht, sodass die Familie letztlich dort heimisch und integriert wurde und sich letztlich zu einer führenden Kraft im Dorf entwickelte.


Die Impulse der Neubürger

Ein Ansatz, den Ingo Hafenecker und Stefan Andritschke mit der 2017 geplanten Ausstellung über die Situation der Flüchtlingen vor 70 Jahren aufgreifen wollen.

Welche Impulse und Aufschwung lösten die Vertriebenen in der neuen Heimat aus? Familiennamen wie Stastny, Wiltschka, Brunner, Jaklin, Kudlich oder Ullmann wurden dabei genannt.

Weitere Gesprächsrunden sind geplant. Bedauert wurde, dass die Aktivitäten der Sudetendeutschen Landsmannschaften nahezu eingeschlafen sind.

Für den Raum der Heimatvertriebenen im Heimatmuseum und die geplante Ausstellung erhoffen sich Andritschke und Hafenecker aber weitere Exponate und Schilderungen. Die Probleme dazu sind beiden nicht fremd: "Die Alten sind zu müde, die Jungen haben kaum Interesse."