Kronach —  Zum zweiten Mal gastierte das Ensemble "Roccabreve" am Sonntag in der Christuskirche. "Vanitas - Tanz der Eitelkeiten" lautete das Motto des Konzerts.

"Oh Death, rock me asleep" ("O Tod, schaukel mich in den Schlaf") - den tieftraurigen Text mit dem Schlaf als Sinnbild für den Tod soll Anne Boleyn 1536 in der Nacht vor ihrer Exekution verfasst und in die Wand ihres Kerkers geritzt haben.

Dass Musik Höhen und Tiefen menschlichen Lebens darzustellen vermag, ist allgemein bekannt. Das Barock zeichnet sich wie kaum eine Epoche der europäischen Kulturgeschichte durch große Gegensätze aus: Pest, Gegenreformation und die Kluft zwischen der Armut der Bevölkerung und dem ausschweifenden Leben von Adel und Klerus werden zur Zerreißprobe. Dies spiegelt sich in den Künsten jener Zeit im Motiv "Vanitas" (lat. leerer Schein, Nichtigkeit, Eitelkeit) wider, das die prallen Leidenschaften des Lebens der welken Vergänglichkeit gegenüberstellt.

Das Ensemble "Roccabreve" ließ sich hiervon zu einem besonderen Konzertereignis inspirieren und bezauberte ein innig ergriffenes Publikum in der Christuskirche mit kontrastreicher Musik im Spannungsfeld zwischen Schönheit und Verfall, Sein und Schein, Todesbangen und Sinneslust.

"Roccabreve" (italienisch Rocca = Burg, breve = kurz) - das sind die hinreißende Sopranistin Veronika Burger und der Instrumentalvirtuose Daniel Kurz mit seinen einzigartigen spieltechnischen Kunstfertigkeiten auf der Renaissance-Laute sowie der Theorbe mit ihrem charakteristischen verlängerten Hals. Mit seinen traumhaft schönen Arrangements aus dem 16. und 17. Jahrhundert ließ das kongeniale Duo eine geradezu mystische Stimmung entstehen.

Die Herzen geöffnet

Was das Ensemble - mal als Duett, mal als Instrumental-Solo - darbot, war mehr als Musik: In Worte gefasste Poesie - traurig, fröhlich, ganz leise, ganz behutsam! Mit ihrer ausdrucksstarken, glasklaren Stimme und seiner brillanten Spieltechnik voller Raffinesse und Facettenreichtum öffneten die beiden wie durch Zauberhand die Herzen ihres Publikums: Eine geradezu magische Einheit aus zutiefst ergreifendem Gesang und farbenreicher Klänge dieser so wunderbaren Instrumente, deren Leichtigkeit die Zuhörer verzauberte. Zum Klingen kamen Meisterwerke aus Italien, Frankreich und England aus der Feder von Giulio Caccini, Girolamo Frescobaldi, Robert Ballard, Alessandro Piccinini, John Dowland, Henry Purcell, Michel Lambert, Robert de Visée, Barbara Strozzi, Giovanni Kapsberger sowie Claudio Monteverdi. Darunter befanden sich verzweifelte Stücke von herzzerreißender Dramatik und Verzweiflung, wie das besagte "Oh Death, rock me asleep", die Arie "Thy hand, Belinda" aus der Oper "Dido and Aeneas" oder "Flow, my tears", das geradezu zum Sinnbild jener Epoche an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert wurde: "Fließt, meine Tränen ... ergießt euch aus eurer Quelle!"

Die "Schlafmütze" Amor

Vor Fröhlichkeit und Lebenslust strotzten dagegen beispielsweise "Dalla porta d'oriente", "Se l'aura spira" oder "Al fonte, al prato" sowie nicht ganz ernst gemeinte Liebeslieder über Amor und die Folgen seines Tuns. Um Liebeskummer und die süße Qual ungestillten Verlangens geht es beispielsweise in dem hinreißenden "Amor dormiglione", wobei die "Schlafmütze" (dormiglione) Amor aufgefordert wird, nun doch endlich ihre Pfeile auf das Objekt der Begierde abzuschießen: einfach köstlich!

Zwischen den Liedern erzählte die Sopranistin in sehr charmanter Art und Weise die Geschichte zu den einzelnen Stücken. Einige von ihnen übersetzte sie auch zum besseren Verständnis ins Deutsche. Daniel Kurz wusste viel Interessantes über seine beiden Instrumente zu erzählen. Die Laute war jahrhundertelang das beliebteste Musikinstrument Europas. Sie galt auch als Instrument der Liebhaber und Verführer. Ihre Musik nannte man "La Rhetorique de Dieux", die Sprache der Götter. Die vielen begeisterten Zuhörer in der Christuskirche werden dem beipflichten.