Bei einer Routineuntersuchung kommt es heraus: Die junge Intensivpflegerin, deren Name nicht genannt werden soll, hat Covid-19-Antikörper im Blut. Die 30-Jährige hat also eine Corona-Infektion durchgemacht. Sie fühlt sich gut, anderseits ist das Virus noch nicht komplett erforscht und niemand kann derzeit wissen, ob es zu Folgeschäden kommt. Die Krankenpflegerin will die Corona-Infektion als Berufskrankheit anerkennen lassen, doch der Arbeitgeber mauert. Sie habe sich, heißt es, das Virus ja auch außerhalb des Krankenhauses zuziehen können.

Der Fall zeigt die Diskrepanz zwischen öffentlichem Lob, das den Pflegekräften zuteil wird, und der rauen Alltagswelt, in der Paragrafen und Bedenken keinen Platz für Anerkennung lassen. Dabei zählen die Beschäftigten in Krankenhäusern, Arztpraxen, Dialyseeinrichtungen und Rettungsdiensten zu den infektionsgefährdetsten überhaupt. Laut aktuellem Lagebericht des Robert Koch-Instituts waren mit Stand Donnerstag 15 186 Covid-19-Fälle in diesem Bereich gemeldet. Hinzu kommen 10 641 Fälle in Pflegeeinrichtungen, Flüchtlingshemen, Justizvollzuganstalten und anderen Einrichtungen, in denen Homeoffice eben nicht möglich ist und viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen. Die weit überwiegende Mehrzahl der Infizierten ist wieder genesen. Sie leben mit der Furcht vor Folgeerkrankungen weiter. Rund 1100 der Infizierten werden derzeit in Krankenhäusern behandelt. 63 sind gestorben. "In den vergangenen Tagen haben die Infektionszahlen der Pflegerinnen und Pfleger in Krankenhäusern die 15 000er Marke geknackt. Innerhalb einer Woche gab es 209 Neuinfizierte", kritisierte die Gesundheitsexpertin und stellvertretende Linken-FraktionsvorsitzendeSusanne Ferschl und forderte: "Die Beschäftigten in der Pflege sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt und müssen deshalb besser geschützt werden." Ferschl hat auch eine Idee, wie dieser Schutz aussehen könnte. "Eine Reduzierung der Arbeitszeit auf sechs Stunden wäre ein Anfang", sagte sie unserer Redaktion. Die Praxis zeige, dass kürzere Arbeitszeiten Pflegepersonal und Patienten schützen könnten. "Darüber hinaus haben die Beschäftigten echte Anerkennung verdient und zwar in Form von besserer Bezahlung", sagte Ferschl mit Blick auf die laufenden Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst, die auch Krankenhauspersonal einschließen. "Ein Angebot der Arbeitgeber von null Prozent Erhöhung ist ein Schlag ins Gesicht. Vom Applaus alleine kann niemand leben", sagte Ferschl. Vorbeugung könnte sich auch in finanzieller Hinsicht lohnen. Die Gesamtausgaben für anerkannte Berufskrankheiten durch die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) lagen neuesten verfügbaren Zahlen zufolge 2018 bei mehr als 1,6 Milliarden Euro. Durch die Corona-Pandemie könnte sich dieser Posten noch erhöhen.

Laut Zahlen der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) gingen allein in ihrem Zuständigkeitsbereich, den nichtstaatlichen Einrichtungen im Gesundheitsdienst und in der Wohlfahrtspflege, bis Mitte August bundesweit 9308 meldepflichtige Anzeigen des Verdachts auf eine berufsbedingte Covid-19-Erkrankung ein. Davon wurden 5947 Fälle bereits anerkannt. In 1696 Fällen habe sich der Verdacht nicht bestätigt, teilte die BGW auf Anfrage unserer Redaktion mit. Eine ähnlich hohe Zahl an Fällen wird demnach geprüft.