Alle Welt wartet auf den Impfstoff. Endlich ist er da - und dann das. Fast ganz Oberfranken kann nicht starten, weil eine Charge des Serums von Biontech wohl nicht durchgehend so gut gekühlt war, wie es die Transportvorschrift verlangt. Es ist wie mit allen Pannen. Sie dürfen nicht passieren. Sie können es aber. Der Impfstoff bleibt in den Landkreisen von Hof bis Coburg im Kühlschrank. Eilends wird nachgefragt. Der Hersteller gibt schon bald Entwarnung, klärt über das Temperaturverhalten des Serums auf und äußert keine Bedenken, angesichts der Beeinträchtigung der Kühlkette. Das Gesundheitsministerium prüft und hat nichts auszusetzen, das zuständige Landesamt prüft und hat nichts auszusetzen. Die Regierung von Oberfranken bestätigt nach Agenturanfragen, dass auch in Oberfranken endlich mit den Impfungen gestartet werden kann.

Dann teilen die Landräte der betroffenen Kreise mit, dass sie ihren Impfzentren trotzdem die zugeteilten Dosen nicht verwenden lassen werden. Es plagen sie immer noch Restzweifel. Soll also ein Arzneimittel für 16,40 Euro je Spritze - Biontech nennt 20 Dollar als Preis je Dosis - als Sondermüll entsorgt werden, obwohl alle zuständigen Fachstellen bescheinigen, dass es keine Bedenken gibt? Nein, sagt eine Ergänzung der Pressemitteilung wenige Stunden später. Der Impfstoff werde zurückgeführt, untersucht und verwendet, wenn fest steht, dass er in Ordnung ist. Aber - ist er nicht nach Ankunft im Impfzentrum nach fünf Tagen zu verbrauchen? Lohnt sich da noch eine Rückführung? Möchte man nur nicht zugeben, dass Impfstoff für - geht man von rund 1000 Dosen quer über die betroffenen Landkreise aus - über 16 000 Euro weggeworfen wird? Wo doch eh um jede Spritze gerungen wird.

Schadensanalyse: Die Impfung, die sich über Monate hinziehen wird, beginnt zwei Tage später. Selbst wenn der Impfstoff nicht mehr verwendet werden kann, ist der materielle Schaden in Relation zum Gesamtaufwand von vielen Millionen Euro überschaubar. Was - auch wenn es nicht ausgesprochen wird - wohl vermieden werden sollte, war ein Schaden, der viel größer eingeschätzt wurde. Der Schaden nämlich, der am Vertrauen in den Impfstoff hätte entstehen können. Wenn die Landräte so nachdrücklich betonen, dass für sie nur ein zu 100 Prozent sicherer Impfstoff infrage kommt, um ihn den Bürgern zu verabreichen, dann kann das vielleicht helfen, das Vertrauen in die Impfung nicht noch mehr infrage zu stellen, als das schon der Fall ist. Denn es gibt nicht wenige, die skeptisch sind gegenüber einem Impfstoff, der in dieser Art vor wenigen Monaten erstmals überhaupt auf den Weg gebracht wurde.

Gerade Vertrauen ist seit Beginn der Pandemie ein hohes Gut, das zu oft durch Widersprüche aufs Spiel gesetzt wurde.