Die Lichter der Bäckerei Stamm sind längst ausgegangen, der Backofen ist kalt und staubig. Nebenan, wo man einst die frischen Backwaren bei einer Tasse Kaffee genießen konnte, ist heute das Alpha-Café beheimatet. Jetzt wollen die Erben das stattliche Haus der Bäckerei Stamm im Kressenstein verkaufen.

Die Brüder Hermann und Holger Stamm leben schon seit längerem nicht mehr in Kulmbach und lösen nun den "Hausstand" auf. Beide sind begeistert vom Bayerischen Bäckereimuseum in Kulmbach und luden deshalb Museumsleiter Bernhard Sauermann ein, sich mit ihnen gemeinsam die noch verbliebenen Gegenstände anzuschauen. Die wichtigen Zeitzeugnisse des Bäckerhandwerks wollen sie gerne dem Museum überlassen.

Bernhard Sauermann war in seinem Element - er durfte das Haus vom Dachboden bis in die unterste Etage "durchstöbern", und er hat "fette Beute" gemacht: Backbleche samt Transportwagen, verschiedenste Kuchenformen, Tortenplatten, Förmchen für Plätzchen, Brot- und Brötchenschieber und ein Werbeschild des "Stamm'schen Bäckerfahrrads".

Rezepte vom Urgroßvater

Besondere Schmankerl hatten die Brüder Stamm bereits vorab für den Museumsleiter zusammengestellt. Dazu zählen Rezeptsammlungen für Bäckerei und Konditorei aus verschiedenen Jahrzehnten vom Vater, Großvater und Urgroßvater. Oder Tafeln, die in der Backstube als Arbeitsvorlage aufgehängt wurden. Einen Überblick über die Personal- und Finanzbuchhaltung finden sich in einer Mappe mit Lehrverträgen, Lohn oder Kassenbüchern. Den wesentlichen Anteil der Exponate wird Sauermann in die Inszenierung der Backstube im Bäckereimuseums integrieren.

"Es ist von großem Vorteil, wenn man Exponate sozusagen aus erster Hand bekommen kann, weil man auch die Geschichten dazu erfährt, die sie erzählen - das macht sie lebendig", weiß Sauermann und blickt auf den alten Backofen mit einer kleinen blauen Glastafel, die auffordert, Brot und Semmeln auch da einzukaufen, wo einem der private Kuchen gebacken wird.

Hermann Stamm verriet dazu, dass sein Großvater Adam der Urheber dieser Tafel war. Jeden Samstag durften die Leute aus der Nachbarschaft bei ihm nach der Arbeit in der Backstube die Restwärme des Ofens nutzen, um darin ihre selbst gefertigten Sonntagskuchen zu backen - kostenlos! Als Adam Stamm zugetragen wurde, dass einige Nachbarn ihren täglichen Brot- und Semmelbedarf in anderen Bäckereien deckten, stimmte ihn das sehr ärgerlich.

Echte Rarität

Als "Verstärkung" hatte Sauermann seine Frau Sigrid mitgebracht, die den Aufbau des Bäckereimuseums federführend geleitet hatte. Sie sollte helfen, die interessantesten Exponate herauszufiltern, und zeigte sich besonders erfreut über einen kleinen Block von seltenen Brotmarken: "Wir hatten bislang keine in unserer Sammlung."

Sauermann schwärmte von dem postbarocken Gebäude im Markgräflerstil, in dem über Jahrzehnte professionell gebacken wurde: "Nicht nur handliche Exponate erzählen uns etwas zur Firmengeschichte, auch das Gebäude im Kressenstein ist ein wichtiges Zeitzeugnis des Bäckerhandwerks." Sauermann wies darauf hin, dass hier der Standort des ehemaligen Bayreuther Tores war, das die Stadt nach Westen hin abschloss.

Wie Hermann Stamm erläuterte, habe sein Urgroßvater Ferdinand das Haus 1907 gekauft, um darin eine Bäckerei mit Konditorei einzurichten. Der Krieg zerstörte die Hoffnung, sein Sohn Heinrich würde den elterlichen Betrieb übernehmen, Heinrich fiel 1918 - er starb an der Front als Brotausträger für die Schützengräben durch eine Granate.

Nun musste kurzerhand sein Bruder Adam in die Bresche springen, der die Aufgabe sehr gewissenhaft übernahm, wie seine akribisch geführten schriftlichen Unterlagen zeigen. "Unter seiner Leitung entwickelte sich die Bäckerei Stamm zur Versuchsbäckerei der Firma Ireks. Auch hat sie die ersten Prototypen von Softeis für die heutige Firma Lumen verkauft", so Hermann Stamm.

Für seinen Vater Hans sei es von Anfang an klar gewesen, Bäckerei, Laden und das zwischenzeitlich hinzugekommene Café weiterzuführen - "tatkräftig unterstützt von meiner Mutter Hildegard", so Hermann Stamm. Hans Stamm sei nicht nur ein begnadeter Bäcker gewesen, sondern habe auch bemerkenswerte künstlerische Talente gehabt. Holger Stamm erinnerte sich: "Unser Vater hat früher sehr gut Geige gespielt und auch ein bisschen Schlagzeug. Er konnte gut malen und zeichnen."

Hans und Hilde Stamm führten die Bäckerei mit Café bis Oktober 1990, dann verpachteten sie die Bäckerei an Dieter Neuber. Danach waren Bäckerei und Laden in verschiedenen Händen, zuletzt bei Mary Desik. Das Café übernahm zunächst Günter Doppel, die aktuelle Pächterin Katja Jochim betreibt es heute als "Alpha Café" weiter.

Bekannte Künstler

Hermann Stamm hat ein Studium als Grafik-Designer hinter sich. Heute ist er ein bedeutender deutscher Fotokünstler und Professor für Visuelle Kommunikation und Fotografie an der Bauhaus-Universität in Weimar.

Holger Stamm hat vor allem die musikalische Ader des Vaters geerbt - er ist Gitarrist geworden. Schier endlos ist die Liste der Bands, in denen er gespielt hat. Er schrieb Filmmusik für das Bayerische Fernsehen und arbeitete mit Schlagergrößen wie Katja Ebstein, Mary Roos, Peter Kraus, Costa Cordalis und Roberto Blanco.

Beide "Bäckerbuben" blicken heute auf ein erfülltes Künstlerdasein. Aber beide pflegen auch ihre Kulmbacher Wurzeln. Für sie ist es nun an der Zeit, das Kapitel "Bäckerei Stamm" zu schließen. Man darf gespannt sein, was der Käufer aus dem stattlichen Anwesen machen wird.

Mehr Geschichten aus der Bäckerei Stamm kann man in Kürze im Museum im Mönchshof aus erster Hand erfahren: Sauermann hat die Brüder eingeladen, dort aus dem Nähkästchen zu plaudern - sicher ein Vergnügen. red