Hinterher ist man immer schlauer. Acht Jahre nach der Einführung der Praxisgebühr 2004 weiß die Bundesregierung: Das eigentliche Ziel, durch die Abgabe die Zahl der Arztbesuche zu reduzieren, ist nicht erreicht worden.
Nun ist die Praxisgebühr wieder weg und die Helferinnen in den Arztpraxen atmen auf: Endlich sind sie den unnötigen Verwaltungskram und die lästigen Diskussionen wieder los.

Denn vielen Patienten wollte es nicht in den Kopf, warum sie den Ärzten etwas zahlen sollten. Dabei waren die Mediziner nur das ausführende Organ. Von den zehn Euro sahen die Praxen keinen Cent. "Stattdessen mussten wir durchschnittlich 3,20 Euro pro Patient an Verwaltungsgebühren zuschustern", sagt Roland Leitgeb, Allgemeinmediziner aus Haßfurt.

Der Bezirksdelegierte des Bayerischen Hausärzteverbands Unterfranken ist über den Wegfall der Praxisgebühr zum 1. Januar heilfroh. "Der größte Arbeitsaufwand für uns war es, die Zuzahlungsbefreiungen der Patienten auf ihre Rechtmäßigkeit zu überprüfen. Dazu mussten diese mindestens eine von 189 Voraussetzungen erfüllen, die auf 20 DIN-A4-Seiten detailliert beschrieben wurden."

Außer Arbeit nichts gewesen

Auch Leitgebs Ehefrau Karin, die an der Anmeldung arbeitet, freut sich über die Abschaffung der Gebühr. "Außer Arbeit hatten wir ja nichts davon", sagt sie, und ihr Ehemann ergänzt: "Mir ist aufgefallen, dass der übliche Stau an der Anmeldung zum Quartalsanfang ausgeblieben ist. Die Helferinnen haben wieder mehr Zeit, und das finde ich gut."

Klare Worte zum Ende der Praxisgebühr findet auch Allgemeinmediziner Gerhard Binder aus Zeil: "Ich bin Arzt und kein Geldeintreiber." Ihm sei es oft peinlich gewesen, vor der medizinischen Hilfeleistung nach den zehn Euro zu fragen. "Das war bei Notfällen im Nachtdienst oft ein blödes Gefühl", sagt er. Außerdem gebe es Leute, die wirklich kein Geld hätten, sagt er.

Trotzdem erst zum Hausarzt

Obwohl der Facharztbesuch nun - bis auf einige wenige Ausnahmen - wieder ohne Überweisung möglich ist, rät Binder davon ab. Es sei besser, vorher den Hausarzt zu konsultieren. So behalte der den Überblick und könne die Behandlung entsprechend ausrichten.

Auch ohne Praxisgebühr wollen die Menschen in Deutschland nicht öfter zum Arzt gehen. Das ergab eine repräsentative Forsa-Umfrage der DAK-Gesundheit Krankenkassen. 97 Prozent der Befragten erklärten, der Wegfall der Abgabe habe keinen Einfluss darauf, wie häufig sie im Wartezimmer sitzen.

Und tatsächlich: Sowohl bei Leitgeb in Haßfurt als auch bei Binder in Zeil blieb es ruhig. Der Umfrage nach war im vergangenen Jahr mit 57 Prozent die Mehrzahl der Befragten zwischen ein und fünf Mal bei einem Mediziner. Und sieben Prozent hatten 2012 überhaupt keinen Arzttermin.

Volles Haus in Eltmann

Ganz andere Erfahrungen macht dagegen Cornelia Schröpfer in der Gemeinschaftspraxis Schröpfer, Winkler und Walter in Eltmann. "Wir merken die Abschaffung der Praxisgebühr sehr", sagt die Arzthelferin und beziffert den Patientenzustrom mit einem Plus von etwa zehn Prozent.

Im Januar habe sie unter den Patienten "Leute entdeckt, die fünf oder sechs Jahre lang nicht beim Arzt waren und ihre Tabletten nicht genommen haben". Für Blutdruck-Patienten sei das sehr gefährlich. Nun ließen sie sich wieder ihre Tabletten verschreiben und sich durchchecken. Cornelia Schröpfer kann diese Nachlässigkeit nicht verstehen: "Ab 35 ist ein jährlicher Check sowieso kostenlos."