Gestrandet in einem anderen Land. Ohne Eltern oder Verwandte. Oft keine 18 Jahre alt und der fremden Sprache kaum mächtig. So geht es pro Jahr hunderten Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen; sie fliehen vor Krieg, Hunger, Verfolgung. In Eltmann soll nun ein Wohnprojekt mit Platz für zehn unbegleitete minderjährige Flüchtlinge geschaffen werden, das den besonderen Bedürfnissen gerecht wird. Bauherr ist die Kinder- und Jugendhilfe St. Josef, der Bauantrag liegt dem Bauausschuss der Stadt Eltmann in seiner nächsten Sitzung am 11. August vor.

Junge Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, treffen hierzulande auf Barrieren: die Sprache, die Kultur, die fehlende Integration. Solche Barrieren sollen abgebaut werden in Einrichtungen, in denen die Jugendlichen besondere Betreuung erhalten und in denen sie gefördert werden.


Professionelle Hilfe

Die Kinder- und Jugendhilfe St. Josef Eltmann - unter dem Dach des Diözesan-Caritasverbands Würzburg - betreut seit Jahrzehnten Jugendliche, die es aus ganz unterschiedlichen Gründen schwer haben, sich im sozialen Gefüge zu bewegen. Das gilt für Einheimische wie auch für Flüchtlinge. Die Kinder und Jugendlichen hier werden professionell zur schulischen, beruflichen und sozialen Integration begleitet.

Wie Heimleiter Martin Gehring schilderte, ist es nicht neu, dass jugendliche Flüchtlinge ohne Eltern oder Verwandte nach Deutschland kommen. Seit 2002 hat man in Eltmann Einzelfälle mit in die bestehenden Wohngruppen aufgenommen, und es gibt auch schöne Beispiele für junge Menschen, die gut Fuß gefasst haben, wie Gehring deutlich machte. Aktuell kümmern sich die Erzieher und Fachkräfte in Eltmann um junge Flüchtlinge aus Afghanistan, Äthiopien und Eritrea, zwei 14-Jährige sind eben erst dazugekommen.

Seit gut zwei Jahren nun häufen sich die Fälle. Die zentrale bayerische Flüchtlings-Aufnahmestelle in Zirndorf quillt über. Das Problem: Kinder und Jugendliche ohne Eltern oder Verwandte sind in den normalen Asylbewerber-Heimen alles andere als gut untergebracht. "Sie brauchen Bezugspersonen sowie einen Vormund und einen Betreuer - wenn sie traumatisiert sind, eine Therapie", sagte Gehring. Die Regierung von Unterfranken befindet sich da in großer Not und trat quasi auf die Eltmanner Jugendhilfe-Einrichtung zu mit dem Anliegen, eine solche spezielle Wohngruppe aufzubauen.

Johannes Hardenacke, Sprecher der Regierung von Unterfranken, geht davon aus, dass in diesem Jahr 1500 Flüchtlinge im Alter zwischen 16 und 21 Jahren nach Bayern kommen werden. 155 sollen es nach Hochrechnungen im Gebiet Unterfranken sein. "Wir suchen händeringend Plätze für Asylbewerber", sagte Hardenacke. Plätze, die den Bedürfnissen von Jugendlichen entsprechen, gibt es in Unterfranken derzeit 77. Und 48 weitere sind für dieses Jahr bereits beschlossen. Im Kreis Haßberge gibt es laut Hardenacke neun Plätze für jugendliche Flüchtlinge. Mit den zehn, die nun in Eltmann dazukommen, sei der Kreis "vorbildlich aufgestellt", wie Johannes Hardenacke sagte.


Schulische Unterstützung

Es tut sich was: "In vielen Landkreisen entstehen gegenwärtig solche Einrichtungen", erläuterte der Eltmanner Heimleiter Martin Gehring. Das ist der Hintergrund für den geplanten Umbau des Hauses an der Galgenleite 7 in Eltmann. Hier soll eine Wohngruppe mit zehn Plätzen für 15- bis 18-Jährige entstehen, die in Deutschland alleine angekommen sind. Im Herbst soll begleitend dazu eine Schulklasse in Haßfurt entstehen.

Am Berufsschulzentrum in Haßfurt wird diese so genannte Vorklasse zum Berufsintegrationsjahr (BIJ/V) eingerichtet. Die Jugendlichen sollen hier "in erster Linie Deutsch lernen, die Kultur kennenlernen und mittels einer sozialpädagogischen Betreuung berufliche Perspektiven entwickeln", wie Schulleiterin Heidrun Görtler sagte. Vorerst können in dieser neuen Klasse nur 16 Schüler aufgenommen werden. Deshalb sollen anhand eines Sprachfertigkeitstests vorab geprüft werden, welche Schüler besonders profitieren könnten. "Wir werden uns bemühen, eine homogene Gruppe zu bilden, die sich auf ähnlichem Niveau befindet", sagte Heidrun Görtler gegenüber unserer Zeitung.

23 Unterrichtsstunden pro Woche werden angeboten: 15 Stunden steht Deutschunterricht auf dem Plan, 22 Stunden Fächer wie Sozialkunde, Datenverarbeitung, Esskultur, Mathematik, Musik und Sport - jeweils in Gruppenteilung. Die Kosten trägt der Freistaat, und Träger wird der Landkreis sein.

Die Basisstation der Jugendlichen, das Eltmanner Haus, wird zunächst umfassend saniert: Geplant sind Zwei-Bett-Zimmer für die Jugendlichen, Ess- und Aufenthaltsräume, der Bad- und Sanitärbereich muss vergrößert werden, und schließlich braucht die Gruppe Räume für das Personal, Erzieher und Sozialpädagogen. Zur Rund-um-die-Uhr-Betreuung wird ein Nachtbereitschaftszimmer eingerichtet, ebenso Bürobereiche, schließlich ist die neue Wohngruppe mit dem Haupthaus vernetzt.


Wichtig ist die Zusammenarbeit

Vernetzung ist bei dem Projekt überhaupt ein Schlüsselwort, wie in Gehrings Beschreibung deutlich wird: "So was kann man nur gemeinsam stemmen", betont er und lobt die "enorme Kooperationsbereitschaft" und die Zusammenarbeit mit dem Landkreis und dem Jugendamt.

Das Jugendamt Haßberge ist "für die sozialpädagogische Betreuung zuständig, für die wirtschaftliche Jugendhilfe und bekommt in der Regel die Amtsvormundschaft übertragen", sagte der Amtsleiter Christoph Schramm. Nachdem das zuständige Jugendamt einen minderjährigen Flüchtling in seine Obhut genommen hat, steht ein so genanntes Clearing-Verfahren an. Ziele sind: "der Schutz, die Klärung der Situation und der Perspektiven des unbegleiteten minderjährigen Flüchtlings", so Schramm. Dabei wird über den Hilfebedarf des Jugendlichen entschieden - etwa ob er in die Obhut einer speziellen Wohnstätte gegeben wird.

Vor Ort in Eltmann bespricht man die pädagogischen Konzepte, nach denen die Jugendlichen betreut werden. Der Hausmeister aus dem Haupthaus kümmert sich ebenso mit um die neue Einrichtung wie die Hauswirtschafterin, und schließlich gibt es auch den Psychologen, der bei Therapiebedarf zur Stelle sein kann. So kalkuliert die Kinder- und Jugendhilfe Eltmann mit fünf Fachkräften für die neue Wohngruppe, wobei diese teils bereits vorhanden sind, teils neu eingestellt werden. Ab Mitte September soll es schrittweise bis Mitte Oktober losgehen - das Einverständnis von Eltmann vorausgesetzt.