Andreas Dorsch Für den Höchstadter Mike Gibson war der gestrige Freitag ein richtiger "Trauertag". Der gebürtige Brite aus Somerset im Südwesten Englands kann es nicht verstehen, dass sein Heimatland heute der EU den Rücken kehrt. Weil er den Ausgang des Referendums so kommen sah, hatte er schon vorher die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt und diese 2015 auch bekommen.

Gibson ist einer von vielen Landkreisbewohnern, deren Anträge auf Einbürgerung erfolgreich sind. Allein im vergangenen Jahr erhielten in Erlangen-Höchstadt 201 Ausländer die deutsche Staatsbürgerschaft (siehe Infobox). Sie und ihre Angehörigen hatte der Landkreis dieser Tage zum Einbürgerungsfest ins Amt geladen, wo sie von der "Hornochsenband" - einer Formation der Stadtkapelle Höchstadt - musikalisch willkommen geheißen wurden. Mit fränkischen Klängen ebenso wie mit Musik aus aller Welt.

Auch wenn die Menschen aus den unterschiedlichsten Nationen kommen, die Gründe, Deutsche werden zu wollen, sind bei allen ähnlich. "Wir möchten am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, uns aktiv einbringen und auch mit entscheiden, wer hier regiert", sagt Elizaveta Stepina. Die promovierte Expertin für Medizinische Physik arbeitet als klinische Kooperationsmanagerin bei Siemens Healthcare in Forchheim und lebt seit 2017 in Adelsdorf. Sie ist mit einem deutschen Mann verheiratet, hat eine Tochter und kommt ursprünglich aus einer Industriestadt in Sibirien.

2018 hat Elizaveta Stepina ihre russische Staatsbürgerschaft abgegeben und die deutsche bekommen. Für sie "ein Schritt, den man nicht so einfach macht". Für ihre russischen Freunde sei sie schon lange keine Russin mehr gewesen, erzählt sie dem FT.

Zwei Jahre hat sie abgewogen, lebt doch ihre komplette Familie noch in Russland. Nach 40 Jahren Pass und Staatsbürgerschaft im russischen Konsulat abzugeben, sei schon ein komisches Gefühl gewesen. Die Einbürgerung in Deutschland verlief dann mit der Überreichung einer Urkunde im Landratsamt recht unspektakulär.

Vorher musste Stepina eine Reihe von Hürden überwinden. Darunter war auch ein Sprachtest, den es zu bestehen galt, obwohl sie schon ihre Doktorarbeit in Deutsch verfasst hatte.

Sprache ist hohe Hürde

Der Sprachnachweis ist eine der Voraussetzungen, sagt Gerhard Zinser, Leiter des Ausländeramts am Landratsamt Erlangen-Höchstadt. Diese Behörde entscheidet in der Regel über Einbürgerungsanträge. Wer Deutscher werden will, muss mindestens acht Jahre hier leben, nachweisen, dass eine Integration stattgefunden hat, sich selbst versorgen können, kranken- und rentenversichert sein und einen Einbürgerungstest bestehen. Sind alle Hürden genommen und hat man auch keine Straftaten auf seinem Konto, gibt es den deutschen Pass.

Bis auf die Österreicher können alle anderen EU-Bürger zusätzlich auch ihre frühere Staatsbürgerschaft behalten und haben dann zwei Pässe. Mike Gibson hat die - noch. Wie er, wissen viele seiner Landsleute noch nicht, ob die deutsch-britische Doppelstaatsbürgerschaft auch nach dem Brexit noch möglich sein wird. Gibson ist sauer auf die Politiker in seinem Heimatland. Er hätte sich ein zweites Referendum gewünscht, bei dem schon junge Leute ab 16 mit abstimmen dürften und alle schon 15 Jahre und länger im Ausland lebenden Briten.

Zu diesen von der Abstimmung Ausgeschlossenen gehört auch eine in Adelsdorf lebende Waliserin, die ebenfalls kein Verständnis für den Brexit hat. Sie wohnt mit Familie seit 31 Jahren in Deutschland, sah aber bisher keinen Grund, die Staatsbürgerschaft zu beantragen. Das hat sich für die reisefreudige Dame mit dem Brexit geändert.

Nach 18 Jahren in Deutschland hat die Polin Joanna Holewa 2019 auch die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen. Für die Neu-Adelsdorferin stand die Bequemlichkeit im Vordergrund, kommt die verheiratete Mutter zweier Kinder jetzt leichter an neue Pässe und Dokumente.

Eines haben alle drei neuen deutschen Staatsbürger gemein: Sie fühlen sich schon lange hier in Deutschland angekommen.