Er läuft und läuft und läuft. Der Werbespruch galt eigentlich dem VW Käfer - doch der ist über die Jahrzehnte dann doch etwas aus dem Tritt gekommen. Nicht so Dietmar Hofmann. Der Eberner schnürt gerade wieder den Wanderrucksack. Am Sonntag in aller Herrgottsfrüh' soll's losgehen. Um vier Uhr wird er von einem Freund mit dem Auto abgeholt.

Dann startet der 64-Jährige zu einem Fußmarsch durch die komplette Republik, von der Nordsee bis zu den Alpen soll sie führen und etwa einen Monat dauern. Hofmann läuft und läuft und läuft. Und er benötigt dazu, anders als der berühmte Fließbandläufer aus dem Hause Volkswagen, keinen Benzinmotor. Sein Antrieb ist allein die gute Sache, denn mit jedem Meter auf seiner rund 850 Kilometer langen Wegstrecke sammelt er Geldspenden für die Deutsche Knochenmarkspenderdatei.

Linus war der Auslöser

Die Leukämie-Erkrankung des Buben Linus aus Rentweinsdorf (inzwischen neun Jahre alt) hat Hofmann im vergangenen Jahr aufgerüttelt. Er selbst, als 63-Jähriger, kam für eine Knochenmarkspende nicht mehr in Frage. So konnte er sich nicht unter die knapp 7000 Freiwilligen mischen, die sich an der großen Typisierungsaktion in Ebern beteiligten. Also entschied sich Dietmar Hofmann für den Benefizlauf. "Ich hab' auch einen Leukämiefall in der Familie," erzählt er und berichtet von einer Begegnung mit Linus beim Mittelalterfest in Ebern. Der Bub hatte einen Spender in Kanada gefunden. Hofmann: "Er ist zwar noch schwach, aber er hat es Gott sei Dank überstanden."

Dietmar Hofmann will die Suche nach "Lebensspendern" weiter unterstützen. Naturverbunden, wie er ist, sucht der Stammeschef der Eberner Pfadfinder die große Herausforderung zum zweiten Mal. Die Premiere im vergangenen Jahr war gut 1200 Kilometer weit, "gefühlte 1350 auf jeden Fall", bekennt der Wanderer, nachdem er von F wie Flensburg nach F wie Füssen marschiert war. Die Strapazen, die solch eine Tour mit sich bringt, kennt er also "aus dem FF".

"Diesmal sind's nicht ganz so viele Kilometer, dafür aber weniger Flussläufe und mehr Berge unterwegs," sagt er und grinst: "Das geht schon oben im Weser Bergland los: Da werd ich mich wohl durchkämpfen müssen."
Freilich spielt auch der Wunsch nach Selbstverwirklichung eine Rolle, wenn man im Rentenalter noch solche "Tortouren" auf sich nimmt. Hofmann kann's. Warum also sollte er nicht?

Der "Wilhelm"

Und das alles im Alleingang? Da widerspricht der frühere Hausmeister, der als Fahrer von Schulbussen für das Rote Kreuz noch immer auf die Ferienzeit angewiesen ist, vehement. "Da ist ja noch der Wilhelm", sein unerlässlicher Gefährte, der ihn bei der Premiere im vergangenen Jahr auf Schritt und Tritt begleitet hat. Der kleine Kerl, gerade mal kniehoch, hat dem bärtigen Urtypen aus den Haßbergen einigen Respekt abgerungen, hat er doch die komplette Strecke schadlos überstanden und dabei noch den 25 Kilo schweren Marschgepäck gestemmt. "Mit dem Rucksack ist so eine lange Tour nichts," findet Hofmann, "da muss man entweder trampen oder in der Gaststätte übernachten." Doch das passt nicht zu seinem kleinen Geldbeutel. "Low-Budget-Projekt" nennt man so etwas heute.

"Wilhelm" ist übrigens Chinese. Ein Handwägelchen in Leichtbauweise. "Aber sehr zuverlässig", versichert der Wanderer. "Wilhelm" ist eigentlich Dietmar Hofmanns zweiter Vorname, aber da er nur seinen ersten braucht, teilt er eben mit seinem Weggefährten. Einen Begleiter auf zwei Beinen kann er sich indessen nicht vorstellen. "Wenn du todmüde bist," winkt er ab ,"und neben dir schnarcht einer Opern!? Ne, das brauch' ich nicht." So könne er auch sein Marschtempo und die Etappenlänge allein bestimmen, was ihm viel lieber ist.

"Hufpflege" ist wichtig

Sein Gepäck will der Eberner heuer um einige Kilo reduzieren, der Anstiege wegen, Dafür hat er diesmal an ein Tuch gedacht, um auch den Nacken vor Sonnenbrand zu schützen und er hat Fußbalsam im Gepäck. "Hufpflege", nennt er das.

Transparente an seinem Wägelchen sollen verhindern, dass der Wanderer unterwegs ständig erklären muss, was ihn zu dem Gewaltmarsch antreibt. Und er hat technisch aufgerüstet. Mit einem Solarladegerät für die beiden Handys. So ist er am Abend für Ehefrau Lacenda und womöglich auch für Journalisten erreichbar. Einige Zeitungen und Fernsehsender hat er angeschrieben. Klappern gehört zum Schuhwerk, wenn man eine Benefiz-Wanderung startet.

Außerdem kann das Internet helfen, wenn der Wanderer mal nicht mehr weiter weiß. Dietmar Hofmann, der vergangenes Jahr manchen Umweg in Kauf nehmen musste, weil Radwege plötzlich im Nirwana endeten: "Schlechter als beim ersten Mal kann's nicht mehr werden." Manchmal, gesteht er, sind die Orientierungsprobleme aber auch durch Erschöpfung entstanden: "Da war ich total neben der Kappe."

Wer so viel erlebt, kann viel erzählen. So zum Beispiel seinen Kurzauftritt beim belgischen Fernsehen oder das mit der Nacht auf dem Friedhof, "geschützt von den Hunden und die Toten tun Dir nix". Auch die verregnete Übernachtung, zusammengepfercht in einem Buswartehäuschen im XS-Format, wird er nicht vergessen. Wie solche Berichte die Leute fesseln, hat Dietmar Hofmann im Frühjahr bei mehreren Diavorträgen über seinen Marsch erfahren. Und er hat seine Erlebnisse auch aufgezeichnet: "Ein halbes Buch ist schon fertig!"

Auf Joey Kellys Fersen

Dass er ausgerechnet in Wilhelmshaven den Anker lichtet oder "in Land sticht" oder wie man das an der Waterkant auch immer ausdrücken würde, hat übrigens nichts mit irgendwelchen Taufnamen zu tun. Hofmann tritt mit seinen Wander-Sandalen aus dem Discounter ("Die sind besser als feste Schuhe") vielmehr in die Fußstapfen eines Extremsportlers. Joey Kelly, einst Mitglied der legendären Kelly-Family, hatte im September 2010 in 18 Tagen Deutschland von Wilhelmshaven bis zur Zugspitze durchquert. Ganz so flink will Dietmar Hofmann nicht im Süden ankommen und er wird sich und seinem Wägelchen auch den Aufstieg auf die Zugspitze sparen. "2962 Meter sind nichts für mich und meinen Wilhelm", winkt der Wanderer ab. Er will am Schluss seiner Tour rechtzeitig nach Mittenwald abbiegen.

Im Übrigen aber hält es der Eberner ebenso, wie Joey Kelly seinen Selbsterfahrungs- und Disziplinierungstripp in dem Buch "Hysterie des Körpers" beschrieben hat. Er will täglich etwa 50 Kilometer schaffen und draußen im Schlafsack unter einer Plane übernachten. Ganz der Pfadfinder halt!

"Wetter und Einsamkeit sind seine stetigen Begleiter. Hunger und Durst treiben ihn an den Rand der Verzweiflung", heißt es im Klappentext für das Buch, das Hofmann beeindruckt hat. Doch der Eberner wird es unterwegs längst nicht so hysterisch und asketisch angehen, wie sein bekannter "Vorläufer". Trotzdem hat er bei seiner Tour im vergangen Jahr unterwegs zehn Kilo verloren. "Das ist schon lang wieder aufgeholt", lacht er und klatscht dabei auf ein stattliches Bäuchlein. Mit 96 Kilo Marschgewicht auf den Rippen geht er in Vorleistung - und das bei "ein Meter 78 - noch".

Ein Cent pro Kilometer

Ich bin gut gerüstet", sagt Hofmann, der sich beispielsweise bei der jüngsten Wallfahrt von Haßfurt nach Vierzehnheiligen nicht wie viele andere Pilger von den Schlechtwetterprognosen beeindrucken ließ. Mit einer Hand voll Wegbegleiter ist er die komplette Strecke gelaufen. "Ohne Blasen", versichert er, "und trockenen Fußes".
Hofmann will unterwegs für die Deutsche Knochenmarkspenderdatei werben. Er hofft, dass seine Leistung möglichst viele Menschen dazu animiert, Geld für die teuren Typisierungen zu spenden. Zum Beispiel einen Cent pro Kilometer, wie er es im letzten Jahr vorgeschlagen hat. Das wären etwa 8,50 Euro für die diesjährige Tour.

"Lebens -Spenden"

Der "Deutschlandwanderer" hat für seine Benefizwanderung von Wilhelmshaven nach Mittenwald ein Spendenkonto bei der Sparkasse Ostunterfranken in Ebern eingerichtet.
Verwendungszweck: "XEV 206 Benefizwanderung".

Auch Spenden, die direkt auf
das Konto der Deutschen Knochenmarkspenderdatei in Tübingen (Nummer 9258385; BLZ 79351730) gehen, sind Dietmar Hofmann herzlich willkommen.