"Zuerst ziehen Sie bitte Ihre Schuhe aus!" Okay, wird gemacht. "Dann geben Sie mir Ihren Gürtel!" Also gut, wenn's sein muss. Dann rutscht aber die Hose! Der Einwand hat keine Chance und spielt in dieser Situation auch keine Rolle, denn die Hose müsste ohnehin ausgezogen werden. Und jetzt müssen alle weiteren Gegenstände abgegeben werden: Brille, Armbänder, Uhr, Ring. Zuletzt kommt eine komplette körperliche Durchsuchung. Am Körper dürfen keine gefährlichen Gegenstände bleiben.

Ein Armband soll ein gefährlicher Gegenstand sein? Kann es werden. Wenn man die Kante beispielsweise an der Wand schärft, so dass ein scharfer Grat entsteht. Damit könnte man sich die Pulsadern aufschneiden.
Oder: In der Gürtelschnalle befindet sich ein Messer. Auch das hat es schon gegeben. "Es ist ein Wahnsinn, was alles auf dem Markt ist", sagt Kurt Förg.
Der Leiter der Haßfurter Polizeiinspektion weiß, wovon er spricht. Er hat schon viel in seinem Berufsleben gesehen.


Eine ist belegt

Diesmal ist alles ganz harmlos. Ein Reporter unseres Portals will in die Haftzelle der Inspektion in Haßfurt schauen. Normalerweise kommt man dort nicht hinein. Es sei denn, man hat etwas ausgefressen oder stellt eine Gefahr für sich oder andere dar. Oder man ist Reporter und neugierig.

Kurt Förg und Joachim Wolf, der stellvertretende Leiter der Inspektion, machen gerne mit. Sie öffnen die Türe zu ihrer Haftzelle im Dienstgebäude am Heideloffplatz. Eigentlich sind es zwei Haftzellen. Sie liegen genau gegenüber, und eine der Zellen ist besetzt, als unsere Zeitung vor Ort ist. Die Polizei hat einen Haftbefehl vollstreckt und einen Mann eingebuchtet. Er wird später aus der Zelle geholt und zur Prüfung der Haftfrage einem Richter vorgeführt. Bejaht der Jurist die Unterbringung in der Haft, kommt der Delinquent in eine Justizvollzugsanstalt. Nicht in die Haftzelle der Polizei, denn die wird immer nur kurzzeitig benutzt.

Es gibt zwei Arten von Gewahrsam, erklären Förg und Wolf: den Sicherheitsgewahrsam und den Schutzgewahrsam. Sicherheitsgewahrsam bedeutet, dass ein Gauner eingesperrt wird, der Erhebliches auf dem Kerbholz hat und dessen Tat eine gravierende Strafe erwarten lässt. Zum Beispiel ein Tankstellenräuber, der nach der Tat gefasst wird, wie vor einigen Monaten geschehen. Oder die Polizei vollstreckt einen Haftbefehl. Dann kommt der Festgenommene ebenfalls hinter die Gitter der Inspektion, bis er einem Richter vorgeführt wird.

Schutzgewahrsam bedeutet, dass die Polizei einen Menschen einsperrt, der eine Gefahr für andere oder für sich selbst ist. Ein Randalierer zum Beispiel, der andere attackiert. Oder ein Betrunkener, der aggressiv wird, vielleicht auch gegen sich selbst.

Der Betrunkene wurde zur Ausnüchterung in die Zelle gebracht, ist eine Formulierung, die sich in vielen Polizeiberichten findet - vor allem in den Zeiten der großen Feste kommt das gar nicht so selten vor. Der Alkohol spielt häufig eine Rolle. "Mehr als die Hälfte" der Fälle hat mit Trunkenheit zu tun, schildert Kurt Wolf.


Bis zur Besinnungslosigkeit

Trunkenheit ist ein harmloser Begriff. Trinken bis zur völligen Besinnungslosigkeit und Desorientierung trifft es besser. "Was da alles abgeht", so Kurt Förg, vermag man sich kaum vorzustellen. Menschen erbrechen und koten sich ein - auch für die Beamten ist das oft eine Zumutung. Oder: Eine Lieblingsbeschäftigung so mancher Zellen-Insassen ist, die Decke ins WC zu stecken und das Wasser aufzudrehen, um die Zelle zu fluten. Alles schon passiert.

Die Reinigungskräfte haben jedenfalls gut zu tun. Ein hohes Maß an Hygiene ist erforderlich. Es müsse immer "alles sauber" sein, sagt Joachim Wolf. Jeder, auch der schlimmste Wüterich, hat Anspruch auf eine menschenwürdige Behandlung.

Die Unterbringung in der Zelle dient vor allem auch dazu, dass sich ein auffällig gewordener Mensch erst einmal beruhigt. Nach der Einführungsprozedur mit den Sicherheitsmaßnahmen ist der Delinquent auf knapp neun Quadratmetern dann mit sich allein. Er hat eine Liege samt Decke zur Verfügung, einen Stuhl, beides an die Wand und auf den Boden gemauert. Dazu gibt's ein WC. Über eine Sprechanlage ist er mit der Dienstgruppe verbunden. Eine Brandmeldeanlage sorgt weiter für Sicherheit.

Die Insassen werden ständig kontrolliert. Das geschieht in erster Linie zu ihrem eigenen Schutz. Versuche, sich etwas anzutun, "gibt es immer wieder", erzählt Kurt Förg. Auch in der Zelle in der Inspektion Haßfurt. Ernsthaft verletzt wurde dabei niemand. Die Gitterstäbe sind alle senkrecht angebracht. Es gibt keine waagrechten Teile und damit keine Möglichkeit, sich zu erhängen.

Manche Insassen sind nach einer Nacht in der Zelle völlig geläutert, hat Joachim Wolf erfahren. Andere, notorische Kriminelle, lassen sich davon überhaupt nicht beeindrucken. Aber alle, die in der Zelle landen, haben eine Geschichte: Manche erzählen sie auch, weiß Inspektionsleiter Kurt Förg.

Ist ein Straftäter nach langer Fahndung erwischt und eingesperrt, fällt oft Druck von ihm ab, und er erzählt. Viele "wollen sich unterhalten", schildert Kurt Förg. "Es gibt viele, die ihr Leid erzählen." Dann kann ein Polizist zum Seelendoktor werden.