Das Schicksal des Großvaters hat ihn gefesselt, nicht mehr losgelassen. Dessen Kriegstagebuch, ein vergilbtes, zerknittertes Schriftstück, hält er vorsichtig in Händen, hat es aber fest im Herzen. "Ich habe meinen Opa sehr geliebt", schluchzt Udo Pörschke (46), der in Ebern aufgewachsen und zur Schule gegangen ist, über Martin Welz aus der Breslauer Straße, der 1987 verstorben ist und im Eberner Friedhof begraben liegt. Und der Opa hatte nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft im Jahr 1949 nur noch zwei Dinge, die ihn erfreuten: seine Geige und seinen Enkel.

"Über den Krieg hat Opa nichts erzählt." Eine Erfahrung, die Pörschke mit vielen anderen Nachkriegskindern teilt. Umso aufschlussreicher die Aufzeichnungen von Martin Welz, die er während der Gefangenschaft verbotenerweise verfasste, dabei sogar die Todesstrafe in Kauf nahm. "Ich hätte meinen Großvater gerne noch so viel gefragt.
Sein Buch hat mir einige Antworten gegeben, hat aber noch viel mehr Fragen aufgeworfen", erzählt Udo Pörschke nach Monaten des Entzifferns.



Ein langer Weg
Um Antworten auf diese Fragen zu finden, hat sich Pörschke auf einen langen Marsch gemacht - er rekonstruierte den Weg seines Vorfahren und sucht nach Zeitzeugen, die ihm in den Jahren der Kriegsgefangenschaft begegnet sind. Ein Wettlauf gegen die biologische Uhr.

Nach Kämpfen im Kessel von Halbe erfolgte die Gefangennahme des Luftwaffenobergefreiten bei Kummersdorf durch russische Truppen und die Übergabe an Polen. Damit teilte Welz das Schicksal von rund 70 000 Kameraden. 70 Jahre danach tauchten seine niedergeschriebenen Erlebnisse wieder auf - zusammen mit seinem Soldbuch und einem Familienfoto.

Sorgsam eingepackt in eine Plastikhülle mit dem Aufdruck der Eberner Grauturm-Apotheke darauf hatten die Dokumente die Jahrzehnte überdauert. Eher achtlos aufbewahrt von Pörschkes Vater, Kurt, einst Arbeiter bei der Baufirma Hums und später Techniker im Bauamt der Verwaltungsgemeinschaft.

"Drei Wochen vor seinem Tod hat mir mein Vater alles erklärt und das mit dem Nachlass und den Finanzen geregelt", erzählt Udo Pörschke, der in Ebern das Gymnasium besuchte, ehe er wegen des Sportabiturs an das Dientzenhofer-Gymnasium nach Bamberg wechselte und danach Lehramt studierte, was ihn nach Stationen unter anderem in Haßfurt, Marktheidenfeld und Bad Neustadt auch in den Auslandsschuldienst nach Mexiko führte.

Aktuell arbeitet er als freiberuflicher Pädagoge und Buchautor in Süd-Ungarn. Hält aber auch Vorträge in Ägypten und anderen Ländern.

"Meine Mutter hatte nicht gewusst, ob er überhaupt noch lebt", hat ihm Edda Welz, die aus Schweidnitz/Schlesien, wo sie einen Kolonialwaren-Laden besaß, vertrieben worden war und zunächst im Aufnahmelager Fichtenbrück landete, ehe sie von einem älteren Ehepaar aus Weiden aufgenommen wurde. In der Oberpfalz eröffnete sie auch ein Textilgeschäft, an "das sich heute noch viele dort erinnern", weiß Udo Pörschke aus Interviews, die er mit Anwohnern in der Straße dort führte.

Wortlos vor der Tür
"Und dann stand er im Februar 1949 plötzlich vor der Tür, er hatte ein paar bunte Bonbons dabei und sagte kein Wort. Alle haben nur noch geweint", weiß der Enkel aus Erzählungen über die Rückkehr des Bruders der Mutter.

Und aus dem Studium der Aufzeichnungen von Martin Welz kann der Enkel das Martyrium des Opas nachempfinden und die Odyssee, die er in der Kriegsgefangenschaft zurücklegte. Und genau für diese Route hat sich der 46-Jährige zusammen mit seinem Freund Karl Hertel aus Gerach (55) auf die Socken gemacht.

Martin Welz war nach dem Abrücken in Alt-Madlitz Mitte April 1945, also vor genau 70 Jahren, in die Kämpfe im Kessel von Halbe geraten, drei Tage lang hungrig und durstig herumgeirrt und am 1. Mai in Kummersdorf von Russen gefangen genommen worden, die ihn zusammen mit 70 000 anderen Wehrmachtssoldaten in Trebbin, einem einstigen deutschen Lager für Zwangsarbeiter, an die Polen übergaben.

In seinem Tagebuch schildert der Großvater die Entlausung und den strapaziösen, zehntägigen Fußmarsch mit 10 000 anderen Leidensgenossen über 290 Kilometer nach Cottbus und Neuhammer am Queis.

Von Zagan aus wurden sie in Viehwaggons ins oberschlesische Kohlerevier gebracht und auf mehrere Zechen verteilt. "Eine Station war das damalige Hindenburg, danach hat er nichts mehr geschrieben, wohin er gekommen ist."

Intensive Archiv-Arbeit
Wie Udo Pörschke aus Unterlagen, unter anderem des Rot-Kreuz-Suchdienstes und polnischer Archive, herausfand, landete Welz in Zabrze, wo er von Ende 1945 bis 1949 schuftete. Über ein halbes Jahr dauerten die Recherchen und Vorarbeiten, ehe die Fahrt angetreten wurde.

Auf den Spuren des Großvaters legten Udo Pörschke und Karl Hertel knapp 3000 Kilometer zurück, trafen viele Zeitzeugen, machten Interviews und Fotos, drehten Filme. "In Brandenburg erinnerte sich eine Frau noch genau an den 10 000-Mann-Trek, weil sie am Rande der Autobahn für sie kochen musste."

In Zabrze trafen Pörschke und Hertel einen 90-Jährigen, der 1947 aus französischer Gefangenschaft heimgekommen und "der uns alles über die einstige Grube gezeigt hat, wo sich die Schächte befanden und wo die Gefangenenlager standen".

Pörschke: "Dort findet man noch zerrissene Kleidungsstücke, wie überhaupt ganz Polen einem lebendigen Museum gleicht." Der 90-Jährige namens Pavel berichtete, dass die Zwangsarbeiter bis zu ihrer Entlassung 1949 noch immer ihre Wehrmachtsuniformen trugen. "Nur Schuhe haben sie bekommen, das waren Holzschuhe. Das Klackern habe ich noch heute in den Ohren", erzählte Pavel.

Die Hobby-Geschichtsforscher wurden überall mit offenen Armen, ohne Ressentiments aufgenommen. "Nach einem Gespräch mit einem früheren polnischen Offizier hat er auf dem Zechengelände ein Immergrün ausgezupft und uns gebeten, es auf dem Grab vom Opa einzupflanzen. Was wir natürlich getan haben."

Drei Zeitzeugen sind seit Beginn der Nachforschungen im Juni 2014 verstorben, andere haben sich neu gemeldet. Die Ergebnisse fasst Udo Pörschke in einem Dokumentarfilm zusammen, der gegenwärtig vertont wird und der auch für die Aufführung vor Schulklassen - auch in Ebern - gedacht ist.

Des Weiteren arbeitet der 46-Jährige, der Mitglied im Autorenkreis Würzburg-Main Spessart ist und bereits mehrere sozialkritische Kurzgeschichten verfasst und herausgebracht hat, an einem Sachbuch-Roman, der die Beziehung zu seinem Großvater aufleben lassen und die Familiengeschichte aufzeigen soll.