Kein warmer Händedruck - Wie Corona die Bestattung verändert

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Am Grab trauern gehört für viele zum Abschiednehmen dazu. Fotos: Julia Scholl
Am Grab trauern gehört für viele zum Abschiednehmen dazu. Fotos: Julia Scholl
Die Kirchenbänke sind leer, denn aktuell finden keine Gottesdienste statt. Das gilt auch für Beerdigungen.
Die Kirchenbänke sind leer, denn aktuell finden keine Gottesdienste statt. Das gilt auch für Beerdigungen.
 
In der Kirche brennen trotzdem Kerzen für die Verstorbenen.
In der Kirche brennen trotzdem Kerzen für die Verstorbenen.
 
Die Wallfahrtskirche in Limbach ist eigentlich immer gut besucht, jetzt steht sie leer.
Die Wallfahrtskirche in Limbach ist eigentlich immer gut besucht, jetzt steht sie leer.
 
Die Sonnenstrahlen fluten die Wallfahrtskirche in Limbach.
Die Sonnenstrahlen fluten die Wallfahrtskirche in Limbach.
 

Marie war bei ihrer Uroma, als sie verstarb und trotzdem hat ihr etwas gefehlt: eine richtige Bestattung. Corona hat auch das Abschiednehmen verändert. Trauerbegleiter, Bestatter und Angehörige müssen jetzt andere Wege finden.

"Ich glaube schon, dass ich mich richtig verabschieden konnte. Aber ich war auch dabei, als sie gestorben ist. Ich konnte ihre Hand halten und sie hat noch einmal die Augen geöffnet", erzählt Marie (Name von der Redaktion geändert). Sie hat kürzlich ihre Uroma beerdigt. Eine ungewöhnliche Beisetzung, denn Corona schränkt nicht nur das Leben ein, sondern auch den Tod.

Es gibt keine Umarmungen und kein Händeschütteln. Die Vorsichtsmaßnahmen in der Coronakrise treffen auch Bestatter, Trauerbegleiter und Angehörige. Wie gehen sie mit den Einschränkungen um?

Nur Familie erlaubt

"Die letzten paar Wochen gab es viele Regelungen vom Staatsministerium und vom Robert-Koch-Institut, daran müssen auch wir uns halten", erklärt Bestattermeister Sebastian Schunder. Die Situation verändere sich ständig, meint der 31-Jährige: "Laut der neuesten Regelung dürfen an den Trauerfeiern nur noch die engsten Familienmitglieder teilnehmen. Maximal zehn Personen sind erlaubt. Außenstehende, die nicht zur Familie gehören, also Freunde und Bekannte, dürfen nicht teilnehmen."

Auch der Termin der Trauerfeier dürfe nicht öffentlich gemacht werden. "Die Trauerfeier muss im Freien stattfinden. Vor einigen Tagen durfte sie noch in der Aussegnungshalle mit 1,5 Meter Abstand stattfinden. Das geht jetzt nicht mehr", erklärt der Bestattermeister. Aber nicht nur im Bezug auf die Angehörigen und die Zeremonie hat sich ihre Arbeit verändert.

Beim Bestatter wird großflächig desinfiziert

"Wir haben verstärkte Schutzmaßnahmen bei Verstorbenen, die mit dem Coronavirus infiziert waren. Hier gehen wir ähnlich vor wie bei Menschen, die an der Influenza gestorben sind. Persönlicher Eigenschutz in Form von Einmalhandschuhen ist sowieso Routine. Aber wir tragen dann auch Schutzkittel, Mund- und Augenschutz. Außerdem wird großflächig desinfiziert. Sowohl der Verstobene als auch der Sarg", erklärt der 31-Jährige.

Am meisten spüren jedoch die Angehörigen die Veränderungen "Alle haben am Grab intuitiv Abstand gehalten, es gab zwar einen Erdwurf, aber wir mussten die Erde mit der Hand nehmen ohne Schaufel", erklärt Marie. Sie und ihre Familie haben die Einschränkungen stark gespürt. "Es gab keine Messe, nur die Beisetzung. Dort war zwar ein Pfarrer vor Ort, aber es hat einfach etwas gefehlt. Besonders, weil meine Uroma eigentlich jeden Sonntag in der Kirche war, das war ihr wichtig", betont sie. Das es keine Umarmungen und kein Händeschütteln gab, war für Marie jedoch okay: "Wenn ich in Trauer bin und dann alle am Grab auf mich einstürmen, ist mir das meistens zu viel."

Trauer verarbeitet jeder anders

"Der Trauerprozess ist sehr individuell und kann gerade jetzt schwerfallen, weil Rituale wie eine Trauerfeier oder die Zeremonien am Grab nur in abgeschwächter Version da sind oder ganz fehlen. Diese Dinge machen einem die Situation begreiflich und bewusst. Ich mache mir deshalb schon Sorgen um die Zeit danach. Wir gehen davon aus, dass uns vermehrt Anfragen erreichen, wenn sich die Situation beruhigt hat", erklärt Claudia Stadelmann.

Sie arbeitet als Koordinatorin bei den Maltesern in Haßfurt und vermittelt Ehrenamtliche, die Angehörige bei der Trauerbewältigung unterstützen. Beim Malteser-Trauer-Treff oder beim Trauer-Wandern können Angehörige mit Anderen über ihre Situation reden und sich austauschen. Diese Angebote sind aufgrund der aktuellen Situation vorerst eingestellt.

Trauerbegleitung per Telefon

Doch die Einzeltrauerbegleitung wird weiter angeboten, momentan ist sie aber rein telefonisch. "Die Personen rufen zuerst bei mir und meiner Kollegin an und wir vermitteln sie dann an einen Ehrenamtlichen weiter. Manchmal ist es einfacher mit jemand Fremden zu reden, der der Situation neutral gegenüber steht. Auch am Telefon fällt es vielen leichter", erklärt Stadelmann. Es ist nicht die einzige Möglichkeit, mit Trauer umzugehen. Man könne an einen Ort gehen, den man mit der Person verbindet, oder zu Hause eine kleine Ecke mit Bild und Kerze einrichten, meint sie.

Vieles machen die meisten sowieso intuitiv richtig. Doch gerade im Umfeld handeln viele falsch: "Ganz wichtig ist es, nicht die Straßenseite zu wechseln, wenn man denjenigen sieht oder demjenigen nicht in die Augen zu sehen, weil man nicht weiß, was man sagen soll. Man sollte keine Angst davor haben, etwas Falsches zu sagen. Ehrlich Anteilnahme zu zeigen, ist nie falsch", betont Stadelmann. Besonders als Bekannter, Freund oder Nachbar sei es wichtig, Mitgefühl zu zeigen, ob mit einem Anruf oder einer kleinen Botschaft im Briefkasten.

Hilfe anbieten und auch annehmen

Stadelmann erklärt: "Gerade jetzt sollte man Hilfe anbieten. Diese Angebote sollten aber keine Floskeln sein. Man sollte aktiv nachhaken. Meist wollen Angehörige nicht um Hilfe bitten, bräuchten sie aber. Es ist wichtig, die Hemmschwelle zu senken. Es ist okay, Hilfe zu brauchen und auch darum zu bitten. Die Menschen müssen auf uns zukommen, erst dann können wir helfen." Und helfen will sie, denn sie ist überzeugt, dass es wichtig ist, "die Trauer jetzt nicht zur Seite zu schieben, sondern sie zuzulassen".

Da sehe sie aber auch die Chancen dieser Zeit: "Uns wird gerade wieder bewusst, was wichtig ist", sagt Stadelmann. Auch das Bestattungsunternehmen Schunder nutzt Chancen: "Wir bieten unter den Umständen jetzt auch an, die Trauerfeier zu filmen. Wir stellen das Video dann auf unser Kundenportal und dort erhalten dann die Angehörigen mit einem Passwort geschützt Zugriff. Das ist eine Möglichkeit, die Feier mit anderen zu teilen, die nicht teilnehmen konnten." Eine weitere Möglichkeit wäre es, die Gedenkfeier nachzuholen, wenn sich die Lage entspannt hat. So werden es auch Marie und ihre Familie machen: "Wir planen auf jeden Fall eine Gedenkfeier und eine Messe, wenn das alles vorbei ist."

Hilfe und Hintergrund:

Angebot Kostenlos hilft der Malteser Hilfsdienst e. V:

Claudia Stadelmann

Tel.: 09521/9529900; claudia.stadelmann@malteser.org

Totentafel Die Redaktion erreichte ein Leseranruf: Könnte nicht wenigstens Name und Todesdatum in der so genannten Totentafel veröffentlicht werden? Das richtet sich grundsätzlich nach den eingehenden Traueranzeigen. Die Anzeigenabteilung hat auf Bitten von Bestattern und Friedhofsverwaltungen entschieden, die Totentafel auszusetzen, denn es gab Fälle, in denen sich Besucher in Gruppen vom Verstorbenen am Friedhof verabschieden wollten.