Es gibt zwei Begriffe, sie sie überhaupt nicht mag, die in der Presse gerne zum Einsatz kommen, wenn von Lisa Fitz die Rede ist: "Bayerisches Urgestein" und "Grande Dame des Kabaretts". In gewisser Weise verständlich, denn Urgestein ist Granit. Wenn etwas in Stein gemeißelt ist, dann ist es das in Granit. Und das weckt Assoziationen, mit denen Kabarettisten und -innen nicht gerne in Verbindung gebracht werden. Und bei Grande Dame denkt man eher an Queen Mum, an Fuchspelz mit Mottenkugelgeruch als an überraschende Pointen.

Aber andererseits muss sie die Schreiberlinge, die sie so bezeichnen, auch ein bisschen verstehen. Denn die beiden Begriffe sind gut gemeinte Höflichkeiten, mit denen man sich um Altersfragen herummogeln kann. "Urgestein der Kabarettszene kommt!" klingt in den Ankündigungen nach viel Erfahrung und auch einfach charmanter und zündender als "70-Jährige kommt!" Warum soll man nicht wissen, dass Lisa Fitz 1951 in Zürich geboren wurde und - Respekt! - immer noch in der ersten Reihe des Kabaretts steht?

Alter macht ja nicht zwangsläufig blöd. Man kann sich eigentlich auch schon deshalb denken, dass sie kein Backfisch mehr ist, weil sie mit ihrem mittlerweile 16. Bühnenprogramm "Dauerbrenner - das große Jubiläumsprogramm" 40 Jahre Lisa Fitz - nicht im Leben, sondern auf der Bühne - feiert.

Moderation angeboten

Wobei das nicht ganz richtig ist, denn im nächsten Jahr werden es 50 Jahre in der Öffentlichkeit. Da hatte Lisa Fitz gerade die private Schauspielschule von Ruth von Zerboni in Stockdorf bei München absolviert. Und es wäre vielleicht eine stinknormale Schauspielerin aus ihr geworden, wenn nicht damals das Bayerische Fernsehen bei ihr angerufen hätte und ihr die Moderation der Unterhaltungsserie "Bayerische Hitparade" angetragen hätte als Nachfolgerin von Ruth Kappelsberger (die Älteren werden sich an sie erinnern: "Die Zwölf der Woche", jeden Freitag).

Aus heutiger Sicht sagte sie seltsamerweise zu. Und dieser Irrtum war ein Glücksfall. Denn sie merkte sehr schnell, dass die verlogene Welt der Heimatschnulzen nicht ihr Zuhause werden könnte, und sie begann zu opponieren: "Ich war im falschen Film, aber mit Erfolg. Das hältst du ohne Bier nicht aus." Da sie in ihrer Sendung auch selber musizieren konnte, sang sie eines Tages das Manifest: "I bin bled". Die Senderverantwortlichen und auch weite Kreise des Publikums verfielen in eine lange anhaltende Schockstarre. Aber Lisa Fitz hatte ihr Markenzeichen gefunden. Sie wurde zu einer Pionierin der Frauenbewegung, nicht nur, weil sie den Widerspruch gegen die Männerwelt salonfähig machte, sondern weil sie auch ganz konkret die erste Frau war, die mit einem eigenen Kabarettprogramm die Kleinkunstbühnen und - durchaus erstaunlich! - auch das Fernsehen eroberte. Aber da nutzten ihr vielleicht noch ihre früheren Beziehungen. Sie wurde zum Urgestein der Frauenbewegung (haha!).

Ein Jubiläumsprogramm hat natürlich eine ganz starke Tendenz zur Retrospektive, zur Wiederbelebung der Vergangenheit. Das war zum einen eine höchst vergnügliche Sache, denn es waren die bewegten späten 60-er und 70-er Jahre, in denen Lisa Fitz volljährig und politisch bewusst wurde - und auch viele in ihrem Publikum. Es waren die "wuiden Jahre" für sie persönlich, die mit der Emanzipation vom Elternhaus begannen und mit der Hochzeit mit Ali Khan, dem "bayerischen Perser aus Pasing", endeten, die die Boulevardblätter zu einem handfesten Skandal aufpumpten und damit einen Shitstorm auslösten ("Dir soll die Gebärmutter aus dem Leib faulen!") . Respekt, wie sie den überstanden hat. "Ich bin nach Indien gefahren, um mich zu finden, aber dort war ich auch nicht." Aber es waren auch "wuide" politische und gesellschaftspolitische Jahre: der Vietnamkrieg, die deutsche Revolution der 68-er, der Tod von Che Guevara und Martin Luther King, die Beatles, LSD, Oswalt Kolle und/oder die sexuelle Revolution, die Pille: "Endlich konnten die Frauen nicht nur zur Familienplanung, sondern auch zur Männerplanung übergehen. Unterm Strich: Wer sich an die 70-er Jahre erinnern kann, der hat sie nicht erlebt."

Eine tolle Sängerin

Es macht schon Spaß, Lisa Fitz zuzuhören, wenn sie in Fahrt kommt, wenn sie von einem Thema zum anderen springt, wie sie mit ihrer und der allgemeinen Vergangenheit umgeht. Wie bei Rückblicken üblich, wird auch sie bei aller Schnoddrigkeit manchmal ein bisschen sentimental, aber sie steuert sofort dagegen mit einer patzigen Bemerkung oder einem abrupten Themenwechsel. Und es macht auch großen Spaß, ihr beim Musizieren zuzuhören. Sie ist (nein, nicht immer noch!!!) eine tolle Sängerin mit enormer stimmlicher Breite, und eine Gitarristin, die wirklich alle Stilrichtungen locker vom Hocker beherrscht. Natürlich ist die Begeisterung groß bei "Mein Mann ist Perser, ein perverser" oder "I bin bled" oder "Und trotzdem hab i manchmal Angst", zu dem Konstantin Wecker die Musik geschrieben hat. Oder wenn sie einfach andere Lieder covert oder zitiert. Und immer im Kontakt mit dem Publikum. Und doch: Es ist halt Retrospektive. Für Fans von ihr - und das sind alle, sonst wären sie nicht gekommen - gibt es nichts wirklich Neues. Was bei allem Witz und Furor mehr oder weniger ausbleibt, sind überraschende Pointen und Sichtweisen, irgendetwas zum Mitnehmen.

Das hätte im zweiten Teil anders werden können: "Deutschland, quo vadis?" ist er überschrieben. Aber er erweist sich weniger als ein Blick in die Zukunft als vielmehr eine Beschreibung des Status quo. Da geht's um die Ausblutung der Politik, um ihre Unfähigkeit, aus der Gegenwart die Zukunft zu organisieren. Da geht es um Klagen über die Jugend und über die von früher, da geht es um Sexpuppen und Gummimänner und um Heimatliebe: "Man kann sein Land lieben, ohne völkisch zu sein." Recht hat sie, aber ist das neu? Auch nicht, Peter Altmaier und den Ausdruck "den Gürtel enger schnallen" zusammenzubringen. Zukunft ist das alles nicht, aber vielleicht ein bisschen Science fiction: Einlassungen über Künstliche Intelligenz oder Googles Arbeiten an der Unsterblichkeit.

Der Wunschname

Und natürlich geht es um Corona. Da ist Lisa Fitz ein bisschen nebelhaft. Natürlich ätzt sie gegen Nena. Aber dann fällt auch der Satz: "Ich brauche eine neue Verschwörungstheorie. Meine alten haben sich realisiert." Unklar bleibt, wer dieses "Ich" ist: ein Verschwörungstheoretiker oder sie selbst? Man neigt schon aus Sympathie dazu, ersteres zu vermuten. Und natürlich kann man am Ende etwas mitnehmen, etwa Lisa Fitz' Lebensmotto: "Es ist schwer, jemanden hinters Licht zu führen, wenn es einmal ausgegangen ist." Und sie verrät auch, wie sie statt "Urgestein" oder "Grande Dame des Kabaretts" lieber genannt werden würde: "Weißblauer Hai".