Die Landwirtschaft wird immer komplexer. Und somit steigt auch die Unsicherheit in der Bevölkerung, ob das, was in Betrieben geschieht, gut, erlaubt, falsch oder richtig ist. Ein Bespiel ist die Gülle-Ausbringung. Für die Landwirtschaft sind die Ausscheidungen aus der Tierhaltung wertvoller Dünger für ihre Äcker. Doch wo der Gülle-Einsatz zu hoch ist, kann die Nitratbelastung steigen. Deshalb setzt sich der Bund Naturschutz für strengere Regelungen in der Düngeverordnung ein.

Und der Verbraucher ist verunsichert, so wie in der vergangenen Woche, als ein Passant gesehen haben will, dass ein Tanklastzug mit fremdem Kennzeichen auf einem Bauernhof im östlichen Landkreis Gülle in einen Bodentank gefüllt hat. Ihm stellte sich die Frage, ob es sich um einen Gülle-Import handelt, durch dessen Ausbringung auf heimischen Äckern das Grundwasser verseucht wird.

Aber was steckt tatsächlich dahinter? Gibt es überhaupt Gülle-Importe? Ist diese Praxis erlaubt? Wie sieht es im Landkreis aus? Es ist ein Versuch, die Situation zu beschreiben, ohne tatsächlich eine endgültige Antwort zu finden.

Wertvoller Dünger

Gülle, das betonen zwei Vertreter der Landwirtschaft, ist ein wertvoller Dünger, der allerdings ein gesellschaftliches Problem habe. Das Ausbringen von Gülle, das steht aber ebenfalls außer Frage - ist unter strengen Vorgaben weiterhin auf den Feldern erlaubt. Und diese gesetzliche Möglichkeit wird auch genutzt, bestätigt der Kreisvorsitzende des Bayerischen Bauernverbandes, Edgar Thomas.

Gülle und Mist richtig eingesetzt, seien besser als Mineraldünger, weil sie neben dem Stickstoff auch die Mikroorganismen im Boden fördern, erklärt der Nüdlinger Landwirt. Georg Scheuring, der Geschäftsführer des Bauernverbandes im Landkreis Bad Kissingen, spricht von einer nachhaltigeren Bodenfruchtbarkeit. Allerdings, so Scheuring, sei Gülle schwerer dosierbar. Ein Problem, wenn es um die Nitratbelastung von Gewässern geht.

Deshalb werden die Düngegaben über die sogenannte Düngerverordnung geregelt. Auch der Transport des sogenannten Wirtschaftsdüngers fällt unter gesetzlich geregelte Richtlinien, und zwar in der "Verordnung über das Inverkehrbringen und Befördern von Wirtschaftsdüngern".

Güllebörsen

Denn tatsächlich wird Gülle auch hin- und hergefahren. Denn dort, wo viel Viehzucht betrieben wird, gibt es oftmals zu wenige Ackerflächen, um die anfallende Gülle auf den Feldern zu verwerten. Andere Regionen wiederum, in denen die Viehwirtschaft eine geringe Rolle spielt, sind froh über den natürlichen Dünger. So hat sich ein Austausch entwickelt. Es gibt sogar Güllebörsen, in denen mit diesem Düngergut gehandelt wird. Im Rahmen des Erlaubten, ist das auch legal. Im Landkreis, betonen Georg Scheuring und Edgar Thomas unabhängig voneinander, ist ihnen allerdings nicht bekannt, dass Gülle aus weit entfernten Regionen eingeführt wird. Dabei sei die Region tatsächlich ein Gebiet, das in Sachen Gülle noch Luft nach oben hat, erklärt Thomas. Denn im Vergleich zur Ackerfläche gibt es hierzulande nur sehr wenig Tierhaltung. Der Landkreis wäre theoretisch tatsächlich so etwas wie ein Importgebiet.

Über Landkreisgrenzen

Wenn Georg Scheuring große Gülletransporte aus wirtschaftlichen Gründen für unwahrscheinlich hält, existiert dieser Austausch im regionalen Bereich durchaus. So kennt Edgar Thomas Ackerbaubetriebe, die Schweinemastbetrieben überschüssige Gülle abnehmen. Das könne auch über Landkreisgrenzen hinweg geschehen. Der Landwirt muss seinen Düngerbedarf genau errechnen und anmelden. Die Ausbringungszeiten sind vorgeschrieben. Jetzt im September sei dies auf frischen Saaten gerade noch möglich.

Gülleketten

Je größer die Landwirtschaft, desto professioneller läuft heutzutage auch die Düngung. Früher war es normal, wenn zur Düngezeit Bauern mit ihren Jauchefässern auf die Flur fuhren. Heute bilden Großbetriebe mitunter sogenannte Gülleketten. Sie beauftragen Lohnunternehmen, die den flüssigen Dünger mit Agrotrucks vom Güllelager im Hof auf die Felder fahren, wo die Substanz mit Spezialgerät verteilt wird.

Es muss aber nicht immer tierische Gülle sein, die im Landkreis in Tanklastzügen transportiert wird. In den Biogasanlagen der Region entsteht durch die Vergärung von Mais als Nebenprodukt ein flüssiges pflanzliches Substrat, das eine ähnliche Düngewirkung hat wie Gülle. Jeder Landwirt, der Mais anliefert, bekommt seinen Anteil an Wirtschaftsdünger zurück.

Und auch Klärschlamm, der unter ganz bestimmten Voraussetzungen derzeit noch auf Felder aufgebracht werden kann, wird in solchen Agro-Tanklastzügen gefahren. Solche Transporte müssen beim Landratsamt angemeldet sein. In der vergangenen Woche gab es dafür keine Genehmigung.

Bund Naturschutz kritisiert

Der Bund Naturschutz hält die neue Düngegesetzgebung für nicht ausreichend, um die mit Stickstoff und Phosphor verbundenen Probleme zu lösen. Er fordert weitergehende Schritte, damit die Gewässerbelastung mit Nitrat zurückgeht. Die Forderungen betreffen sowohl die Düngepraxis selbst als auch die Vorgaben für die Tierhaltung.