Der Kinosaal war Wettkampfbahn bei "Ben Hur", das Kaiserschloss in den "Sissi"-Filmen und das Reservat von Winnetous Apachen. Hunderte junge Pärchen lagen sich hier erstmals in den Armen, schauten Humphrey Bogart hoffnungsvoll in die Augen, bestaunten Anita Ekbergs Kurven in "Dolce Vita", erstarrten vor Schreck bei "Psycho" und entzückten sich an Audrey Hepburns Frühstückserlebnissen bei Tiffany.

Zwei Kinos auf einen Schlag


Kino war Kult in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, selbst in einer winzigen Stadt wie Ebern gab es einst zwei Lichtspielhäuser. Das alte Kino, die "Burglichtspiele" im alten Forstersaal, hatten wohl schon die Turner in den 30er Jahren eröffnet, später wurde es von der Familie Böswillibald aus Albersdorf weiter betrieben. Das neue Kino hieß "Filmburg" und war 1954 eröffnet worden, mit moderner Ausstattung, großem Saal und sogar mit Loge.
Ältere Eberner erinnern sich noch gerne an diese Zeiten zurück, an das lange Ofenrohr und die harten Klappsitze im zuletzt etwas schmuddeligen Kinosaal am Anlagenring, aber auch an das gemütliche Kuscheln in den schicken Kinosesseln in der Coburger Straße (das heute leer stehende Gebäude gegenüber dem Tegut-Markt).
Peter Müller erzählt über die "Burglichtspiele": "Während meiner Studentenzeit hab ich dort Karten abgerissen. Das war damals 'ne ganze Clique." Manchmal hat er mit seinen Freunden sogar ganze Vorstellungen alleine "geschmissen".

"Fuzzy" war der Renner


Josef Streichs bier, heute 65 Jahre, konnte sich als Jugendlicher kaum satt sehen an "Fuzzys" Abenteuern, an "Tarzan" und den Edgar-Wallace-Filmen. Begeistert erzählt er unserer Zeitung davon. "Viel gab's damals ja nicht." Treffpunkte für die Jugend waren in Ebern rar, da war für Streichsbier und seine Freunde das Kino der ideale Anlaufpunkt, da konnte man in andere Welten abtauchen.
"Wir haben unsere Sonntagnachmittage fast immer damit rumgebracht", erzählt er: "Erst ging's ins neue Kino, da hat die Vorstellung um 14.30 Uhr angefangen, und wenn die dort zu Ende war, sind wir gleich runter gerannt, durch die Anlage, ins alte Kino." Natürlich konnte sich die Jugend nicht die besten Plätze leisten. Die in der Loge kosteten damals schon 2,50 Mark. Aber die "Rasierplätze", Plätze in der ersten Reihe für 70 Pfennige, bei denen man, wie beim Rasieren, den Kopf richtig nach hinten legen musste, damit man was gesehen hat, waren im Budget drin. Josef Streichsbier kann sich noch genau an den ersten Film in der "Filmburg" erinnern, "Meines Vaters Pferde", ein Schmachtfetzen mit Curt Jürgens und Eva Bartok.

Der Hunger nach Schönem und Harmonie


Kino, das war damals für die Bevölkerung, was heute TV mit Dolby surround ist. Gerade in der Zeit "nach dem Krieg war die Bevölkerung hungrig nach Schönem, nach Heimat und Geborgenheit", sagt Bernd Kais, der Sohn von Stefan und Inge Kais, die aus der Rhön stammten und 1954 das zweite Kino nach Ebern brachten. Die schwere Zeit nach dem Krieg rief nach Zerstreuung, und im Kinosessel konnte man für eineinhalb Stunden dem Alltag entfliehen. "Fernsehen gab es damals bereits, aber solch ein Gerät konnte sich kaum einer leisten", erzählt Kais weiter.
So fuhr sein Vater erst mit dem Motorrad, später mit dem Auto durch die Dörfer in der Rhön und zeigte in seinem Wanderkino den Leuten die Welt. Da diese Art Kino sehr erfolgreich war, mietete er in Ostheim vor der Rhön einen Saal und führte dort Filme vor. Nach Ebern zog es ihn wegen der Bundeswehr. Er hatte erfahren, dass hier eine Garnison entstehen sollte.
So kam es, dass in Ebern zwischen 1954 und 1974, also gut 20 Jahre lang, zwei Kinos nebeneinander existierten. Ab 1973 lief das Geschäft schlechter. Nicht zuletzt wegen der Fußballweltmeisterschaft 1974 in Westdeutschland. Dafür kauften sich nämlich viele Haushalte einen eigenen Farbfernseher. Familie Kais schloss ihr Kino und vermietete das Gebäude an Edeka (der spätere "Delta-Markt").

Der Vorführer und die Platzanweiserin


Das Ehepaar Hexelschneider hat sich damals im Eberner Kino kennen- und lieben gelernt. Sie, Hanni, war Platzanweiserin in der "Filmburg" und er, Siegfried, kam als junger Filmvorführer von Hofheim nach Ebern. Endlich war einer zur Stelle, der sich auskannte und einen Vorführschein der Bayerischen Landesgewerbeanstalt vorweisen konnte. "Der war nicht einfach zu kriegen" erzählt er. "Man musste sich mit sechs verschiedenen Vorführmaschinen auskennen." Und ungefährlich war das auch nicht. "Diese Filme waren hoch entflammbar", was Hexelschneider und ein Freund bei einem Experiment leidvoll erfahren mussten. Beim Anzünden eines gerissenen Films gab es verbrannte Finger.
Siegfried Hexelschneider erinnert sich an die Zusatzvorstellungen, die es für besonders beliebte Filme gegeben hat. "Eigentlich war montags keine Vorstellung, aber für "Sissi" haben wir auch am Montag Vorstellungen gemacht. So viele Leute wollten den sehen."
An Feiertagen gab es bis zu drei Vorstellungen. Stolz ist er darauf, dass er die Leute nur einmal wegen eines technischen Problems nach Hause schicken musste. "Der Verstärker war ausgefallen, und es gab keinen Ton mehr." Als Entschädigung durften die Besucher am Montag noch mal kommen und den ganzen Film ansehen.
Bei Starkregen ist mehrmals Regenwasser in den abschüssigen Kinosaal gelaufen, erinnern sich die Hexelschneiders, und bei Gewitter fiel des öfteren der Projektor komplett aus. Dann saßen alle (erfreut oder nicht) im Dunklen.

Besucher tappten im Dunkeln


Im Dunklen tappten auch die Besucher der "Burglichtspiele", als plötzlich ein Akteur auf der Leinwand aus der Reihe tanzte. Josef Streichsbier lacht heute noch über diesen Vorfall: Ein Bursche aus Ebern hatte sich auf die Bühne geschmuggelt, um eine "Filmrolle" als Störer zu spielen. Wenn Besucher zu laut und übermütig wurden, kannte Bernd Kais, der oft als "Saalregler" die Vorstellungen verfolgte, um dem Vorführer Zeichen zu geben, wenn der Film riss oder andere Probleme auftauchten, kein Pardon: Man drehte einfach den Ton zurück, und im Nu wurde auch das Publikum wieder leiser. Seit 1985 ist allerdings das Kino in Ebern komplett verstummt. Das Vorführgerät steht heute im Zeiler Fotomuseum
Die VHS, einige Bürger und der Besitzer des einzigen heute noch existierenden Kinos im Landkreis, Bruno Schneyer aus Zeil, suchen aktuell nach Wegen, den Zauber der Leinwand wieder in die Stadt zu bringen. Kehrt das Wanderkino zurück?