Ist der Mann so abgebrüht, ist er unterbelichtet oder fürchtet er, selbst wegen Beihilfe bei der Todesfahrt von Selb zur Rechenschaft gezogen zu werden? Als am 6. Februar ein 19-Jähriger Kulmbacher überfahren und getötet wurde, saß der ebenfalls 19-Jährige als Beifahrer im Auto des Unfallverursachers. Gestern wurde er von der Jugendkammer des Landgerichts Hofs als Zeuge befragt - und war ein Totalausfall.

In dem Prozess ist ein 21-Jähriger wegen Mord und Teilnahme an einem illegalen Autorennen angeklagt. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Angeklagte, sein Beifahrer und ein 19-jähriger BMW-Fahrer gemäß Verabredung durch die Selber Innenstadt gerast sind. Es habe ein Katz-und-Maus-Spiel stattgefunden: Der BMW sollte sich vom Audi "fangen" lassen.

Als sich der BMW-Fahrer nach der zweiten Runde verabschiedete, sei der Angeklagte weitergefahren, um einer Schülergruppe zu imponieren. In der Wittelsbacherstraße habe er den Fußgänger, der in Selb die Berufsschule besuchte, mit hoher Geschwindigkeit überfahren.

Zwei verdächtige Autos

Der 19-Jährige und seine Kumpels wollten am letzten Abend ihres dreiwöchigen Blockschulunterrichts in der "Sonderbar" feiern. Dort kamen sie nicht an. An den Unfall konnten sich die jungen Leute, die zusehen mussten, wie ihr Freund starb, gut erinnern. Sie wussten, dass ihnen zwei Autos auffielen und "verdächtig" vorkamen, weil sie mit überhöhter Geschwindigkeit unterwegs waren. Der hintere Wagen sei etwas versetzt gefahren, als ob er überholen wollte. "Es sah aus wie ein Rennen", sagten die drei Zeugen gestern übereinstimmend.

Sie waren sich auch sicher, dass weit und breit nichts zu sehen war, als ihr Freund die Straße überquerte. "Dann kam das Auto über die Kuppe, es war plötzlich da", sagte eine Chemie laborantin (18) und schilderte die dramatischen Ereignisse. Sie habe gerufen: "Schnell, beeil Dich." Der junge Kulmbacher sei überrascht gewesen, habe begonnen zu rennen. Nur noch ein Meter - und er wäre auf dem Bürgersteig gewesen. "Dann zog das Auto nach links und hat ihn erwischt. Er wurde durch die Luft geschleudert."

Weiter meinte die Zeugin: "Es sah aus wie Absicht, wie der Autofahrer gezielt nach links zog." Es habe sich auch nicht angehört, als hätte der Angeklagte gebremst. "Sondern, wie wenn er Gas gegeben hätte."

Angeklagter schreibt mit

Die Aussagen der Mitschüler des Toten verfolgte der Angeklagte mit gefalteten Händen und gesenktem Blick. Als sein damaliger Beifahrer mit einem Rechtsanwalt als Zeugenbeistand im Gerichtssaal erschien, wurde er aktiv. Er legte sich Blatt und Stift zurecht und schrieb bei der Aussage seines Kumpels mit.

Wenn man dem 19-Jährigen glauben wollte, war alles ganz harmlos. Sie hätten sich abends zu dritt getroffen, um etwas zu unternehmen. "Ein bisschen durch die Stadt fahren", wie er sagte. Die Geschwindigkeit habe er nicht einschätzen können, er habe auch nicht auf den Tacho geschaut. "Ich war am Handy", sagte er, "und habe Musik geändert." Es sei seine Idee gewesen, noch mal an der Schülergruppe vorbeizufahren. Er sei ein Poser, laute Musik sei sein Ding. "Dann kann ich mich an nichts mehr erinnern", so der Zeuge. Er sei ohnmächtig geworden.

Was er aber genau wusste: dass er bei zwei Vernehmungen von der Polizei unter Druck gesetzt wurde. Er habe starkes "Herzstechen" gefühlt und schlecht Luft bekommen. Daher habe er gesagt, was die Polizei hören wollte. Der Zeuge blockte auch ab, als er vom Gericht gefragt wurde, was über den Unfall gesprochen wurde, als er zusammen mit seinem Kumpel in einem Krankenzimmer lag.

Im Krankenhaus gut drauf?

Das Aussageverhalten wunderte nicht nur den Nebenklägervertreter. Rechtsanwalt Frank Stübinger aus Kulmbach hielt dem Mann vor, dass er laut ärztlichem Attest nicht unter einer Amnesie leide. Trotzdem bekam er keine Antwort auf die Frage, wie die Stimmung im Krankenhaus gewesen sei. Denn ein Besucher des dritten, inzwischen verstorbenen Patienten im selben Zimmer habe erwähnt: "Die zwei Männer waren gut drauf, haben gelacht und sich Handynachrichten gezeigt." Wieder Schweigen im Walde.