Andreas Lösch

Ein Beitrag auf Facebook sorgt für Aufsehen. Auf der Pinnwand des Haßberge-Landrats Wilhelm Schneider (CSU) schreibt ein Mann aus dem Maintal, dass sich in einem Supermarkt in Hofheim Ungeheuerliches zugetragen haben soll: Eine Zuwanderin, später ist konkret von einer "Syrerin" die Rede, hätte Kunden und Ladenmitarbeiter aufs Übelste beschimpft, weil sie die von ihr beanspruchten Waren nicht bezahlen konnte. Einer Kassiererin soll die aufgebrachte Frau dann eine Tüte Milch über den Kopf geschüttet haben mit den Worten "Frau Merkel zahlt das".
Das Problem nur: Es fehlt in dem Beitrag jeglicher Beleg, mit dem sich die Behauptungen verifizieren ließen. Keine Angaben über Zeit und genauen Ort. Als Quelle wird lediglich die Freundin des Sohnes genannt, die diese Geschichte den Angaben des Beitragverfassers zufolge an den Weihnachtsfeiertagen im Familienkreis erzählt hat und sie selbst so erlebt haben will.


Stimmt die Behauptung? Egal!

Unter dem Beitrag hat sich daraufhin schnell eine Diskussion entwickelt, sehr viele Kommentatoren bezweifeln stark, dass sich das Erzählte auch tatsächlich so zugetragen hat. Einigen wenigen dient die Geschichte als Grund, sich in ihrer Ansicht bestätigt zu fühlen, dass Deutschland den Bach runter gehe und Merkel an allem Schuld sei. Es ist ihnen egal, ob der Beitrag wahr ist oder nicht.
Der Fränkische Tag hat versucht herauszufinden, ob an der Erzählung etwas dran ist. Die Polizei in Haßfurt, die Stadt Hofheim, das Landratsamt Haßberge, ehrenamtliche Asylhelfer aus Hofheim und der Verfasser des fragwürdigen Beitrags haben mit uns gesprochen. Fazit: Dass sich die Geschichte so ereignet hat wie auf Facebook geschildert, ist sehr unwahrscheinlich. Es lassen sich keine Belege dafür finden. Es bleiben Fragen: Warum hat niemand Anzeige erstattet? Warum weiß sonst niemand davon zu berichten, nachdem in dem Supermarkt angeblich mehrere Kunden und Mitarbeiter zugegen waren? Weil keine Anzeige erstattet und somit keine Personalien aufgenommen worden waren: Woher weiß die Zeugin, dass es sich bei der beschuldigten Person um eine Syrerin handelt? Und warum hat die beim Bezahlen nicht "Allahu Akbar" gerufen? Sie merken vielleicht: Es sind schnell Zusammenhänge konstruiert, die mit der Sache nichts mehr zu tun haben und man neigt zu Übertreibungen.


Der Quelle blind vertrauen

Viele der Facebook-Kommentatoren sehen das ähnlich und bewerten die Geschichte als einen Beitrag, der Stimmung gegen Asylbewerber machen soll. Daran ist dem Verfasser jedoch nicht gelegen, wie er uns auf Anfrage versichert: Er habe lediglich das wiedergegeben, was ihm die Freundin seines Sohnes erzählt hat - er vertraue ihr. Sollte sie gelogen haben, wäre er sehr enttäuscht und würde sich für den Beitrag entschuldigen, die Sache wäre "ziemlich peinlich". Der Mann klingt am Telefon tatsächlich sachlich und bewertet sein Tun kritisch, er hat sich auf die Integrität seiner Quelle verlassen, erklärt er, und die Tragweite seines eigenen Handelns unterschätzt. Den Beitrag entfernt er im Laufe des gestrigen Mittwochs sicherheitshalber wieder von der Seite des Landrats. Der hatte ihm in einem Kommentar zu verstehen gegeben, dass er solche Angelegenheiten nicht über Facebook besprechen werde. Schneider hat noch bis zum 9. Januar Winterurlaub und war im Landratsamt nicht zu erreichen.


Supermarkt: Keine Kenntnis

Der Verfasser hat uns am Telefon gesagt, um welchen Supermarkt es sich gehandelt haben soll. Diese Information nutzte die Polizei in Haßfurt, um dort direkt nachzufragen. Die Supermarktleitung hatte einen solchen Vorfall nicht registriert. Kein Mitarbeiter und kein Kunde habe davon berichtet. Die Polizei hat zudem geprüft, ob generell Vorkommnisse dieser oder ähnlicher Art in ihrer Datenbank gespeichert sind. Ergebnis: Null Treffer. Joachim Wolf, stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion, erklärt dazu, dass man solche Behauptungen nicht ungeprüft in sozialen Netzwerken verbreiten sollte. Wer strafrechtlich relevante Ereignisse beobachtet, sollte diese der Polizei melden, dann könnten Ermittlungen aufgenommen werden.