Möge die Tracht mit euch sein

2 Min
Kulturbeauftragte Renate Ortloff (links) in der Festtagstracht und Christa Lampert in der Werktagstracht des Landkreises Haßberge. Die Kleidung wurde im November erstmals öffentlich präsentiert. Foto: René Rupprecht
Kulturbeauftragte Renate Ortloff (links) in der Festtagstracht und Christa Lampert in der Werktagstracht des Landkreises Haßberge. Die Kleidung wurde im November erstmals öffentlich präsentiert. Foto: René Rupprecht

Eine moderne Frauentracht soll dem Kreis Haßberge helfen, weiter aus dem Schatten der Gebietsreform von 1972 herauszutreten. 52 Frauen haben sich für das Projekt angemeldet und wollen im Januar mit der Näharbeit beginnen.

Wir befinden uns im Jahre 2015 nach Christus. Der ganze Landkreis Haßberge ist von den Haßfurtern besetzt. Der ganze Landkreis? Nein! Ein von unbeugsamen Altlandkreislern bevölkertes Dorf (hat hier wer "Stadt" gesagt?) hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten...

Dergleichen ist im übertragenen Sinne zu beobachten, wenn man Haßfurt als Sitz des Landratsamtes, also Zentrum der politischen Macht , und Ebern als annektierten Altlandkreis mit stiefmütterlichem Dasein im Norden betrachtet. Das ist zwar nicht so, denn niemand wurde hier annektiert. Aber die an die bekannten Asterix-Comics angelehnte obige Einleitung soll zumindest ausdrücken, wie der Kreis Haßberge mit seiner jungen Geschichte in den Augen einiger seiner Bewohner noch immer wahrgenommen wird: Als nicht homogen und mit zentralistischen Tendenzen. 1#googleAds#100x100


Identität schaffen

Kann eine gemeinsame Trachtenkleidung daran etwas ändern? Ja, glaubt die Kulturbeauftragte des Landkreises, Renate Ortloff. Tracht schaffe Identität, erklärte sie am Dienstagnachmittag bei der Sitzung des Kulturausschusses des Landkreises, der im Marktsaal von Rentweinsdorf tagte. Ortloff stellte dort die Pläne für eine Frauentracht vor, die vor Ort und in Handarbeit von Landkreisbewohnerinnen gefertigt werden sollen. Die Frauen sollen dann als Multiplikatoren fungieren. Wie Ortloff berichtete, haben sich mittlerweile 52 Frauen für den Kurs angemeldet. Er soll voraussichtlich ab Januar mit zehn Nähabenden an verschiedenen Orten im gesamten Landkreisgebiet stattfinden.


Hitzig geführte Diskussionen

Fehlt es dem Landkreis überhaupt an identitätstiftenden Merkmalen? Nüchtern betrachtet ist der Kreis Haßberge mit seinen vielfältigen landschaftlichen Regionen ein ziemlich interessanter Ort und dazu tragen alle Teile des Landkreises bei. Im Raum stehen aber immer wieder - vor allem bei Bürgerversammlungen oder Diskussionen im Internet, etwa auf infranken.de oder Facebook - Vorwürfe von Seiten einiger Landkreisbewohner, dass offenbar das Maintal, insbesondere die Stadt Haßfurt mit dem Sitz des Landratsamts, gegenüber dem nördlichen Teil des Landkreises und dem Steigerwald (politisch) bevorzugt wird.

Als Beispiel sei die hitzige Diskussion genannt, wo im Kreis Haßberge eine mögliche Bereitschaftspraxis für ärztliche Notdienste entstehen soll. Die politische Führung um Landrat Wilhelm Schneider (CSU) sprach sich für Haßfurt aus. Seitens der Bevölkerung im nördlichen Landkreis kommt Widerstand: Die Praxis sollte in Ebern sein, um den Menschen dort die Anfahrt durch den gesamten Landkreis zu ersparen.

Diese Diskussion ist natürlich völlig legitim und wird von beiden Seiten größtenteils mit sachlichen Argumenten geführt. Allerdings driften einige Beiträge auch in den Bereich der Maintalschen Verschwörungstheorie ab. Das liegt wohl auch daran, dass der Kreis Haßberge noch jung ist und sich nicht jeder mit ihm identifizieren mag. Er entstand im Zuge der Umstrukturierungen durch die Gemeindegebietsreform vor über 40 Jahren. Seit 1972 ist er offiziell ein Landkreis des Regierungsbezirks Unterfranken, er setzt sich überwiegend aus Gemeinden und Städten zusammen, die vor der Reform zu den damaligen Landkreisen Ebern, Hofheim und Haßfurt gehörten.
Mit der neu entworfenen Tracht soll der Landkreis weiter zusammenwachsen: Die Farben, die in seinem Wappen zu finden sind, sind auch die Farben, die bei der Tracht "erlaubt" sind.