Coburg — Gian-Luca lebt mit Muskelschwund und Muskelschwäche (Spinaler Muskelatrophie). Der 25-Jährige sitzt im Rollstuhl und braucht rund um die Uhr eine Betreuung. Das hindert ihn jedoch nicht daran ein ganz normales Leben zu führen, wie er sagt. Er hat eine Freundin, verdient sein Geld als Medizinproduktberater bei einem großen Sanitätshaus und fährt Auto.

Auch sein Freund Pascal lebt mit einer Spastik und ist auf einen E-Rolli angewiesen. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder (10 Jahre, 5 Monate). Er arbeitet in der Wefa Ahorn. Beide engagieren sich in dem neu gegründeten Verein "Lebens(t)räume" Ihre Motivation ist ihre eigene Geschichte. Denn für beide war es nicht einfach, ihr Leben selbstbestimmt und eigenverantwortlich zu führen.

Die Idee zu dem neuen Verein hatte Gian-Lucas Mutter, Katerina Arca. Die Sozialpädagogin und Krankenschwester arbeitet seit Jahren in der Behindertenhilfe und kämpft für die Rechte und Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Eine unabhängige Beratung für Betroffene und deren Angehörige liegt ihr am Herzen.

In Coburg sei der Weg von Kindern mit Behinderungen seit Jahren vorgezeichnet: Frühförderung, integrativer Kindergarten oder Förderkindergarten, Mauritiusschule oder Schule am Hofgarten, schließlich arbeiten in der Wefa. "Dabei ist so viel mehr möglich, wenn man die Alternativen kennt", sagt sie aus eigener Erfahrung. Viele Betroffene würden ihre Rechte gar nicht kennen oder wären mit der Situation überfordert. Ihnen möchte sie und ein interdisziplinäres Team aus Sozialpädagogen, Erziehern, Pflegefachkräften, Therapeuten, Lehrkräften und Menschen mit Behinderung helfen. Ob es sich um gemeinsames Lernen oder Arbeiten für ein menschenwürdiges Einkommen handelt, eine eigene Wohnung, den Führerschein, eine Partnerschaft oder Familie, der Verein "Lebens(t)räume" sucht Wege und Lösungen. "Es gibt Alternativen zur Wefa", sagt Katerina Arca. "Wir greifen auf ein großes Netzwerk zurück und wissen um die Möglichkeiten und Voraussetzungen, die Unternehmen mitbringen."

Unterstützt wird der Verein auch von Lisa Leybold, deren Tochter Maja das Down-Syndrom hat. Maja geht zur Zeit in einen "ganz normalen" Kindergarten und wird im Herbst in die Pestalozzischule eingeschult. Der engagierten Mutter geht es nicht darum, zu verallgemeinern oder zu verteufeln. "Wer sein Kind in die Förderschule schicken möchte, soll das tun. Aber wer einen inklusiven Weg gehen möchte, sollte nicht so viele Steine in den Weg gelegt bekommen." Eltern die freie Wahl bewusst zu machen und Alternativen aufzuzeigen, ist ihr Anliegen. "Wir wollen Wegbereiter für Eltern sein, die Unterstützung brauchen", erläutert sie. "Viele haben gar keine Zeit, sich mit Gerichtsurteilen auseinanderzusetzen, oder wissen nicht um die Möglichkeit, ihr persönliches Budget selbst zu verwalten."

Katerina Arca wird von ihrer Kollegin Rebecca Eckert unterstützt, die aktuell die einzige hauptamtliche Mitarbeiterin im Verein ist. Zu ihren Aufgaben zählt das offene Ohr genauso wie das Beratungsgespräch, die Begleitung bei Behördengängen, die Organisation des Assistenzdienstes und der Aufbau einer Fortbildungsreihe.

Gian-Luca und Pascal ärgert es, dass Behinderte in der Gesellschaft immer noch anders behandelt werden. Ob das schiefe Blicke sind oder behindertengerechte Toiletten, die es viel zu wenig gibt. Ob es der Rülpser in der Gruppe ist, bei dem immer der Behinderte zuerst verdächtigt wird, oder die Gleichsetzung mit behindert ist gleich dumm. Gian-Luca besuchte die Schule am Hofgarten. Seinen Hauptschulabschluss machte er an der Lautertaler Mittelschule - eigentlich erst, nachdem ihn der Berufsberater beim Arbeitsamt dazu ermunterte. Später in seiner Ausbildung zum Bürokaufmann holte er sogar seine Mittlere Reife nach. Wer weiß, was aus Gian-Luca geworden wäre, wenn der Berufsberater sein Potenzial nicht erkannt hätte? "So darf es nicht laufen", sagt der junge Mann. Genau deshalb brauche es den Verein.