Eigentlich ist alles bekannt. Friedrich Rückerts Briefe wurden editiert, die Gedichte von Fachleuten studiert und analysiert. Und doch gibt es immer noch etwas zu entdecken: "Wo man noch was rausbekommt, ist an Ort und Stelle", schilderte Kreisheimatpfleger Günter Lipp am Samstag auf dem Rentweinsdorfer Friedhof.

Überschaubar die Schar, aber mit überraschend viel Fachwissen ausgestattete Rückert-Fans von Berlin über Ebern bis nach Lichtenfels waren der Einladung des ehemaligen Lehrers zu einem kleinen Streifzug durch Rückerts Jahre rund um Ebern gefolgten. Dabei kam sein literarisches Schaffen nicht zu kurz.

Station 1:
Das Frauengrab in Rentweinsdorf. Am 9. Juni 1812 verstarb Friedrich Rückerts erste große Liebe, Agnes Müller. Sie war die Tochter des Mannes, der damals als Rentmann für die Finanzen in Rentweinsdorf zuständig war.
Durch des Vaters Beruf gehörte die Jugendliche Agnes Müller zu den Kreisen der Oberschicht und verkehrte am Wochenende immer wieder in dem Freilichtvergnügungspark bei den Gereuther Tannen.

Auch der junge Rückert kegelte, tanzte und vergnügte sich an diesem Platz. Mit Agnes Müller hat er bei dieser "Naturdisco was Gehobenes" gefunden, das ihm gefallen und er es angehimmelt hat, erklärte Lipp seinen Zuhörern.

Mit gerade einmal 15,5 Jahren verstarb Agnes Müller an einem Blutsturz. Ihr Liebhaber Rückert weilte in der Todesstunde nicht in Rentweinsdorf. Er kehrte erst zur Beerdigung zurück und bekam zur Erinnerung eine Haarlocke von ihr geschenkt, die er sich um den Hals band.


Grabstele unter Denkmalschutz

Er war über den Tod seiner Geliebten sehr erschüttert und verfasste daraufhin das Gedicht "Agnes Totenfeier". Die Grabsäule von Agnes Müller wurde vor zwei Jahren renoviert und steht unter Denkmalschutz. Der kleine Friedhof im Friedhof, auf dem Agnes Müller mit zwei weiteren jung gestorbenen Frauen begraben liegt, befindet sich am Eingang auf der rechten Seite.

Station 2: Das Rückert-Zimmer im Finanzamt. Als Friedrich Rückert zusammen mit seinen Eltern im Jahr 1809 nach Ebern zog, hatte die Stadt gerade einmal 1000 Einwohner. 160 davon waren Schulkinder. Pflasterzoll musste gezahlt werden, die Stadt war umrundet von einem Mauerring, und: Das Eberner Kegelspiel war noch komplett. Einer der neun Türme, der Eulenturm, stand damals direkt im Garten von Friedrich Rückerts Elternhaus, dem heutigen Finanzamtshof.

Eine weitere Besonderheit: Ganz Ebern war katholisch. Rückerts Vater, Johann Adam, war der erste protestantische Beamte, der in die Stadt versetzt wurde.


(Steuer-)Geheimnis gehütet

Im unteren Geschoss des Finanzamtes befanden sich die Diensträume des Rentbeamten, im oberen die Wohnräume. Gerne hätte Günter Lipp seine Gäste in Rückerts Jugendzimmer geführt, doch die jetzigen Finanzbeamten sahen dadurch das Steuergeheimnis in Gefahr. Außerdem: "Das wurde so oft schon umgebaut, die Originalräume sind nicht mehr da", so Günter Lipp.


Pfarrers Latein auf Syrisch

Der mit Schillerkragen und Gehrock bekleidete und den Kinder furchteinflößende Rückert bewohnte das Eckzimmer auf der rechten Seite des Hauses. Unter seinem Fenster bauten die Katholiken alljährlich einen Altar für die Fronleichnamsprozession auf. "Er hat oben auf Syrisch mitgelesen, was der Pfarrer unten auf Lateinisch gesprochen hat", weiß Lipp aus seinen Recherchen.

13 Jahre soll Rückert in Ebern gelebt haben, sechs Jahre waren es tatsächlich. Während dieser Zeit verfasste er auch ein Drama über das Schloß Raueneck: "Furchtbar. Mehr Tote als in jedem Krimifilm", erzählte Lipp mit einem Schmunzeln.

Ebern hatte damals keine Verbindung zu Rückert, Rückert auch keine Verbindung zu Ebern. Heute ist das anders: Es gibt die Rückertgasse, die Rückert-Anlage, das Rückert-Denkmal.
 


Rückert-Mania

Und gerade in seinem Jubiläumsjahr werden auch der "Rückert-Spieß" und die "Rückert-Wurst" von heimischen Gastronomen und Handwerkern serviert. Die Verbindung zwischen der Stadt und dem Poeten scheint heute intensiver denn je.

Station 3: Die unerfüllte Liebe zu Maria Elisabeth Geuss in Eyrichshof. Friedrich Rückert war ein Frauenjäger.
"Kaum ist das in Rentweinsdorf beendet gewesen, geht es hier schon weiter", erzählte Kreisheimatpfleger Günter Lipp und zeigte dabei auf das ansehnliche Haus am Ortsausgang von Eyrichshof, das um 1812 im Besitz der Familie Geuss aus Siegelfeld war. Sie betrieben nebenan das rentable Wirtshaus "Auf der Specke".
Ihre Tochter Marie Elisabeth war eine "gestandene Wirtstochter" und trat, im Mieder geschnürt, zum ersten Mal in der Gaststube auf den jungen Friedrich Rückert, der sie vom ersten Moment an sehr reizend fand. Es interessierte sie, wie er dichtete, und so überließ die Familie dem Poeten ein Gästezimmer in ihrem Haus.


Verliebt, verschmäht

Mehr aber empfand die Wirtstochter nicht für Rückert. Nur wenige Monate hielt diese Liaison, dann merkte auch Friedrich Rückert, dass es bei dieser Frau nichts zu holen sei. Ein Wiedersehen der beiden ergab sich einige Jahre später in Coburg. Doch fielen dabei keine Worte. "Es gibt Beweise, dass Rückert sie dort gesehen hat", weiß Lipp.