Mainleus ist heute sowohl flächen- als auch einwohnermäßig hinter der Stadt Kulmbach die größte Gemeinde im Landkreis Kulmbach. Vor 150 Jahren dagegen war der Ort ein kleines Nest. Kirchlich gehörte Mainleus zunächst zu Melkendorf, dann ab 1873 zum Kirchensprengel Schwarzach, einige Häuser zu Veitlahm. An dem tristen Dasein änderte auch der Anschluss an das Eisenbahnnetz 1846 wenig.
Die zwei Wirtshäuser im Ort (später Fränkischer Hof und Schwarzer Adler) nährten sich von den auf der unbefestigten Straße durchrumpelnden Ochsen- und Pferdegespannen Richtung Kulmbach oder Burgkunstadt. Dazu kam die Bewirtung der am kleinen Flößerhafen am Main beschäftigten Flößer und Fuhrleute. Erst die Ansiedlung der Spinnerei 1909 in der Gemeinde sollte alles verändern.
Der Schwarze Adler versorgte genau wie der Mitbewerber auf der anderen Straßenseite seine Gäste mit Bier aus der eigenen Brauerei. Das genaue Alter des Anwesens ist nicht bekannt. Zur Kirchweih im August 1858 taucht erstmals eine Anzeige des Gastwirts Andreas Precht auf. Dann tritt die Familie Stößlein auf den Plan. Aufgrund eines Todesfalles in der Familie und der noch minderjährigen Erben wird am 28. September 1870 das "Stößlein'sche Wirtschaftsanwesen mit Bierschenke, Metzgerei, Brauerei und zwanzig Tagwerk Felder und Wiesen" zur Verpachtung angeboten.
Der nächste Wechsel wird am 25. Mai 1878 durch den königlichen Notar Hoffmann angekündigt. Der Gastwirt und Bierbrauer Johann Knöchel bietet das Anwesen zum "Öffentlichen Verkauf" an. Aber nur vier Jahre später muss der Notar erneut in Aktion treten. Am 6. Mai 1882 wird das Anwesen durch Andreas Stößlein "aus freier Hand" wieder zum Verkauf angeboten. Den Zuschlag erhält Johann Stößlein, sein Sohn.
Das Glück dauert nur ganze 13 Jahre. Dann stirbt Johann Stößlein unvermittelt. Er hinterlässt seine Ehefrau Barbara mit sechs minderjährigen Kindern. Und es dauert nicht lange, da wird das Konkursverfahren gegen die Bierbrauerswitwe eingeleitet. Aber die Versteigerung bringt Überraschendes an Licht.


Ansehnliche Summe übrig

Das Kulmbacher Tagblatt schreibt: "Die gestern durch den Herrn kgl. Notar in Kulmbach vorgenommene Versteigerung des Stößlein'schen Anwesens dahier hat ein derart günstiges Resultat ergeben, daß im Konkursverfahren nicht nur alle Gläubiger vollständig befriedigt werden, sondern ein ansehnliche Summe übrig bleiben dürfte."
Am 15. Dezember 1895 wurde das Konkursverfahren amtlich aufgehoben. Aber Barbara Stößlein stand mit ihren sechs Kindern auf der Straße.
Bei all der Tragik, durch den Erwerb Gasthaus-Betriebes erlebte der Schwarze Adler fortan einen steilen Aufschwung. Das Kulmbacher Tagblatt berichtet am 4. September 1895, dass das Stößlein'sche Gastwirtschaftsanwesen an die Brauerei Sandler übergegangen sei. Natürlich wurde dazugehörende Brauerei mit einem Jahresausstoß von 700 Hektolitern sofort geschlossen.
Erster Pächter war der Gastwirt Adam Walter. Der Einstieg der Brauerei aus Kulmbach sollte sich schon bald als Segen erweisen. Bereits 1895 wurde mit dem Bau eines neuen Saales mit elektrischer Beleuchtung begonnen. Die Einweihung wurde am 3. August 1896 gefeiert. "Wiederum ist die Umgebung unserer lieben Vaterstadt Kulmbach durch ein prächtiges Vergnügungs-Etablissement reicher geworden", jubelte das Kulmbacher Tagblatt.
Zur Jahrhundertwende trat Paul Häublein als Pächter im Schwarzen Alder seinen Dienst an. Bis dahin war er, aus Strössendorf kommend, in der Brauereigaststätte der Kapuzinerbräu für die Betreuung der Gäste zuständig. Nun sollte sich der Gasthof knapp über 100 Jahre in der Verwaltung der Häublein-Dynastie befinden. Zum damaligen Firmenkomplex gehörten Fremdenzimmer mit fließendem Wasser, Autogaragen, eine eigene Metzgerei und ein kleiner bäuerlicher Betrieb. 1929 übernahmen Paul Häubleins Sohn Viktor und dessen Frau Babette, geborene Pöhlmann aus Schmeilsdorf das Anwesen. Und aufgrund der Verwandtschaft zur Brauereifamilie Sandler - Luise Sandler, spätere Säuberlich war eine Cousine von Häublein - konnten sie das bisherige Pachtobjekt käuflich erwerben.
Im Zweiten Weltkrieg dienten die Felsenkeller der ehemaligen Brauerei als Luftschutzbunker. Am 15. Juni 1950 erschien das erste Kirchweihinserat des Schwarzen Adlers nach dem Krieg in der Bayerischen Rundschau. Als Viktor Häublein 1954 starb, hinterließ er seiner Witwe einen stattlichen Betrieb. Sie sollte das Geschäft neun Jahre alleine weiterführen. Dann übernahm ihr Sohn Rudolf 1963.
Die 1950er und 1960er Jahre dürften die besten des Schwarzen Adlers gewesen sein. Unvergesslich sind die Tanzveranstaltungen und Maskenbälle mit den populärsten Kapellen der Region. Die älteren der Leser werden sich noch an Nick Schwarz, Karo 6, Goldene 4 oder Grün-Weiß erinnern. Zum gutbürgerlichen Mittagstisch kamen am Wochenende viele Hungrige. Und in der Metzgerei hatten Häublein und sein Geselle Paul Küfner, der legendäre Wirt aus Buchau, alle Hände voll zu tun.
1986 setzte sich der manchmal etwas bärbeißig wirkende und passionierte Jäger Rudolf Häublein zur Ruhe. Er verpachtete seine Gastronomie an die Kulmbacher Reichelbräu. Die letzten Pächter waren Wolfgang und Magda Passenheim. Seit neun Jahren steht der Gasthof leer.
Rudolf Häublein verstarb am 9. Februar 2016 im Alter von sechsundachtzig Jahren.