In Lebenskrisen fühlen sich viele Menschen allein gelassen, manchmal löst eine solche Situation sogar eine echte Depression aus. Damit es nicht so weit kommt, gibt es Beratungsangebote. In unserer Artikelserie zum Schwerpunktthema "Depression" des Gesundheitsministeriums Bayern stellen wir heute die psychosoziale Beratungsstelle der Caritas in Haßfurt vor.
Die Diplom-Psychologin Esther Rittner ist die neue Leiterin der Beratungsstelle. Mit den Sozialpädagogen Natia Hertel und Thomas Kimm bildet sie ein Team, das sich gemeinsam zwei Personalstellen teilt. "Wir machen keine Therapie, aber wir helfen. Bei akuten Krisen können wir sehr schnell den ersten Gesprächstermin vereinbaren", erklärt Esther Rittner.
Für einen Besuch der Beratungsstelle braucht es weder eine Diagnose, schon gar keine Überweisung. Die meisten der Klienten sind auch nicht krank, sondern "das Leben hat sie gerade hart getroffen", wie Natia Hertel beschreibt. "Manchen muss man erst sagen, dass das ganz normal ist, dass sie sich im Moment schlecht und überfordert fühlen", ergänzt Esther Rittner.
Wenn liebe Menschen tragisch sterben, der Partner oder ein Kind schwer erkrankt, Geldsorgen plagen, Arbeitslosigkeit droht, eine Trennung besonders schmerzhaft war - dann befinden sich Menschen in Lebenskrisen. Viele reden dann lieber mit einer neutralen Person statt mit Familienangehörigen oder Freunden - "und dann sind wir da", sagt Natia Hertel.


Keine Patentlösung

Oftmals ist es mit einigen Gesprächen getan. Natürlich geben die Mitarbeiter der Beratungsstelle auch Hilfen an die Hand. Und wenn sie der Meinung sind, dass tatsächlich eine Erkrankung vorliegt, geben sie ebenfalls entsprechende Empfehlungen. "Wir haben natürlich keine Patentlösungen, aber manchmal hilft schon ein neuer Denkansatz aus der Krise", so Esther Rittner. Sie versteht Krisen auch als Chance, sich neu auszurichten.
Das erleben die Menschen auch in den Gesprächsgruppen, die die Beratungsstelle organisiert. Viele der Klienten empfinden das Reden als erleichternd, "wenn mal ernsthaft gefragt wird, wie es einem geht". Viele hätten an sich selbst eine zu hohe Erwartungshaltung, litten unter einem falschen Rollenverständnis oder wollten Angehörige nicht belasten.
Zwei Drittel der Beratenen sind Frauen, Männer setzen sich mit ihrem seelischen Wohlbefinden oft anders auseinander, sie akzeptieren beispielsweise einen Burn-out leichter als eine Depression. Acht Prozent der Frauen und vier Prozent der Männer erkranken laut Statistik an einer Depression.


Dunkelziffer höher

Esther Rittner ist aber überzeugt, dass die Dunkelziffer bei Männern höher ist. Die Symptome seien allerdings oft anders, äußerten sich in Aggression, Gewalttaten oder Sucht. Im Gespräch sei diese Wurzel oftmals zu finden. "Ehrlichkeit zu sich selbst kann der Weg aus der Depression sein", hat sie oft erlebt.
"40 Prozent der Bevölkerung haben in ihrem Leben mal eine depressive Phase", in der man für Hilfe dankbar sei. "Zu uns kommen auch sehr stabile Persönlichkeiten, die aber in einer Lebenskrise Hilfe suchen, die die Vertraulichkeit schätzen." Niedrigschwellig ist das Angebot: sowohl die Beratung an sich als auch der offene Treff, der einmal pro Woche in Form eines Frühstücks stattfindet, oder die beiden Gesprächsgruppen.
Auch wenn es seltsam klingt, auch bei psychosozialer Beratung gibt es saisonale Schwankungen. "Die Nachfrage ist oft schubweise, aber nicht an Jahreszeiten oder anderen äußeren Umständen festzumachen", erklärt Esther Rittner.


Kürzere Wartezeiten

Auch bei der Beratungsstelle steigen die Anfragen, doch die Wartezeiten sind mit zwei bis drei Wochen wesentlich kürzer als bei Psychiatern oder Psychotherapeuten, und oft ist schnelle Hilfe wichtig. Rittner und Hertel beraten mit ihrem Kollegen Thomas Kimm rund 300 Menschen im Jahr. "Manche dreimal, manche über Jahre hinweg immer wieder", erklärt Natia Hertel. Da gibt es keine Regeln, keine Vorgaben, keine Budgets.