von unserem Redaktionsmitglied 
Jutta Behr-GRoh

Bamberg — Die Anklageschrift gegen den ehemaligen Bamberger Chefarzt umfasst 17 Seiten. Die Tatvorwürfe erklären den ungewöhnlich großen Andrang von Medienvertretern und vermutlich auch Zuhörern, auf den sich die Justizbehörden am Wilhelmsplatz seit Wochen vorbereiten: Vergewaltigung und sexuelle Nötigung, gefährliche Körperverletzung sowie Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen soll der knapp 50-jährige Mediziner begangen haben.

Viele Opfer waren Patientinnen
Tatopfer waren nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft 13 Frauen, die meisten von ihnen Patientinnen des Arztes.

Er soll in den Jahren 2008 bis 2014 seine Position als damaliger Chef der Gefäßchirurgie am Klinikum Bamberg ausgenützt haben, um seine sexuellen Wünsche und Fantasien an wehrlosen und ahnungslosen Frauen auszuleben. Den Ermittlungen zufolge hatte er allen Opfern vor angeblichen Untersuchungen ein Mittel verabreicht, das die Frauen willenlos und handlungsunfähig gemacht hat.

Polizei ermittelt seit Sommer
Der Skandal wurde im Sommer 2014 bekannt und machte Schlagzeilen weit über das Einzugsbebiet des Klinikums hinaus. Entsprechend groß ist das Medieninteresse an der öffentlichen Hauptverhandlung. Vertreter von nicht weniger als 24 Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk- und Fernsehsendern aus dem ganzen Bundesgebiet und Frankreich haben sich laut Leander Brößler, Pressesprecher am Oberlandesgericht (OLG) Bamberg, für den Prozess angemeldet.


Der Justiz am Wilhelmsplatz steht ab heute der seit Jahren Aufsehen erregendste Strafprozess ins Haus; er ist auch, was die Zahl der Beteiligten angeht, rekordverdächtig. Durchgeführt wird er im so genannten Schwurgerichtssaal im Erdgeschoss. Sitzungssaal 0.107 ist nicht nur der geräumigste im Justizgebäude, sondern auch der Saal, in dem die für den Chefarzt-Prozess zuständige Zweite Strafkammer des Landgerichts regelmäßig zusammentritt.
Im Hinblick auf die außergewöhnlich große Zahl unmittelbar Beteiligter - neben den Richtern, der Staatsanwaltschaft, der Protokollführerin und des Justizwachtmeisters sind es der Angeklagte mit drei Verteidigern, zwölf Nebenklägerinnen mit sieben Rechtsanwälten und sechs Sachverständige - sind die Sitzplätze schon neu angeordnet worden.
Für das Publikum gibt es rund 45 Plätze. Wer einen davon ergattern will, braucht eine Platzkarte.

Nur mit Platzkarte oder Akkreditierung hätten Besucher und Medienvertreter Zutritt in den Sitzungssaal, betont man bei der Pressestelle.
Die Platzkarten für Zuhörer werden an jedem Prozesstag ab 7.45 Uhr vor dem Justizgebäude am Wilhelmsplatz ausgegeben.
Die Justizbehörden haben schon bei früheren Verfahren mit großem Publikumsinteresse den Ansturm auf diese Weise kanalisiert. Man will vor allem verhindern, dass es im Haus und insbesondere vor Sitzungssaal 0.107 zu Gedränge kommt. Der Saal selbst wird jeweils eine halbe Stunde vor Sitzungsbeginn - das ist an allen zwölf Verhandlungstagen um 9 Uhr - geöffnet.

Zeit und Geduld mitbringen
Besondere Sicherheitsvorkehrungen soll es während des größten Prozesses der jüngeren Bamberger Justizgeschichte nicht geben.

Alle Besucher werden sich den normalen Personen- und Taschenkontrollen am Haupteingang unterziehen müssen. Diese können einige Zeit in Anspruch nehmen.

Nicht durchgehend öffentlich
Geduld werden professionelle Prozessbeobachter wie Besucher auch während der Verhandlung benötigen: Die OLG-Sprecher bereiten Medienvertreter wie Zuhörer darauf vor, dass sie wiederholt den Sitzungssaal werden verlassen müssen. Die Zweite Strafkammer hat angekündigt, mit Rücksicht auf die Persönlichkeitsrechte und Privatsphäre aller Beteiligten die Öffentlichkeit auszuschließen, wann immer sie dies für erforderlich hält.
Nach dem Fahrplan von Vorsitzendem Richter Manfred Schmidt wird zwischen dem ersten Verhandlungstag (7. April) und dem zweiten (14. April), an dem dann die ersten von 50 Zeuginnen und Zeugen zu Wort kommen sollen, eine Woche Zeit vergehen.

Das Urteil wäre nach diesem Zeitplan für den 21. Mai zu erwarten.
Ob das Verfahren kürzer oder länger dauern wird, hängt im Wesentlichen davon ab, ob der Angeklagte ein Geständnis ablegt. Bislang bestreitet der Mediziner, dass die ihm zur Last gelegten Handlungen und die davon erstellten Foto- und Filmaufnahmen irgendeinen sexuellen Hintergrund hätten.