Als Richter Roland Wiltschka das Urteil verkündete, verrutschte die starre Maske der 31-jährigen Angeklagten für einen Augenblick. Dahinter lag pure Verzweiflung. Denn die Berlinerin, die bereits sieben Mal wegen Betrugs einschlägig vorbelastet ist, muss erneut wegen Betrugs ins Gefängnis. Vier Monate Freiheitsstrafe lautete das Urteil des Amtsgerichts Haßfurt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Doch tritt es in Kraft, zieht es vermutlich eine weitere Freiheitsstrafe von einem Jahr nach sich, die zur Bewährung ausgesetzt war.

"Seit Ihrem 16. Lebensjahr stehen Sie wegen Betrugs vor Gericht. Sie sind eine notorische Betrügerin und haben das Vertrauen dieser Frau missbraucht", begründete Richter Roland Wiltschka das Urteil.
"Diese Frau" ist eine 57-Jährige Berlinerin, die Ende 2011 mit der Angeklagten in Berlin/Pankow einsaß. Im Februar 2012 kam die Angeklagte ihre ältere Freundin in Ebern besuchen.
Dort hatte sich die 57-Jährige eingemietet, weil sie projektbezogen für Unternehmen tätig ist und in ganz Deutschland dafür herumreist.

Zwischen ein bis vier Wochen verbrachten die beiden Frauen gemeinsam in Ebern. In dieser Zeit, am 3. Februar, soll die Angeklagte auf den Namen ihrer Freundin Kleidung im Wert von knapp 300 Euro im Internet bestellt haben. Am 10. Februar nahm die 31-Jährige das Paket entgegen. Die Rechnung ging an die ältere Freundin.
Vor Gericht beschrieb die Angeklagte das Verhältnis zu der 57-Jährigen als einseitig. Die Ältere habe ihr laufend Geschenke gemacht, sie an die Ostsee und nach Potsdam eingeladen. Sie dagegen habe den Kontakt immer wieder abzubrechen versucht. Die 57-Jährige sei in ihren Launen sehr unberechenbar gewesen. Außerdem habe die Ältere ihre Nachbarn und Freunde in Berlin telefonisch terrorisiert, schilderte die Beschuldigte.

Abgestritten

Den Vorwurf des Betrugs stritt die Angeklagte rigoros ab. Sie habe in Abwesenheit der anderen Frau laufend Pakete in Empfang genommen, sich aber nicht weiter darum gekümmert. Bestellt habe sie nichts.
Amtsrichter Roland Wiltschka erlebte vor Gericht eine völlig andere 57-Jährige: eine unaufgeregte, freundliche Norddeutsche, die dem Mädchen (also der Angeklagten) helfen wollte.

Welche Version auch immer stimmen mag: Die Bestellung selbst ließ keine Zweifel zu. Da die Kleidung in Größe 36 geliefert wurde, die 57-jährige Frau aber Größe 54 trägt, stand fest, dass die Kleidung nicht für sie gedacht war.

Die Möglichkeit, dass die Ältere der Jüngeren die Anziehsachen schenken wollte, schloss der Richter aus. Zudem konnte die 57-Jährige nachweisen, dass sie ab Juli 2012 über Wochen hinweg versucht hatte, die Angeklagte zu einer Rückzahlung zu bewegen. "Davor dachte ich, sie hätte sich darum gekümmert. Das war so abgesprochen. Darum hatten wir auch weiterhin Kontakt", erklärte sie als Zeugin. Die 31-Jährige ließ sich in der Zeit an die Ostsee und nach Potsdam einladen.

Erst als der 57-Jährigen im Juli die Mahnung eines Inkassounternehmens ins Haus flatterte, realisierte sie den Betrug der Freundin. Aus Angst, ihre Bewährung aufs Spiel zu setzen, zahlte die 57-Jährige die Rechnung des Versandhandels. Danach erstattete sie Anzeige gegen die 31-Jährige. Wenige Wochen später zog sie die Anzeige zurück, weil ihr die Angeklagte eine Rückzahlung in Raten anbot. Da sie aber nie einen Cent davon bekam, kam es dann doch zur Gerichtsverhandlung.

Die 57-Jährige machte sich unmittelbar nach ihrer Zeugenaussage in Haßfurt auf den Rückweg nach Berlin. Es war wohl das letzte Wiedersehen mit ihrer einstigen Freundin.