Das Grand Hotel Villa d'Este liegt malerisch am Comer See. Hier findet immer im Spätsommer das Ambrosetti-Wirtschaftsforum statt. Die Granden der italienischen Wirtschaft und Politik kommen hier jährlich zusammen, um über Wettbewerbsfähigkeit, Nachhaltigkeit und Wachstum zu debattieren. Das Szenario am Westufer des Sees in der Lombardei wirkt so zauberhaft und sorgenfrei wie immer, doch das Gegenteil ist diesmal der Fall. Diesmal gilt es, wirtschaftlich eine Weltkrise in Folge der Corona-Pandemie zu stemmen, besonders in Italien. Staatspräsident Sergio Mattarella schaltete sich vor Tagen zu und mahnte, die Politik müsse sich aus Verantwortung für kommende Generationen auf der Höhe zeigen, wenn sie demnächst über den Geldfluss aus Brüssel verfügen könne. Papst Franziskus verlangte in einem Grußwort ein Umdenken in der Wirtschaft, das fortan den Menschen und weniger Finanzen und Profit in ihr Zentrum stellen möge. Viele Worte werden in Cernobbio ausgetauscht. Die Dramatik der Lage hingegen beschreiben Nachrichten wie die eines Unternehmers aus Florenz von Ende August. Der 44-Jährige Restaurantbesitzer nahm sich das Leben. Angesichts der unsicheren Zukunft habe er alle Hoffnung verloren, berichtete sein Bruder. "Unser Schrei wurde gehört, aber er wurde noch nicht in konkrete Aktionen umgewandelt", sagte Aldo Cursano, Vorsitzender des Handelsverbandes Confcommercio Florenz.

Hotels bleiben geschlossen

Seit dem Lockdown im März hat Italiens Regierung Hilfsgelder in Höhe von 100 Milliarden Euro bereit gestellt, um die größte Wirtschaftskrise seit dem 2. Weltkrieg abzufedern. Ganz besonders ist der Tourismus- und Gastgewerbesektor betroffen, der trotz guter Geschäfte im Ferienmonat August für 2020 mit Verlusten von 100 Milliarden Euro rechnet. Laut Statistikbehörde Istat haben sechs von zehn Tourismus-Unternehmen Zweifel an ihrem Überleben. 70 Prozent der Hotels und Gaststätten in Kunst- und Kulturstädten wie Rom oder Florenz haben nach dem Lockdown nicht wieder geöffnet, am Meer und in den Bergen blieben 20 Prozent geschlossen. "Die große Hoffnung ist, dass die Erholung ab Weihnachten beginnt", heißt es beim Tourismusverband Confturismo. Doch wie realistisch dieser Wunsch ist, weiß angesichts der auch in Italien steigenden Infektionszahlen und der bevorstehenden Grippe-Saison derzeit niemand.

Herbst beginnt schlecht

Vor dem Sommer lag die Hoffnung bei den italienischen Unternehmern auf dem nun beginnenden Herbst. Der begann allerdings mit der kühlen Dusche. Istat meldete einen Rückgang der Wirtschaftsleistung von knapp 13 Prozent im zweiten Trimester. Betroffen sind fast alle Bereiche der italienischen Wirtschaft von der Industrie über Handel, Transport, Logistik bis hin zur Bauwirtschaft. Wirtschaftsminister Roberto Gualtieri erhofft sich einen "ganz großen Schub" für das dritte Trimester.

Ob der kommen wird, hängt nicht nur vom Verlauf der Pandemie, sondern zum Teil auch von der Regierung selbst ab. Die Ausgangsposition ist im Vergleich zu den Nachbarländern besonders kompliziert. Seit 20 Jahren kann Italien kein echtes Wachstum vorweisen, das Bruttosozialprodukt liegt nach Finanz-, Schuldenkrisen und Corona-Pandemie derzeit auf dem Niveau von 1993. "Kein anderes Land hat so einen großen Schritt zurück gemacht wie Italien, weil andernorts das Wachstum robuster war", sagt Ignazio Visco, Gouverneur der Banca d'Italia. Schuld daran sei nicht nur Covid, sondern Versäumnisse in den Bereichen Innovation und Bildung. Italiens weitere chronische Probleme sind bekannt: überbordende Bürokratie und eine langsame Ziviljustiz. Im Juli verabschiedete das Parlament eine Bürokratie-Reform.

Warten auf die Justizreform

Auf eine Justizreform, wie sie auch die EU anmahnt, wartet das Land weiter. Der Herbst wird auch deshalb entscheidend, weil Italien nun klarmachen muss, wie die EU-Hilfsgelder ausgegeben werden sollen. Rom kann mit bis zu 300 Milliarden Euro aus Brüssel rechnen. Bis zum 15. Oktober will die Regierung Conte einen Ausgabe-Plan vorlegen. Italiens wirtschaftliche Erholung hängt schließlich davon ab, wie schnell und sinnvoll da Geld ausgegeben wird.