Einer der beliebtesten Bräuche, besonders im östlichen Franken, ist fraglos das "Stärkantrinken" am Dreikönigstag. Der Erlanger Arzt und Autor Johannes Wilkes beschreibt es in seinem "Kleinen Franken-Buch" so: "Zu Beginn des neuen Jahres müssen sich die Männer die Stärk' antrinken, denn das neue Jahr ist lang und voller Herausforderungen. Da muss man gut gewappnet sein, und so zieht man bereits in der Früh los, um sich im Wirtshaus zu stärken." Ein Bier pro Monat sei dabei geboten.

Wie bei so manchen Bräuchen, die im privaten Leben angesiedelt waren, haben wir allerdings nur wenige historische Belege. Soweit bekannt, wird das Stärkantrinken erstmals 1751 in der Beschreibung von Pfarrei und Dorf Tschirn (heute Landkreis Kronach) erwähnt. Diese verfasste der aus Bamberg stammende Hilfsgeistliche Johann Heinrich Reul (1725 -1779). Er berichtet, die Menschen in seiner Pfarrei würden am Neujahrstag Bier konsumieren, "umb das Jahr hindurch die rothe Farb in dem Gesicht zu haben". Im Schönheit-Antrinken hat sich dieser Usus da und dort bis heute gehalten. An Dreikönig dann "trincken sie ebenfals Bier, umb starck zu werden".

Der Lehrer und Heimatforscher Georg Heinz in Selbitz bei Hof schrieb 1925, es sei am 1. und am 6. Januar "beim Dorfwirte großer Betrieb: denn nach dem Brauche der Väter muß man sich am ersten Tag im neuen Jahr die Schönheit und am Dreikönigstag, dem Obersten oder Oberschten, die Stärke antrinken. Beim Trinken der Schönheit haben es natürlich die rotwangigen Dorfmädchen und die sorglosen Bauernburschen am notwendigsten, und deshalb ist am 1. Januar in der Dorfschenke hauptsächlich das Jungvolk vertreten, während sich am Obersten die Bauersmänner mit ihren Frauen einfinden, um sich die Kräfte anzutrinken für die kommenden schweren Arbeiten im Laufe des Jahres."

Was mag das neue Jahr bringen?

Die Zeit zwischen dem Fest der Geburt Christi (25. Dezember) und dem Fest der Erscheinung des Herrn (6. Januar) galt als ganz besondere Phase. Es waren zwölf Nächte - genauso viele, wie das Jahr Monate hat. Das konnte kein Zufall sein. Also versuchte man, durch genaue Beobachtung der Witterung und des Geschehens in der Natur, in Haus und Hof einen Blick in die Zukunft zu erhaschen. Was würde das neue Jahr bringen?

Außerdem konnte man selbst, durch das, was man tat und unterließ, die Zukunft bestimmen. Was man aß und wie viel, das sagte etwas über den wirtschaftlichen Erfolg im beginnenden Jahr aus. Oder man "wusch" sich am Neujahrstag die Hände mit Geld, damit es im Jahr nicht ausgehe. Genauso verhielt es sich mit dem Bierkonsum am 6. Januar. Mit dem Getränk sammelte man symbolisch Kraft für die harte Arbeit im ganzen Jahr. Dass man Bier trank, hatte mit dessen Verfügbarkeit und mit Genuss zu tun. Zudem galt der Gerstensaft als der Kraftspender schlechthin.

Ein Beamter in Sonnefeld sagte es 1793 so: "Wo Bier zu haben ist, trinkt der Bauer auch zum Frühstück seinen Krug Bier, welches meistens schwer und stark ist. Bey dieser Kost ist der Landmann außerordentlich stark, arbeitsam und dauerhaft."

"Für die arbeitende Klaße ist [...] der Genuß des Bieres um so nothwendiger, theils um den Durst zu löschen, theils die durch anstrengende Feldarbeiten erschöpften Kräfte wieder zu ersetzen und die Gesundheit zu erhalten", befand um 1830 ein Bamberger Arzt.

Kurzum, Bier hatte den Ruf eines idealen Stärkungsmittels für körperlich hart arbeitende Menschen. Dass Bräuche gleichsam ein Eigenleben entwickeln und sich von den ursprünglichen Sinnzusammenhängen lösen, beobachten wir bei etlichen Gelegenheiten. So praktizieren heute viele das Stärkantrinken, die im Arbeitsalltag auf körperliche Kraft und Ausdauer nicht so sehr angewiesen sind.