Noch erinnert die Baustelle an eine real gewordene Version des puzzleartigen Computerspiel-Klassikers "Tetris": Was später wohl einmal die Seitenwand des Dachgeschosses werden soll, ist noch ein knapp drei Meter großes orange-rotes Rechteck, das von zwei zackigen Dreiecken eingerahmt wird. Davor hat ein Krahn eine Europalette mit weiteren Wärmedämmziegeln abgestellt. Um im Tetris-Bild zu bleiben: ein Viereck. Einen Stein davon muss sich der Bauarbeiter gerade geschnappt haben, denn schon liegt der Ziegel in zweiter Reihe neben seinem Vorgänger. Noch kurz die Wasserwaage zur Kontrolle aufgelegt, ein kurzer, präziser Schlag mit dem Gummihammer. Passt.
Geräusche sind nicht zu hören. Lediglich eine Männerstimme, die fröhlich mitteilt: "Firma und Familie sind die besten Voraussetzungen für ein Unternehmen mit Beispielcharakter. Aus diesem Grund kümmern wir uns ganz besonders um unseren Nachwuchs und bilden unsere Fachkräfte von morgen selbst aus." Es sind nur wenige Sekunden aus einem rund zweiminütigen Image-Video, mit dem sich die Küpser Baugesellschaft "Otto Mühlherr" auf dem sozialen Netzwerk Facebook präsentiert.


Fachwissen vermittelt

Gerne hätte die 1951 gegründete Firma auch in diesem Jahr künftigen Fachkräften das dafür nötige Fachwissen vermittelt. Das Problem: Erstmals fand sie niemanden, der es vermittelt bekommen wollte. "Es hat sich keiner gemeldet", erzählt Sabrina Heinz. Vier verschiedene Stellen hatte die Assistentin der Geschäftsleitung für das Anfang Oktober begonnene Ausbildungsjahr 2017 ausgeschrieben. Ausbildungsplätze als Hochbaufacharbeiter, Tiefbaufacharbeiter, Baugeräteführer oder Verfahrensmechaniker Transportbeton standen im Angebot - doch die Bewerbungen blieben aus. "Mal schauen, ob es im nächsten Jahr besser wird", so Heinz. Vergangenes Jahr habe die Firma noch fünf Auszubildende gefunden.
Ein Einzelfall ist "Otto Mühlherr" freilich nicht. 668 Ausbildungsstellen wurden der Agentur für Arbeit in diesem Jahr aus dem Kreis Kronach gemeldet, 220 sind unbesetzt geblieben. "Das ist im Vergleich zum Vorjahr schon ein Plus von über 20 Prozent", weiß Matthias Klar, Pressesprecher der Arbeitsagentur Coburg-Kronach. "Ich habe mir das einmal angeguckt: Das ist fast flächendeckend für den Agenturbezirk."


Was der Vergangenheit angehört

Vor fünf Jahren habe der Ausbildungsmarkt damit begonnen, von den Firmen in Richtung der Jugendlichen zu kippen. Zeiten, in denen die Heimat nach der Schule für eine Ausbildung oftmals verlassen werden musste, gehören längst der Vergangenheit an. "Wenn man mit den Handwerkskammern spricht, hört sich das immer so an, als gäbe es das schon seit Urzeiten", sagt Klar. "Aber fünf Jahre sind keine lange Zeit." In diesem Jahr waren es 462 Personen, die sich auf eine der 668 Stellen bewarben.
Am beliebtesten war dabei der Beruf des Industriekaufmanns beziehungsweise der Industriekauffrau: 51 Bewerber hatten es auf die 40 zur Verfügung stehenden Stellen abgesehen. Gefragt war zudem eine Ausbildung als Kfz-Mechatroniker (22 Bewerber), technischer Produktdesigner (19) oder medizinischer Fachangestellter (18). Die meisten unbesetzten Ausbildungsplätze blieben jene als Maurer (11), Maler/Lackierer und Berufskraftfahrer (beide 10). "Das sind auch die Berufe, bei denen uns die Betriebe mitteilen, dass es schwierig wird, sie zu besetzen", erklärt Klar.
Da handwerkliche Arbeitsfelder im Frankenwald dominieren, ergebe sich ein interessanter Effekt: "Gerade im Raum Kronach geht die Arbeitslosigkeit im Frühling am kräftigsten vom ganzen Agenturbezirk zurück", so Klar. Das liege daran, dass dort viele Menschen im Bauhaupt- und Nebengewerbe arbeiten - und die Aufträge im Frühling ähnlich stark zunehmen wie die Sonnenstunden.
Es mangelt jedoch nicht nur an Auszubildenden. "Die Situation am Bau ist die, dass wir immer weniger Leute haben, die eine Facharbeiterausbildung haben", sagt Heinz. "Die Bauhelfer kommen daher jetzt zu einem gewissen Teil auch von Nachunternehmern, also Firmen, die Leiharbeiter stellen. Sei es aus Deutschland oder dem angrenzenden EU-Ausland."
Dass auf ihrem Schreibtisch heuer keine Bewerbung landete, erklärt sie sich unter anderem damit, dass das Handwerk auf dem Bau "nicht unbedingt den allerbesten Ruf" hat. "Das Wetter spielt immer eine Rolle und die körperliche Arbeit schreckt manche ab", sagt sie. "Da gibt es dann viele Jugendliche, die einen Arbeitsplatz in der überdachten Produktionshalle mit festen Schichtzeiten vorziehen."


Verstärkte Präsenz

Um auf sich aufmerksam zu machen, setzt "Otto Mühlherr" nun verstärkt auf Social-Media-Auftritte wie mit dem Image-Film sowie eine verstärkte Präsenz auf Ausbildungsmessen. Unter anderem auf der Kronacher Ausbildungsmesse am heutigen Samstag in den Sporthallen des Schulzentrums (10 bis 15.30 Uhr). "Wir sind jetzt seit vier Jahren auf Ausbildungsmessen vertreten", erklärt Heinz. "Angefangen haben wir mit der in Küps und dehnen das jetzt immer weiter aus bis nach Lichtenfels und Kulmbach."
Dort gibt es dann die Möglichkeit, mit den Materialien, die später auch im Beruf warten würden, schon einmal in Berührung zu kommen. Gibt es einen Interessenten, führt der Weg in die Ausbildung allerdings nur noch über ein Schnupperpraktikum.


Nicht ausreichend informiert

Denn es sei in der Vergangenheit oft vorgekommen, dass Auszubildende abbrechen, weil sie sich im Vorfeld zu wenig damit auseinandergesetzt haben, was auf sie zukommt. "Daher wählen wir auch jetzt noch sehr genau aus, wenn wir einen Bewerber haben, der gerne eine Ausbildung beginnen möchte," erklärt Heinz. "Der wird dann genau gebrieft, was auf ihn in dem Berufsbild zukommt."